Belgrad/Bukarest - Ihr eigenes Schicksal hätte Rifea Stanescu ihrer Tochter gerne erspart. Mit zwölf Jahren hatte die heute 35-Jährige aus dem Dorf Investi in der Nähe der ostrumänischen Stadt Vaslui 1997 ihr erstes Kind geboren. Mit elf Jahren wurde ihre Tochter Maria 2011 selbst Mutter – und machte Rifea mit 23 Jahren zur jüngsten Großmutter Europas. Ihr Enkel Ion sei ein „guter Junge“, der ihr viel Freude bereite, versicherte sie vor einigen Jahren in einem Interview: „Ich bin froh, seine Oma zu sein. Aber ich habe Maria etwas anderes gewünscht – und mir selbst auch.“
Viele junge Mütter brechen die Schule ab
Viel hat sich im Karpatenstaat seit der Geburt von Rifeas Enkel nicht geändert: Die Mutter des ersten geborenen Kindes in diesem Jahr war eine 15-Jährige. Noch immer weist Rumänien laut Eurostat nach Bulgarien in der EU den höchsten Anteil von Teenager-Müttern auf: Der Anteil der Mütter unter 20 Jahren ist mit 12,1 Prozent mehr als dreimal so hoch wie der EU-Durchschnitt (3,7 Prozent). Die Zahl der ungewollten Schwangerschaften von minderjährigen Müttern beträgt mehr als 16 000 pro Jahr, Tendenz steigend. Jede vierte Mutter unter 18 Jahren in der EU ist eine Rumänin. 83 Prozent von Rumäniens Jungmüttern brechen nach der Geburt oder bereits während der Schwangerschaft den Schulbesuch ab. Die mangelhafte Sexualaufklärung in den Familien und an den Schulen macht der Gesellschaft zu schaffen.
„Attacke auf Unschuld der Kinder“
Laut Statistiken habe sich jeder vierte rumänische Jugendliche bereits mit einer beim Sex übertragenen Krankheit infiziert, so Stefan Palarie, Abgeordneter der liberalen Regierungspartei URS-Plus im Senat: „Dies ist kein Straßen- oder Armutsproblem, sondern betrifft die ganze junge Generation in Rumänien.“ Das Problem der mangelhaften Aufklärung ist eigentlich erkannt. Doch die von Staatschef Klaus Johannis bereits im April letzten Jahres initiierte Einführung von Sexualunterricht an den Schulen stößt auf Widerstand – selbst in den Reihen der bürgerlichen, ihm nahestehenden Regierungspartei PNL.
Sexualunterricht an den Schulen sei eine „Attacke auf die Unschuld unserer Kinder“ und führe zu einem verfrühten Sexualleben, wettert die Rumänisch-Orthodoxe Kirche. Kinder müssten geschützt werden, ereifert sich Diana Sosoaca, Senatorin der rechtspopulistischen AUR-Partei: „Niemand wäre glücklich, wenn Kindern zwischen null und vier Jahren gelehrt wird, was Masturbation ist.“ Nicht nur wegen des Widerstands der oppositionellen, ebenfalls stramm auf klerikalem Kurs segelnden Sozialisten (PSD) ist die Einführung von Sexualunterricht bisher verhindert worden. Auch konservative Abgeordnete der größten Regierungspartei PNL und der ungarischen Minderheitspartei UDMR treten kräftig auf die Aufklärungsbremse.
Eltern müssen Sexualkundeunterricht zustimmen
Gegen eine vom zuständigen Ausschuss umgemodelte Gesetzvorlage, die statt von Sexual- von Gesundheitsunterricht spricht, reichte wiederum der Präsident eine Verfassungsklage ein. Begründung: Es sei weder erwähnt, dass der Unterricht der Vermeidung unerwünschter Schwangerschaften und beim Sex übertragener Krankheiten diene, noch werde klar, wie oft er abgehalten werden solle.
Das Verfassungsgericht hat den präsidialen Einspruch im September abgeschmettert. Seitdem wird in den Parlamentsausschüssen weiter verbittert, aber fruchtlos um die Aufklärung an den Schulen gerungen. Wenn zum Sexualunterricht die Zustimmung der Eltern notwendig sei, würden kaum diejenigen Kinder erreicht, die ihn nötig hätten, warnte vergangene Woche Vize-Premier Dan Barna (URS-Plus). Stattdessen spricht er sich für das Recht auf Unterrichtsfreistellung auf Antrag der Eltern aus: „Diejenigen, die immer noch im Mittelalter leben wollen, können das tun. Aber es darf nicht so sein, dass Kinder kein Recht auf Sexualunterricht haben und nur weise Eltern, die sich um ihren Kinder sorgen, ihren Nachwuchs zu dem Unterricht bringen.“
Die Geschichte vom Storch
Ein Kompromiss zur baldigen Einführung von Sexualunterricht scheint in dem eher traditionell gestrickten Karpatenstaat vorläufig nicht in Sicht. In der Regierungskoalition streitet nur der Juniorpartner URS-Plus aktiv für eine verbesserte Aufklärung an den Schulen. Viele Rumänen würden ihren Kindern noch immer die Geschichte von den Störchen erzählen, „die die Kinder bringen“, klagt der Soziologe Gelu Duminica über „Gesellschaftselemente aus dem 18. Jahrhundert“. Er wisse nicht, „in welcher Welt die rumänischen Parlamentarier leben“, sagt er verbittert: „15 000 Mädchen werden jedes Jahr an den Rand der Gesellschaft geworfen – aus Ignoranz und dem Mangel an Wissen.“