Techno mit SEMF, bitte! Wie Sven Väth das Oz gesprengt hat

1996 und dem Anlass gemäß in Schwarz-weiß: die letzte Party im Unbekannten Tier Quelle: Unbekannt 3 Bilder
1996 und dem Anlass gemäß in Schwarz-weiß: die letzte Party im Unbekannten Tier Quelle: Unbekannt

Oz, Unbekanntes Tier, M1 - das waren Zeiten! Martin Elbert schaut rechtzeitig zum Stuttgart Electronic Music Festival zurück. Fünfter Teil der Kolumne.

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Stuttgart - Das SEMF-Festival ist ein absolutes Happening, das die Massen begeistert – mehrere Tausend Besucher werden erwartet. Wie steht es aber sonst so um die lokale Techno- und House-Szene? Und wie hat sie sich in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt? Martin Elbert aka DJ RAM erzählt's aus seiner ganz persönlichen Perspektive...

Als Geburtsstunde von Techno bezeichnet man gerne „No Ufos“ von Juan Atkins im Jahre 1985. Die Platte hat mit dem heutzutage gängigen Sound relativ wenig zu tun, und 1985 steckte wahrscheinlich die Mehrheit der SEMF-Besucher noch nicht einmal im Bauch ihrer Mutter. Es wäre eigentlich ein mutiges Experiment, die Nummer am Samstag aufzulegen. Wahrscheinlich würden manche dem DJ den Vogel zeigen. Dabei klingt „No Ufos“ auch 25 Jahre später immer noch recht frisch – und wesentlich spannender als vieles, was heutzutage veröffentlicht wird. Und das ist dank der immer günstiger und einfacher zu bedienenden Technik nicht gerade wenig.

 

Anfang der 90er schwappten Techno und House nach Deutschland über, zunächst in tiefergelegten Kellerclubs, ein bisschen Love Parade hier und bisschen Mayday dort, bis das Ding dank Marusha und irgendwo über dem Regenbogen 1994 explodierte und im Mainstream ankam.

1992 war ich zum ersten Mal im OZ (heute Aer Club). Stuttgarts heiliger Gral in Sachen Techno. Und neben dem Dorian Gray in Frankfurt und dem Tresor in Berlin der wichtigste Laden seiner Art in der Zeit. Manche sagen heute, dass das OZ 1992 schon nicht mehr cool war. Ich fand es großartig, vielleicht weil ich überhaupt zum aller ersten Mal in einem Club war, und das mit 15.

Von 1993 bis Anfang 1995 – bis zur legendären Razzia - besuchte ich den Laden regelmäßig. Fast jeden Samstag. Musikalisch war es eher „Kommerz“, wie Kritiker meinten, damals lief genau genommen zumindest in den frühen Abendstunden melodiöser Hardtrance. Mehr habe ich nicht mitbekommen, denn der Nachtbus war für mich Pflicht als Minderjähriger. Und den „Käsesound“ fand ich doch recht gut damals – bis zum Überdruss.

 

 

Für die „coolen“ Läden bin ich leider etwas zu spät auf die Welt gekommen. Das On-U (heute Barbee) kenne ich nur aus Erzählungen. Das Red Dog (heute Climax) und Unbekannte Tier (gegenüber vom Palast, wird aktuell zu einem Einkaufszentrum umgebaut), in dem „echte“ Techno-Acts wie damals Hell, Monika Kruse oder Abe Duque gastierten, lernte ich leider nur in der Schlussphase kennen – als ich sozusagen musikalisch bekehrt war, auch dank einem Berlin-Besuch und einmal den Plattenladen Hardwax leer kaufen im Sommer 1995.

Das Tier schloss im Frühjahr 1996 und das Red Dog, der Club von Tiefschwarz, ein Jahr später 1997. Letzterer galt zwar als (Vocal)-House-Club, aber die Grenzen waren oftmals fließend, wenn zum Beispiel Felix Da Housecat zu Gast war, dessen Set schon damals eher „elektronisch“ klang.

Überhaupt war es für mich persönlich nie ein Problem, auf House zu tanzen, auch auf härteren Techno. Ich fand beides ziemlich spannend – auch wenn die Stile damals weiter auseinander lagen als heute, im Zeitalter der unendlich vielen Schubladen von Minimal-House bis Indie-Electro-Pop.

 

 

Und so war es auch schon auch völlig normal, dass in einem House-Club wie im M1 Derrick May auftrat – neben erwähnten Juan Atkins und Kevin Saunderson einer der drei Grundsteinleger von Techno. Ein denkwürdiger Abend: Ich stand die ganze Nacht mit offenen Mund hinter dem DJ-Pult. Überhaupt das M1: Im ersten Club (heute Ufa) lief derart rougher US-House, der mit dem hedonistischen Plastik-Sound Ende der 90er nicht viel gemeinsam hatte und heute locker auf dem SEMF funktionieren könnte. Chicago to the fullest.

Im zweiten Club im Alten Güterbahnhof, wo heutzutage hinter der BW-Bank ein neues Stadtviertel entsteht, reservierte man im zweiten Floor voll und ganz für die elektronische Musik und buchte Detroit-Helden wie Claude Young nach Stuttgart, der wie ein HipHop-DJ die Platten scratchte und doppelte. Damals wie heute oftmals dasselbe Problem: Oftmals wurden herausragende Bookings nicht gewürdigt. Die Clubmasse lechzt seit jeher nach bekannten Headlinern, nach ihren Helden, nach den „Crowdmovern“.

 

 

Sven Väth hat schon in den Früh-90ern an einem Mittwoch (!) das Oz gesprengt. Genau mit diesem Problem hatte auch oftmals die Neue Heimat im Prag zu kämpfen. Mitte der 90er startete man, zollte zunächst dem damals trendigen „Schweden-Techno“ (ein Vorläufer vom sogenannten Schranz, harter monotoner Loop-Techno) Tribut und spezialisierte sich später auf etwas experimentellen harten aber langsamen Techno. Je bekannter der Gast-DJ, desto voller der Laden.

Aber fast kein Club der Welt kann sich nicht jede Woche einen sündhaft teuren Act leisten. Mitte des letzten Jahrzehnts gab die Neue Heimat nach knapp acht Jahren auf, weil sich letztendlich Aufwand und Mühe nicht auszahlten.

Gerade in den Anfangsjahren war ich sehr gerne dort, insbesondere im Gedächtnis geblieben ist der Gig meines Jugendidols Jeff Mills. Bei „Strings Of Life“ kullerte mir sogar eine Träne runter.

 

 

Techno in Stuttgart war in den 90ern im Nachhinein betrachtet eine Nischenangelegenheit. Die Clubs waren sehr rar gesät. Heutzutage ist undergroundige elektronische Musik doch um einiges breiter vertreten, wobei wiederum mehr Wert auf spezielle Stile gelegt wird und selten der große ganze Techno-Topf angenommen wird – wie eben in den 90ern. Dazu mehr im zweiten Teil, der in Kürze folgt.

Was in Stuttgart wirklich noch nie funktioniert hat: Große Open Airs oder Hallen Events. In den 90er gab es zweimal ein Event namens Masters Tribe in der Schleyerhalle, mittelmäßig erfolgreich, obwohl gerade bei der zweiten das Line Up teilweise doch sehr solide und anspruchsvoll war. Kostete damals übrigens 79 Mark Eintritt. Das SEMF-Ticket kriegt man 44 Euro. Wie war das nochmals mit alles wird teurer?

Gewinnspiel: Auf unserer Facebook-Seite gibt es zwei Tickets und eine Festival-Compilation zu gewinnen.

Martin Elbert, der Autor unserer Kolumne "Techno mit Semf, bitte" ist langjähriger Autor im Bereich Nightlife, schreibt unter anderem für das Stadtmagazin LIFT und betreibt das Blog Kessel.TV. Am Wochenende ist er als DJ RAM aktiv. 

Hier geht es zur Festival-Homepage.

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