Teenager im Ausnahmezustand „Die gefährlichste Phase ist zwischen 13 und 16 – das Gehirn spielt verrückt“

Wechselnde Launen bei der Tochter? In der Pubertät ist das Alltag. Foto: Daniel Lezuch

Pubertät als Baustelle im Gehirn: Warum Teenager oft frech wirken und wann Eltern gelassen bleiben können. Experten geben Einblicke und Tipps.

Aufstehzeit!“ – „Mama, chill, du Fisch, was soll das? Das weiß ich doch“, sagt der 14-Jährige – und dreht sich noch mal um. War das jetzt unhöflich? Oder einfach nur ein genervter Teenager, der keine Lust aufs frühe Aufstehen hat? Eltern kennen das. Sie regen sich auf und das Kind im Pubertätsalter verdreht einfach die Augen. Ist das die Pubertät oder ein unhöfliches Verhalten, bei dem man erziehend eingreifen muss?

 

Anruf bei Dieter Braus, Neurologe und Psychiater und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Eltville bei Wiesbaden. Er beschäftigt sich mit dem Gehirn in der Pubertät. Meist ein ganz normales Verhalten, kein Grund zur Sorge, beruhigt er. In der Pubertät passiere ein riesiger Umbauprozess im Gehirn. Bis zu 80 Prozent der bisherigen Verbindungen der Nervenzellen im Gehirn werden in dieser Zeit gekappt.

Das Gehirn – eine einzige Baustelle in der Pubertät

Besonders von dieser Baustelle im Gehirn betroffen sind die Regionen, die für Stimmung, Motivation und Kognition wichtig sind. Die abrupten Stimmungswechsel, die Null-Bock-Phasen, der Rückzug ins eigene Zimmer: Das, was Eltern von Jugendlichen mehr als bekannt vorkommt, ist also auch Ergebnis des Reifungsprozesses.

Neurologe Dieter Braus: „Die gefährlichste Phase ist zwischen 13 und 16 Jahren. Da spielt das Gehirn am verrücktesten.“ Foto: Vitos

Und das ständige Widersprechen? Teil des normalen Ablöseprozesses, beruhigt Dieter Braus. Die gesteigerte Risikobereitschaft? Auch das eine Folge des neuronalen Reifungsprozesses, der vor allem im präfrontalen Cortex stattfindet, also der Hirnregion, die für Impulskontrolle und planvolles Verhalten zuständig ist. Aber wie lange müssen Eltern durch diese zugegeben bisweilen anstrengende Zeit? „Die gefährlichste Phase ist zwischen 13 und 16 Jahren. Da spielt das Gehirn am verrücktesten.“

Erziehungsexperte Jesper Juul hat einmal gesagt, dass man seine Kinder erziehe, bis sie zwölf Jahre alt sind. Ist der Zug dann wirklich abgefahren? Die Psychologin und Elternmentorin Pia Brand beruhigt: Auch wenn es manchmal so scheint, die Jugendlichen haben die Werte, die sie in ihrer Kindheit von ihren Eltern beigebracht bekommen haben, nicht vergessen. Nur weil sie Grenzen austesten, bedeute das nicht, dass ihre Werte grundsätzlich verrutscht seien. Im Gegenteil. „Die Jugendlichen wollen herausfinden, ob die Werte, die sie aus der Kindheit kennen, noch Bestand haben.“

Auch wenn es manchmal schwerfällt, sollten Eltern ihre Ruhe bewahren und sich überlegen: Muss ich das Fehlverhalten jetzt kommentieren? Meistens müsse das nämlich gar nicht sein. „Keine Panik, wenn Jugendliche provozieren“, gibt Pia Brand Entwarnung. Die meisten Jugendlichen wüssten ganz genau, wie ein respektvoller Umgang funktioniert.

„Positives verstärken und Negatives emotional neutral betrachten“

Auch Neurologe Braus rät zu Gelassenheit: „Positives verstärken und Negatives emotional neutral betrachten.“ Das Gehirn lerne nur durch positive Verstärker, Strafen führen nur dazu, dass man sich über die Strafe aufregt und sich nicht mit dem Vergehen an sich auseinandersetzt.

Pia Brand spricht vom Elternhaus als „Trainingslager“, ein geschützter, sicherer Rahmen, in dem Jugendliche sich ausprobieren können. Statt zu belehren und zu strafen, sei es wichtiger, den Jugendlichen vorzuleben, wie man miteinander umgehen möchte. Dazu gehöre auch, dass Eltern nach einem Streit mit ihren Kindern nicht mit Liebesentzug reagieren. Wichtig sei es auch, dem Kind vorzuleben, wie man sich wieder verträgt, wenn es mal hoch hergegangen ist. Also anerkennen, dass es dem Kind leidtut, sich vertragen und deutlich machen: „Wir kriegen alles zusammen hin.“ Auch die Frage „Was brauchst du (…um pünktlicher zu sein)?“ kann Wunder wirken.

Wenn Jugendliche eskalieren, sind meist nicht die Eltern schuld

Doch wenn die Impulsivität mit Teenagern durchgeht, ist das manchmal schwer auszuhalten. Dagegenhalten bringe nichts, solange die Jugendlichen akut aufgebracht sind, so Brand. Für Eltern heißt es dann also: Abwarten, bis die Welle verebbt ist, dann hinterfragen, was das Kind so auf die Palme gebracht hat. Denn, so Brand: „Wenn Jugendliche zu Hause eskalieren, hat das meist einen externen Grund. Zoff mit der Freundin, Angst vor einer Klassenarbeit, Ärger in der Schule.“

Manche Kinder bräuchten in so einer Situation erst einmal Ruhe und Rückzug. Da helfe es zu signalisieren: Ich bin da, wenn du sprechen möchtest. Mit dem Kind ins Gespräch kommen – am besten gelinge das in einer Situation, in der man sich nicht gegenübersitze, so Brand. „Es ist für die Jugendlichen einfacher sich zu öffnen, wenn man sich dabei nicht in die Augen schaut.“ Also nebenher beim Wäscheaufhängen sprechen. Oder auf Autofahrten. Oder gezielt Momente zu zweit schaffen: „Kommst du kurz mit den Supermarkt, ich brauche Hilfe beim Tragen.“

Eltern sollten möglicht nicht zurück schreien

Oft komme in solchen ruhigen Momenten auf einmal etwas aus den Jugendlichen heraus, oft auch Dinge, die sie schon lange mit sich herumtragen, weiß Brand aus ihrer Erfahrung als Elterncoach.

Doch bei allem Verständnis, manchmal überschreiten Jugendliche eine Grenze. Wie schafft man es, trotzdem, sich auf Augenhöhe zu begegnen? „Nicht von oben herab zurück schreien, sondern das Gefühl benennen, das durch die Überschreitung ausgelöst wurde“, rät Pia Brand.

Es helfe auch, im Eifer des Gefechts, eine verbale Grenze zu ziehen: „Stopp, ich gehe davon aus, dass du das gerade nicht so meinst, wie du es sagst.“ Egal, wie verletzt Eltern in diesem Moment sind, sie sollten nicht auf derselben Ebene zurückschlagen: „Wir Erwachsenen sollten auf keinen Fall ebenfalls eine Grenze überschreiten.“

Doch wie bei allem in der Erziehung ist die Grenze zwischen „Das ist normal, eine Phase, die wieder vergeht“ und der Frage „Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“ für Eltern nicht immer leicht zu erkennen. Wenn die Jugendlichen sich auch außerhalb des Elternhauses respektlos verhalten, dann sollten Eltern genauer hinschauen, so Pia Brand.

Respektloses Verhalten soll einen Schutz bieten

Was zu Hause noch Austesten von Grenzen ist, kann draußen ein Alarmzeichen sein, besonders wenn so etwas sonst noch nie vorgefallen ist. „Meistens steckt dahinter ein Gefühl des Nichtgesehenwerdens“, erklärt Brand. „ Das Gefühl, dass die ganze Welt unfair zu einem ist.“

Ist beim Kind das Vertrauen in die Welt verloren gegangen, ist es eine typische Reaktion, sich durch respektloses Verhalten zu schützen. Igelstacheln nennt Pia Brand das, wenn Jugendliche zu allen gemein sind, um niemanden an sich heranzulassen. Eine Art Selbstschutz. Hinter dem meistens ein unerfülltes Bedürfnis steckt.

Auch wenn die Kinder größer werden, selbstständiger und die Herausforderung für Eltern eher das Loslassen als das Behüten ist, sollten Eltern dennoch am Leben der Kinder teilnehmen, rät auch Dieter Braus.

Schlechtere Noten in der Schule – beinahe normal

Vorübergehend absackende Schulleistungen zu Beginn der Pubertät seien normal, beruhigt er. Wenn die Jugendlichen aber länger andauernde Schlafprobleme haben, deutlich weniger berichten als früher, auf einmal ängstlicher werden: Dann sollten Eltern genau hinschauen. „Stille und schlechter Schlaf sind Alarmsignale“, stellt er klar. Dann sollte man auf die Suche gehen, ob etwas in der Schule vorgefallen ist, ob es Mobbing gab, ob die Beziehungen in der Peer Group noch stabil sind.

Um auf den vom Aufwecken genervten Teenie vom Anfang zurückzukommen: Statt mit Belehrungen über Respekt, Pünktlichkeit oder gar Disziplin sollten Eltern mit Verständnis reagieren. Sich an die eigene Jugend erinnern, daran, dass man selbst auch nicht immer gern vom Wecker geweckt wird und dann freundlich an die Schule erinnern: „Ich verstehe dich gut, ich würde auch gern noch liegen bleiben.“ Gemüter beruhigt, keine Eskalation, sondern ein Team, das sich gemeinsam über den frühen Schulbeginn aufregt und als Verbündete in den Tag startet.

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