Technischer Leiter der Tri-Bühne Stephen Crane kann alles – auch Bühnendeutsch

Technischer Leiter mit vielen Talenten und zwei Händchen fürs Theater: Stephen Crane in der Werkstatt der Tri-Bühne Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Seit 2001 ist Stephen Crane Technischer Leiter der Tri-Bühne. Der Deutsch-Brite ist nicht nur hinter den Kulissen gefragt. Als Darsteller steht er auch selbst im Rampenlicht.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Er kann Beleuchtung und Bühnenbild, Schauspielen und Schweißen, Effekte, Elektrik und Englisch sowieso. Bevor Stephen Crane vor 31 Jahren im Theater Tri-Bühne landete, bog er auf seinem Lebensweg ein paar Mal ziemlich scharf ab: Aufs Bildhauerstudium in Birmingham folgte 1983 ein Job am Institut für Heizung, Lüftung und Klimatechnik der Uni Stuttgart; danach arbeitete er als Trickkameramann für verschiedene audiovisuelle Studios, bevor er 1993 als Techniker zur Tri-Bühne stieß. Als „lucky bastard“ beschreibt sich der Deutsch-Brite in seiner Kurzvita auf der Internetseite des Theaters, als Glückspilz also. Denn der 64-Jährige ist an einem Ort gelandet, an dem er mit all seinen Talenten gefragt ist.

 

Als Technischer Leiter steht Stephen Crane seit 2001 auf der Gehaltsliste der Tri-Bühne. Der Titel trifft die Arbeit des Tausendsassas, der auch auf der Bühne steht, nur unzureichend, von sich selbst sagt er: „Ich bin ein Vollbluttheatermensch.“ Derzeit kann ihn das Publikum in der neuen Inszenierung von „Alice im Wunderland“ erleben; darin ist er die giftgrüne Raupe mit der elektrischen Gitarre, außerdem die Königin mit den hängenden Stoffbrüsten.

Stephen Crane in „Alice im Wunderland“ (mit Natalja Maas) Foto: Tri-Bühne/Anton Avdieiev

Auch im live gespielten Opernfilm „Gianni“ und in „100 Songs“ sind Stephen Cranes Darstellerkünste derzeit gefragt. Als Bühnenbildner wiederum hat er die Odyssee, die der Jude Otto Silbermann in „Der Reisende“ durchirrt, als Albtraum aus echten Requisiten und projizierten Fotos bebildert. Am Rand der Probebühne rechnet er bei einem Gespräch nach: Von den 136 Premieren, die Stephen Crane an der Tri-Bühne begleitet hat, fanden 50 in einem Bühnenbild von ihm statt.

Auch im übervollen Kulissenlager verliert er nicht den Überblick. Das hübsche Sommerkleid auf der Schneiderpuppe? Gehört zur Adaption von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, für die Stephen Crane ebenfalls das Bühnenbild lieferte. Und das Oma-Sofa, das hochkant im Gang steht? „Das habe ich vor zwei Jahrzehnten selbst bezogen“, sagt das Multitalent, das damals die Labiche-Komödie „Die Affäre Rue de Lourcine“ ausstattete.

Aufbewahren und aufarbeiten, lautet die Devise

„Wir werfen so gut wie nichts weg, Recyceln muss sein“, fasst Stephen Crane den umwelt- und ressourcenschonenden Umgang mit Materialien hinter den Kulissen zusammen. Der habe auch mit den finanziell beschränkten Mitteln eines Theaters zu tun und mit explodierenden Preisen, für Holz zum Beispiel. „Das ist so teuer, dass wir alles wieder aufarbeiten“, erläutert der Vollbluttheatermensch.

Seine Ideen sind also gefragt, damit aus einfachen Dingen Großes wird, aus Möbelrollen etwa eine Drehbühne. „Das meiste, was Sie hier sehen, habe ich entworfen oder gebaut“, sagt Stephen Crane. Nicht Stolz, sondern Selbstkritik ist seine spontane Reaktion: „Hätte ich die aktuelle Entwicklung vor 25 Jahren geahnt, hätte ich schon damals in meinen Bühnenbildentwürfen die Höhen standardisiert.“

Szene aus „Der Reisende“ im Bühnenbild von Stephen Crane (mit Manuel Krstanovic) Foto: Tri-Bühne/Laura Kifferle

Seine Arbeit als Bühnenbildner kennzeichne nicht das Dekorative, sondern die Vorliebe für technische Lösungen, sagt Stephen Crane und benennt eine wichtige Veränderung: Heute gebe es mehr Projektionen, „früher war alles, was man sieht, auch wirklich da“. Als Schauspieler kommt er immer dann zum Zug, wenn das kleine Tri-Bühne-Ensemble Größeres anpackt. Seine ersten drei Sätze, erinnert er sich, sprach er 1996 in einer Sternheim-Komödie, kurz darauf gab er den Kutscher des Revisors in „Der zerbrochene Krug“.

Beim Trickfilm war sein englischer Name gefragt

Dass er mit Englisch als Muttersprache aufgewachsen ist, sollte man dem Bühnen-Neuling nicht anhören, das war sein Ziel.

Im Gegenzug ist sein Englisch gefragt, wenn sich Übersetzungen als fehlerhaft erweisen oder die Rechte dafür noch nicht frei sind. So hat Stephen Crane für einen Shakespeare-Abend Liebessonette ins Deutsche übertragen. Gut also, dass ihm zwei Kulturen in die Wiege gelegt wurden. Den Weg in den Trickfilm etwa hat ihm sein englischer Name geebnet. „Der war gefragt, weil er amerikanisch und nach Kompetenz klang.“ Gefragt war Stephen Crane, der bereits als Teenager mit Stopp-Tricks experimentierte, sicherlich auch als Künstler. „Es gab damals keine digitalen Medien, alles wurde handwerklich gelöst“, sagt er.

Beim Aufkommen der Computertechnik fanden er und seine Vorliebe für eine „Hands on“-Kunst im Theater eine neue Heimat. Die Arbeit dort erfordert oft tatsächlich beide Hände. Das Gros der Zeit verbringen er und seine beiden Mitarbeiter damit, Bühnenbilder für anstehende Aufführungen zu wechseln und die Beleuchtung einzurichten. Auch das sei kreative Arbeit, sagt Stephen Crane: „An einer Theaterproduktion beteiligt zu sein, ist fantastisch. Das ist kein Job, sondern etwas, in dem ich aufgehe.“ Nachdenklich fügt er an: „Wer kann sich schon das Werk eines Bildhauers leisten? Ich bin froh in einem Bereich der Kunst angekommen zu sein, der wichtig für die Gesellschaft ist. Das motiviert mich, alles zu geben.“

Info

Leben
Geboren ist Stephen Crane in Sheffield. Seine aus Stettin stammende Mutter hat seinen britischen Vater auf der Flucht kennengelernt; die Region Stuttgart war eine Station. Hierher zog Stephen Crane 1983 nach dem Kunststudium, um seine deutsche Hälfte zu erkunden. „Ich hatte einen Schlöndorff-Film gesehen, war geflasht und dachte: Da muss ich hin“, sagt er. Ein Onkel, mit dem er später als Comedy-Duo am kkt Kulturkabinett Stuttgart auftrat, verschaffte ihm einen Job an der Uni. Seit 1993 arbeitet Stephan Crane an der Tri-Bühne, seit 2001 ist er ihr Technischer Leiter.

Theater
Die Tri-Bühne wurde 1975 als freies Theater gegründet, seit 1979 ist sie im Areal unterm Tagblattturm zu Hause. In Um- und Ausbau des Theaters von 2002 bis 2004 war Stephen Crane intensiv involviert und legte selbst Hand an beim Bau von Zuschauertribüne und fahrbarer Beleuchterbrücke. 2023 übernahmen László Bagossy und Stefan Kirchknopf die Theaterleitung von Edith Koerber.

Termine
„Gianni“ am 4./5. März; „100 Songs“ am 7./8. März; „Der Reisende“ am 14./15. März; „Stolz und Vorurteil“ am 11./12. März; „Alice im Wunderland“ am 21./22. März.

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