Tech-Standort mit Problemen Warum im Silicon Valley die Party vorbei ist

Apple wächst weiter. Aber ein neuer Standort entsteht in Austin im US-Bundesstaat Texas – und nicht im Silicon Valley. Foto: AP/Mark Lennihan

Hohe Lebenshaltungskosten, schlechte Verkehrsanbindung und wiederholte Waldbrände: der Ruf des Silicon Valley als Tech-Standort leidet.

Berlin - Nicht immer beginnt der amerikanische Traum als Tellerwäscher in einer Küche. Im Informationszeitalter kann es auch schon mal eine Garage sein. 1939 entwickelten die beiden Stanford-Absolventen William Hewlett und David Packard in der heimischen Garage einen Hochfrequenzgenerator. Ihr Startkapital betrug gerade mal 538 Dollar. Damit legten Hewlett und Packard in Palo Alto den Grundstein für eine Region, die später als das Silicon Valley Industriegeschichte schreiben sollte.

 

Das Who-is-who der Tech-Branche

Das nicht nur von Tech-Enthusiasten glorifizierte Silicon Valley befindet sich im Speckgürtel von San Francisco und erstreckt sich entlang jener Bucht, die von der Golden- Gate-Brücke im Norden bis hinunter in den Süden nach San Jose reicht. Apple, Google, Facebook, Twitter, Netflix sowie Dutzende weitere IT-Unternehmen haben von dort aus die Welt erobert und mit ihren digitalen Produkten führende Industrienationen wie Deutschland oder Japan in die Bedeutungslosigkeit innoviert.

Das explosionsartige Wachstum bescherte der Region nicht nur unfassbare Reichtümer und politische Macht. Mit dem Erfolg und einem schier unbändigen Verschleiß an jungen Programmierern und Produkt-Entwicklern kamen auch die Probleme. Das beginnt schon frühmorgens mit dem einsetzenden Berufsverkehr auf den beiden Hauptrouten, die das Valley umschließen. Zwischen sieben und zehn Uhr vormittags reihen sich hier die Fahrzeuge Stoßstange an Stoßstange. Rund zwei Stunden Fahrtzeit für eine Strecke von gerade mal 50 Kilometern sind die Regel.

Probleme auf dem Weg zur Arbeit

Die Unternehmen versuchten das Problem zu lösen, indem sie Shuttlebusse, mobile Büros organisierten, in denen die Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit erste Meetings abhalten und ihre E-Mails abarbeiten konnten. Doch das war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Schnell wurden die Busse Angriffsziel wütender Einheimischer, die sich aufgrund des Tech-Booms die Mieten in ihrer eigenen Heimatstadt nicht mehr leisten konnten. Das Obdachlosen-Problem von San Francisco ist im zurückliegenden Jahrzehnt völlig außer Kontrolle geraten. Die Stadt wird seit 2018 im UN-Bericht neben den Slums von Mumbai und Delhi geführt. Kurz vor Weihnachten erklärte die Bürgermeisterin sogar den Notstand.

In den zurückliegenden Jahren hat ein weiteres Phänomen sprichwörtlich den Himmel über dem Silicon Valley verdunkelt: die mittlerweile jährlich auftretenden und immer länger anhaltenden Waldbrände. Über Wochen, oft Monate hinweg ist der Himmel über den Hauptquartieren von Google & Co gelb-rötlich gefärbt von den Rauchschwaden, die man bereits riecht, sobald sich die Türen des Flugzeugs in San Francisco öffnen.

Vorbereitungen auf den nächsten Waldbrand

Fährt man mit dem Auto entlang des Skyline Boulevards, jener Bergstraße, die das Silicon Valley von der Pazifikküste trennt, begegnet man häufig Männern in orangenen Overalls, die mit Hacken und Schaufeln den Boden bearbeiten. Gefängnisinsassen, die unter Beobachtung ihrer mit Gewehren ausgestatteten Aufpasser eine Feuer-Schneise durch die ausgetrockneten Wiesen und Büsche schlagen.

Die Waldbrände waren auch der Grund, weshalb Unternehmen wie Apple oder Facebook so gut auf Corona vorbereitet waren. Die Konzerne saßen schon lange vor Ausbruch der Pandemie auf Millionen von FFP2-Masken. Sicherheitsvorkehrungen für den nächsten Großbrand. Die Masken mochten die Mitarbeiter zwar vorübergehend vor Rauchschwaden und später auch vor dem Virus schützen. Langfristig aber hat sich mit der Coronakrise in den Köpfen der Angestellten ein ganz anderes Virus ausgebreitet. Der Gedanke nämlich, die sieben Sachen zu packen und das Unvorstellbare zu tun: Dem Silicon Valley, dem Mekka des Informationszeitalters, den Rücken zu kehren und zu sagen: Danke, aber es reicht.

Die Region ist aus den Fugen geraten

Steigende Gehälter, explodierende Mietpreise, immer weitere Anfahrten, Verkehrskollaps – ein Teufelskreis. Die gesamte Region, die noch vor 50 Jahren überwiegend aus Wiesen, Apfel- und Pfirsich-Plantagen bestand, geriet komplett aus den Fugen. Kein vorübergehendes Phänomen, vielmehr ein tieferliegendes, strukturelles Problem, das sich auch nicht mehr durch höhere Prämien oder mehr Freizeit lösen ließ: Das Valley wuchs und platzte aus allen Nähten. Irgendetwas musste geschehen. Eine Art Tasten-Kombination aus „Alt, Steuerung und Entfernen“, oder anders ausgedrückt: ein Neustart.

Ausgerechnet der Silicon-Valley-Pionier Hewlett-Packard gehörte zu den ersten großen Unternehmen, die angekündigt hatten, ihre Konzernzentrale von Kalifornien nach Texas zu verlegen. Auch der IT-Dienstleister Oracle will seinen Stammsitz in Kalifornien aufgeben und in die texanische Hauptstadt nach Austin gehen. „Wir versprechen uns von diesen Schritten die bestmögliche Position für Oracle zu wachsen, und wir bieten unseren Mitarbeitern dadurch mehr Flexibilität selbst zu entscheiden, wo und wie sie arbeiten möchten“, so Konzernsprecherin Deborah Hellinger in einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN.

Der Standort stößt an seine Grenzen

Spätestens als dann auch noch Elon Musk twitterte, er werde die Tesla-Firmenzentrale vom kalifornischen Fremont nach Austin, Texas verlegen, konnten die letzten Zweifler nicht mehr abstreiten: Die Party ist vorbei. Ob Apple, Google oder Twitter, mit Ausnahme von Facebook haben die meisten Gründer einer neuen Führungsgeneration Platz gemacht. Das Silicon Valley bleibt ein wichtiger Wirtschaftsstandort in den USA. Aber es stößt spürbar an seine Grenzen. „Wenn ein Team zu lange zu oft gewonnen hat, neigt es dazu, selbstgefällig zu werden und gewinnt keine Turniere mehr“, so Musk auf einer Konferenz des „Wall Street Journal“. „Kalifornien hat zu lange gewonnen.“

Nun also das konservative Texas. Ausgerechnet. Ein Staat, der aufgrund seiner strikten Drogenpolitik und den härtesten Abtreibungsgesetzen des Landes nicht konträrer zur Flower-Power-Gesinnung Kaliforniens sein könnte. Die texanische Hauptstadt Austin sticht dabei wie ein gallisches Dorf aus dem Law-and-order-Staat heraus. Mit seiner bunten Musik- und Kneipenszene, dem alljährlichen South-by-Southwest-Festival, das zehn Tage im Jahr das Who-is-Who der Tech-Branche, der TV-, Film- und Musikszene nach Texas lockt, gilt Austin schon lange als heimliche Kreativ-Hochburg der USA.

Austin in Texas ist im Aufwind

Steuern und Lebenshaltungskosten betragen gerade mal ein Drittel gegenüber dem Silicon Valley. Auch die Unternehmen zahlen deutlich weniger Abgaben als in Kalifornien. Das Wichtigste jedoch: „Die Menschen, die für diese Firmen arbeiten, wollen bei uns leben“, so Steve Adler, Bürgermeister von Austin. „Sie genießen das Klima, die Kultur, die Magie unserer Stadt.“ Neben Tesla und Oracle haben rund 50 Firmen letztes Jahr ihren Sitz nach Austin verlegt. Apple und Google planen in der texanischen Hauptstadt einen neuen Campus.

Allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Einwohnerzahl von Austin verdoppelt. Droht der Region, die inzwischen auch „Silicon Hills“ genannt wird, das gleiche Schicksal wie San Francisco? „Wir versuchen das Kapital, das mit diesen Firmen kommt, in Haushalte mit geringerem Einkommen zu investieren, damit jeder von seiner Arbeit leben kann“, so Bürgermeister Adler im Interview mit dem US-Finanzsender CNBC. Vielleicht hilft ja auch das inoffizielle Stadtmotto gegen den Kapitalismus-Kollaps: „Keep Austin weird!“ – „Bewahre Austins Eigentümlichkeit!“

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