InterviewTauchmediziner Rolf Eichinger zum Eisschwimmen „Lieber langsam aufwärmen“

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Traditionell zum orthodoxen Neujahrsfest wird in Russland im Eiswasser gebadet. Das Schwimmen in eiskaltem Wasser ohne schützenden Neoprenanzug erfordert eine gute Vorbereitung, erklärt der Notarzt und Tauchmediziner Rolf Eichinger.

Das Eintauchen  in eiskaltes Wasser muss gut trainiert werden. Foto: dpa
Das Eintauchen in eiskaltes Wasser muss gut trainiert werden. Foto: dpa

Stuttgart - Am 19. Januar wird in Russland traditionell zum orthodoxen Neujahrsfest im Eiswasser gebadet. Auch gibt es eine Reihe Veranstaltungen und sportliche Wettbewerbe, bei denen ohne Neoprenanzug im Eiswasser geschwommen wird. Aber wie gefährlich ist das? Oder ist es gar gesund, wie viele begeisterte Winterbader meinen? Im Interview erläutert der Notarzt und Tauchmediziner Rolf Eichinger, was man beim Schwimmen im winterlich kalten Wasser beachten soll.

Herr Eichinger, ist Eisschwimmen bei weniger als fünf Grad Wassertemperatur unbedenklich oder richtig gefährlich?
Auch wenn es in der Literatur sehr viele Meinungen und Erfahrungsberichte zur Kaltwasserüberlebenszeit gibt, ist Schwimmen nur in Badehose und Kappe über eine halbe Stunde richtig gefährlich, weil dann der Wärmeverlust relevante Hypothermien, also Untertemperatur, verursacht.
Wie sollten sich Sportler vorbereiten, die 200, 500 oder sogar 1000 Meter schwimmen wollen?
60 Prozent der Ertrinkungsunfälle in Kaltwasser passieren in den ersten 15 Minuten und meist in direkter Nähe zum Ufer oder des Bootes. In diesen 15 Minuten ist die Unterkühlung lange noch nicht relevant. Trotzdem erreichen die Verunglückten nicht das rettende Ufer oder ein Rettungsmittel. Die Gefahr liegt im Kälteschock, auch Englischer Schock genannt, und im Schwimmversagen. Am Kälteschock sterben also die meisten Verunglückten, weil wahrscheinlich kälterezeptorvermittelt mehrere gefährliche Reaktionen aktiviert werden. So kann man schon bei zehn Grad Celsius Wassertemperatur nur noch zehn Sekunden lang die Luft anhalten, was zum Beispiel zum Einatmen von Wasser führt. Es werden auch Panik, Herzrasen und Willensverlust ausgelöst. Alles zusammen kann zum Desaster führen. Der Schwimmverlust, also die Fähigkeit die muskuläre Motorik zu steuern, tut dann ein Übriges.
Also sollte man Eisschwimmen besser sein lassen?
Nein, die gute Nachricht ist: beide Reaktionen kann man trainieren und damit beherrschen. Die Unterkühlung kommt später und ist schwerer und kaum zu beeinflussen. Ein Eisschwimmer sollte also das Kraulen im eiskalten Wasser immer wieder unter kontrollierten Bedingungen trainieren. Langsam ins Wasser gehen und Atmung und psychische Reaktionen kontrollieren üben.
25 und 50 Meter sind also mit links zu machen?
Für den Geübten eher ja.
Ergänzen Sie doch bitte diesen Satz: Wer ganz allein im Eiswasser trainiert, der ist…
…wahnsinnig, weil immer etwas passieren kann.
Fünf Grad Wassertemperatur, zwei Grad oder null Grad – reagiert der Körper unterschiedlich? Oder ist es ab einer gewissen Temperatur völlig egal wie kalt es ist?
Ich denke, ab zehn Grad Celsius wird es kritisch und die Temperaturunterschiede verwischen. Aber es gibt Kälteschockberichte bereits bei 20 Grad Wassertemperatur. Vorsicht ist also immer angesagt.
Wie schnell kühlt der Körper aus?
Langsamer als immer vermutet. Frühere Untersuchungen sahen immer die Hypothermie allein als limitierenden Faktor. Kälteschock und Schwimmverlust sind aber initial viel gefährlicher. Es gibt den Fall eines Landschaftsgärtners, der beim Estoniaunglück acht Stunden im Wasser trieb und keinen Muskel rührte. Er begann erst auf der Krankenstation zu zittern. Auch ein U-Boot-Maat überlebte im Zweiten Weltkrieg 13 Stunden im winterlichen Ärmelkanal, nachdem er mit seinem ersten Offizier und seinem Kapitänleutnant in eisigen Temperaturen aus dem U-Boot ausgestiegen war. Seine Begleiter waren nach 15 Minuten tot, er überlebte unbeschadet. Als man ihn fragte, was ihn am Leben gehalten habe, war die Antwort, der Gedanke an ein kaltes Bier.
Das ist mal eine wirklich gute Nachricht, Bier kann helfen, sogar der Gedanke daran.
Vieles ist also möglich, um den Wärmeverlust zu kompensieren. Sicher spielt der Zugriff auf braunes Fettgewebe eine Rolle. Dieses Gewebe erzeugt bei der Verstoffwechslung Wärme. Es ist also ein reines Heizorgan. Man dachte lange, es gäbe braunes Fett nur bei Säuglingen, es existiert aber auch noch beim Erwachsenen und kann ebenfalls trainiert werden. Ich denke, dass die Feuerlandbewohner, die nach Berichten von Charles Darwin nackt in den antarktischen Wassern Nahrung aus dem Meer tauchten unter anderem ihr braunes Fettgewebe nutzen.
Kann sich jeder gesunde Mensch mit Training im kalten Wasser an die widrigen Umstände im Eiswasser gewöhnen?
Ja, und zwar so, wie ich eben erklärt habe.
Wie (oft) sollte trainiert werden?
Eine schwierige Frage. Die vegetativen Reflexe des Kälteschocks und der Schwimmunfähigkeit können durch häufiges Training konditioniert werden. Ich würde sagen ein bis zweimal pro Woche. Energiespeicher sind schnell wieder aufgefüllt und spielen eine untergeordnete Rolle