Es ist ein harter Schlag, den die Betroffenen hinnehmen müssen: Der Ditzinger Lebensmittelhersteller Bürger nimmt seine glutenfreien Maultaschen vom Markt. Das heißt: Menschen, die unter Zöliakie leiden, müssen in Zukunft auf die „Herrgottsbscheißerle“ des Mittelständlers verzichten.
Eine von 100 Personen leidet in Deutschland unter Zöliakie
Zöliakie ist eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut, die verursacht wird von einer Überempfindlichkeit gegenüber einzelnen Bestandteilen von Gluten – dem sogenannten Klebereiweiß in den Körnern zahlreicher Getreidesorten. An dieser Glutenunverträglichkeit leidet in Deutschland eine von 100 Personen, sie bleibt lebenslang bestehen und kann lediglich mit einer entsprechenden Ernährung eingedämmt werden. Nun fallen die Bürger-Maultaschen aus diesem Ernährungsplan heraus. Nur: warum?
„Die Herstellung von glutenfreien Produkten erfordert aufwendige Produktionsprozesse, schließlich möchten wir eine hundertprozentige Glutenfreiheit garantieren“, holt Andrea Neubert, Marketing-Bereichsleiterin bei Bürger, auf Nachfrage unserer Zeitung aus. Man verarbeite auf allen Produktionsanlagen klassische Getreidesorten wie Hartweizengrieß sowie Weizen- und Dinkelmehl. „Das erschwert uns die Situation ungemein. Denn für die Herstellung von glutenfreien Teigwaren müssen wir Produktionszeiten einplanen, an denen keine anderen Produkte in der gesamten Halle hergestellt werden können.“
Hauptteil des Bürger-Sortiments wird in Crailsheim produziert
Bislang waren die glutenfreien Maultaschen im Bürger-Standort in Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall) produziert worden. Dort wird inzwischen ein Großteil der Produkte hergestellt. „Die Nachfrage nach unserem Sortiment ist in den letzten Jahren gestiegen“, so Neubert – und bezieht sich damit zum Beispiel auch auf die veganen Produkte. Im Gegenzug sei es immer schwieriger, Personal für die Produktionstage zu finden. „Durch die hohe Auslastung aller Produktionslinien ist die Sonderproduktion der glutenfreien Teigwaren für uns kaum darstellbar geworden.“
All das begeistert etwa die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft (DZG) überhaupt nicht. Die DZG mit Sitz in Stuttgart versteht sich als Selbsthilfeorganisation und hat mehr als 40 000 Mitglieder. „Als wir die Nachricht über das Aus der Maultaschen gepostet haben, wurde das zu einem unserer reichweitenstärksten Beiträge“, sagt Tobias Freund, der bei der DZG für die PR zuständig ist.
Man könne nun jedoch nicht so einfach sagen, dass die Menschen auf ein bestimmtes anderes Produkt ausweichen können oder sollen. Allerdings empfiehlt die DZG dann doch die glutenfreien Maultaschen von Bofrost als letzte verbleibende Fertig-Alternative. „Das können wir tun, es ist auch keine versteckte Werbung, weil das Unternehmen Lizenznehmer bei uns ist“, so Freund. Das heißt: Bofrost arbeitet mit der Gesellschaft zusammen und verwendet auf seinen Produkten auch das Zeichen mit der durchgestrichenen Ähre.
Zurück zu Bürger. Die Tragweite des Themas hat man im Unternehmen wohl nicht unterschätzt. Neubert: „Wir sind uns bewusst, dass dies kein leichter Schritt ist, zumal wir viele Fans dieses Artikels haben.“ Eine Antwort auf die Frage, wie viele glutenfreie Maultaschen das Unternehmen im Jahr 2022 verkauft hat, bleibt sie jedoch schuldig.
Das Aus für die glutenfreien Maultaschen ist endgültig – oder doch nicht?
Die Marketing-Bereichsleiterin versichert nur, dass dann doch noch nichts endgültig ist: „Wir arbeiten nach wie vor an einer alternativen Produktionsmöglichkeit, um diesen beziehungsweise einen ähnlichen Artikel wieder in unser Sortiment aufnehmen zu können.“ Ob und wann dies der Fall sein werde, könne man aktuell jedoch leider nicht einschätzen.
Gibt’s denn bei Bürger nach dem Maultaschen-Stopp überhaupt noch glutenfreie Produkte? Laut Andrea Neubert seien die Gnocchi glutenfrei. „Jedoch loben wir sie nicht als glutenfrei aus, da sie Spuren von Gluten enthalten könnten.“ Grund dafür seien auch in diesem Fall die schwierigen Produktionsbedingungen.