Fußball ohne Sprinten? In Rutesheim zeigt eine Walking-Football-Gruppe, wie das funktioniert – und warum gerade das vielen den Weg zurück auf den Platz eröffnet.

Flutlichter erleuchten den Sportpark Bühl in Rutesheim, das helle Weiß glitzert auf dem gefrorenen Kunstrasen. Die Kälte hängt schwer über dem Platz, doch zwölf Spieler stehen pünktlich um 19 Uhr bereit. Schritt für Schritt wärmen sie sich auf. Kein Antritt, kein Sprint, nur kontrolliertes Gehen. Ein gewöhnliches Fußballtraining ist das nicht. Sie spielen Walking Football – eine Sportart, die ihnen erlaubt, weiterhin Teil eines Spiels zu bleiben, das viele von ihnen vielleicht schon abgeschrieben hatten.

 

Seit etwas mehr als zwei Jahren gibt es die Walking-Football-Mannschaft bei der SKV Rutesheim. Die Regeln unterscheiden sich deutlich vom klassischen Fußball: Gespielt wird meist sechs gegen sechs auf einem Kleinfeld, ohne Torhüter und mit kleineren Toren. Die Feldgröße lässt sich flexibel anpassen. Der wichtigste Punkt aber ist nicht verhandelbar: Rennen ist verboten – mit Ball, ohne Ball, immer. Außerdem darf der Ball nur flach gespielt werden, alles über Hüfthöhe gilt als Regelverstoß. Zusätzlich entfällt die Abseitsregel. Das Ergebnis ist ein Spiel, das weniger von Tempo, dafür umso mehr von Übersicht, Technik und Kommunikation lebt.

Ein Spiel ohne Rennen, trotzdem aber voller Intensität

Hinter der Mannschaft in Rutesheim stehen Volker Epple, der Erste Vorsitzende des Vereins, und Ralf Wirkner, früherer Spieler und Trainer der SKV. Beide haben jahrzehntelang aktiv Fußball gespielt, bis Verletzungen, Hüftprobleme und nachlassende Ausdauer ihnen das gewohnte Tempo unmöglich machten. „Ich hab zum Volker gesagt: Ohne Fußball geht’s bei mir nicht“, erzählt Ralf. Der Übergang vom aktiven Spiel in den völligen Verzicht fiel beiden schwer. „Irgendwann merkt man halt: Selbst bei den Alten Herren hält man nicht mehr mit“, sagt er. Statt sich damit abzufinden und den Fußball aufzugeben, suchten sie nach einer Alternative.

Ralf Wirkner, Mitgründer der Mannschaft in Rutesheim. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Dann hörte Volker von Verwandten in Dresden das erste Mal vom Walking Football, einer langsameren, gelenkschonenden Variante zum Fußball. In England ist das Format längst verankert. 2011 wurde Walking Football vom FC Chesterfield Community Trust in Großbritannien initiiert, seit 2016 gibt es in England mit der Walking Football Association einen eigenen Dachverband, in dem 366 Clubs organisiert sind.

Die beiden Rutesheimer sind sofort begeistert. „Wir wollten’s ausprobieren“, so Volker Epple, „und plötzlich stand eine Idee im Raum, die uns sofort gepackt hat.“ Im März 2023 startete das erste Training. Eine Handvoll Spieler kam, viele neugierig, manche skeptisch. Doch der Funke sprang schnell über.

Mit 80 noch auf dem Fußballplatz

Heute umfasst die Gruppe rund 20 gemeldete Spieler, von denen meist zehn bis zwölf regelmäßig auf dem Platz stehen. Das Altersspektrum reicht von Anfang 50 bis fast 80 Jahren. „Nächstes Jahr wird einer 80, und der spielt noch mit“, sagt Ralf. Auch Frauen können jederzeit einsteigen. Der Blick von außen ist oft derselbe: erst ein Lächeln, dann Verwunderung, schließlich Respekt. Denn Walking Football wirkt zunächst gemächlich, ist aber überraschend intensiv. Die Spieler legen in einer Stunde drei bis vier Kilometer zurück, ohne Sprint, aber mit dauerhafter Bewegung. „Der Ball ist immer da“, sagt Volker. „Du hast kaum Verschnaufpausen.“

Volker Epple, Erster Vorsitzender der SKV und Initiator der Walking-Football-Mannschaft in Rutesheim. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Ein wichtiger Faktor ist das geringe Verletzungsrisiko. Dokumentierte Daten aus England zeigen: In über 850 Spielstunden gab es kaum nennenswerte Vorfälle, die meisten davon leicht und durch Regelverstöße verursacht. Für Ralf und Volker ist das ein entscheidender Faktor. „Viele hören auf, weil’s körperlich nicht mehr geht“, sagt Ralf. „Hier können sie weiterspielen. Das ist das Schöne.“

Die Szene soll weiter wachsen

Sportlich hat die Mannschaft bereits Erfolge gefeiert. Das erste offizielle Spiel im Juli 2023 – sechs gegen sechs, mit Schiedsrichter – blieb allen in Erinnerung. Weitere Freundschaftsspiele sollen folgen. Schwierig bleibt allerdings die regionale Lage: Kaum ein Verein im Umfeld hat eine Walking-Football-Gruppe. „Wir sind hier fast allein auf weiter Flur“, sagt Ralf. Trotzdem bleiben die Rutesheimer optimistisch. Sie hoffen, dass die Mannschaft weiter wächst und sich vielleicht auch in den Nachbarvereinen Gruppen bilden. Über Zuwachs würden sie sich sehr freuen – willkommen ist jede und jeder, unabhängig von Alter, Fitness oder Vorkenntnissen. Eine Altersgrenze fürs Training gibt es nicht; nur wer an offiziellen Spielen teilnehmen möchte, muss mindestens 50 Jahre alt sein. Wer einmal reinschnuppern möchte, kann das ganz unkompliziert tun: Trainiert wird immer donnerstags um 19 Uhr im Sportpark Bühl in Rutesheim.

Walking Football in Rutesheim

Training
Jeden Donnerstag um 19 Uhr im Sportpark Bühl. Trainiert wird je nach Witterung auf Rasen oder Kunstrasen. Auch Frauen sind gerne willkommen. Neue Mitspieler bitte vor Teilnahme telefonisch/per Mail anmelden.