Utz Mörbe setzt sich für die Menschen mit Behinderung im Kreis Böblingen ein.

Weil der Stadt/Böblingen - Utz Mörbe ist ein ausgesprochen aktiver Mensch. Er spielt Fußball, ist eingeschworener Fan der Stuttgarter Kickers und engagiert sich politisch. Und er ist ein Mensch mit Behinderung. Im Ehrenamt ist er Vorsitzender des Teilhabebeirats für Menschen mit Behinderung im Landkreis Böblingen.

„Menschen mit Behinderung werden von der Gesellschaft oft vergessen.“ Utz Mörbe, kurze dunkle Haare, gepflegter Vollbart, sitzt in Jeans und blauem Hemd entspannt auf seinem Stuhl. „Sie brauchen ein Sprachrohr und jemanden, der ihre Anliegen in die Gesellschaft trägt.“

Auch mit geistiger Behinderung ist der 35-Jährige ein selbstbewusster Redner, der sich klar und präzise ausdrückt. Die zweite Amtszeit gibt ihm Gelegenheit, sein Engagement im Beirat fortzuführen.

Dinge auf Kreiseben anstoßen

Utz Mörbe lebt in Weil der Stadt und arbeitet bei Atrio in der Leonberger Werkstatt. Hier hat er als Werkstattrat schon Erfahrung in der Gremienarbeit sammeln können. Im Teilhabebeirat des Landkreises kann er, unterstützt von seinen neun Mit-Beiräten, die Dinge auf Kreisebene anstoßen.

„Wenn Menschen nicht persönlich betroffen sind, dann denken sie nicht über das Leben mit Behinderung nach“, weiß der Vorsitzende. Deshalb setzt der Teilhabebeirat selbst die entsprechenden Impulse und hat auch schon einiges bewegt, angefangen damit, dass er beim Sozialausschuss einen hauptamtlichen Beauftragten für Menschen mit Behinderung durchgesetzt hat. Bei etlichen städtischen Baumaßnahmen wie dem Klinikneubau auf dem Flugfeld ist der Beirat eingebunden und mahnt beispielsweise flächendeckende Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr und Gebäuden an.

Barrierefrei-Wegweiser zum Mitmachen

„Menschen mit Behinderung haben meist kein Auto und sind komplett auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Deshalb muss hier mehr für die Barrierefreiheit und für bessere Anbindungen getan werden“, findet der Vorsitzende.

„Wir haben auch die Kampagne ‚Wheelmap.org‘ für den Landkreis Böblingen angestoßen und begleitet“, ein großes Projekt, an dem 850 Schüler, 90 Senioren und 60 Rollstuhlfahrer ehrenamtlich mitgearbeitet haben. Jetzt gibt es den Mitmach-Barrierefrei-Wegweiser, eine internetgestützte Karte, auf der genau verzeichnet ist, wo im Landkreis barrierefreie Haltestellen sind oder wo die nächstgelegene rollstuhlgerechte Toilette ist.

„Mensch kommt immer zuerst“

Der bunt gemischte Kreis der zehn Teilhabebeiräte spiegelt die Vielfalt der Menschen mit Behinderung wider. „Es ist gut, dass wir Menschen mit verschiedenen Behinderungen dabei haben“, betont Utz Mörbe, „denn ich kann nicht beurteilen, was für einen Blinden oder für einen Rollstuhlfahrer wichtig ist. Das wissen sie selbst besser.“ Dann schmunzelt er: „Wie wir uns definieren, darüber haben wir bei den Sitzungen schon ganz schön gestritten“, plaudert er aus dem Nähkästchen, „aber in einem Punkt sind sich alle einig: egal, ob von Menschen mit Behinderung oder von Menschen mit erhöhtem Assistenzbedarf gesprochen wird, der Mensch kommt immer zuerst.“

„Bei uns kommen alle zu Wort“

Mörbe lacht: Die Debatten, bei denen sie kein Blatt vor den Mund nehmen, sind wichtig. Und sie fruchten. „Bei uns kommen alle zu Wort“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, „auch die Kreisräte.“

Die nehmen, ebenso wie Angehörige der Verwaltung, selbstverständlich an den Sitzungen teil. Denn die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes ist eine Aufgabe des Landratsamtes und muss umsichtig geplant werden. Dabei ist der Teilhabebeirat sehr aktiv beteiligt, er ist die Stimme der Betroffenen, ihr politisches Sprachrohr. Denn Menschen mit Behinderung können selbst für sich sprechen, sie wissen selbst am besten, was sie sich zutrauen können und was sie wirklich wollen.

Training mit den Kickers

„Wir werden ernst genommen“, erklärt der Vorsitzende die erfolgreiche Zusammenarbeit, zudem der Landkreis Böblingen auch sehr teilhabeorientiert sei. Doch es bleibt noch etliches zu tun, und neben ganz handfesten Fortschritten für das Alltagsleben gibt es noch anderes, was der Beirat erreichen will: „Wir wollen Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft sichtbarer machen, und wir wollen geachtet werden wie alle anderen auch“, erklärt Utz Mörbe.

Doch bei allem Engagement, es muss Zeit für Dinge bleiben, die Spaß machen. Kürzlich hat Utz Mörbe über den Fanclub der Stuttgarter Kickers ein Training der Leonberger Atrio-Werkstatt-Mannschaft, den Ramtelkickern, mit den Spielern seines Lieblingsvereins organisiert: „Die komplette Kickers-Mannschaft ist gekommen“, freut er sich, ein echtes Glanzlicht für den überzeugten Fußballfan und ein denkwürdiger Tag für die Ramtelkicker.

Info: Ziel ist die Inklusion der Menschen

Beirat
Der Teilhabe-Beirat ist eine Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung im Landkreis Böblingen. Der Beirat besteht aus zehn stimmberechtigten Menschen mit Behinderung, die von bestehenden Gremien wie etwa dem Werkstattrat, dem Wohnheimbeirat oder der Schülervertretung gewählt werden. Dazu kommen noch jeweils ein Seniorenvertreter und ein Vertreter des Förder- und Betreuungsbereiches.

Kreistag 2007 hatten Betroffene die Idee, einen Teilhabebeirat zu gründen, im März 2009 fand die erste Sitzung statt. Ziel ist die Inklusion der Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf in die Gesellschaft. Der Beirat ist dem Sozial- und Gesundheitsausschuss des Kreistages angegliedert, die Fraktionen entsenden beratende Mitglieder. Reinhard Hackl, der Kreis-Behinderten-Beauftragte, ist der Geschäftsführer des Beirats.