Telefonseelsorge Notfallhilfe für die Seele

Martina Rudolph-Zeller leitet die evangelische Telefonseelsorge Stuttgart. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Die Evangelische Telefonseelsorge ist 24 Stunden am Tag erreichbar – für Einsame und Verzweifelte. Existenzängste aufgrund der Energiekrise oder schwere psychische Krankheiten sind derzeit die Themen, die die meisten Anrufer belasten. Ein Besuch.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Wenn Martina Rudolph-Zeller ihr Telefon freischaltet, klingelt es sofort. Das Interesse ist riesig – vor allem seit der Coronapandemie: 13 645 Mal klingelte das Telefon bei der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart im vergangenen Jahr.

 

„Der Bedarf, einfach nur mit jemandem zu sprechen, ist gigantisch hoch“, sagt Rudolph-Zeller, Sozialpädagogin und Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart. Ein Telefon ist deshalb immer rund um die Uhr freigeschaltet. Manchmal erlaubt es die Personalsituation auch, ein zweites freizuschalten. Auch das klingelt dann ständig. Wenn belegt ist, werden die Anrufer umgeleitet zu anderen Telefonseelsorge-Einheiten, in Heilbronn oder Ulm zum Beispiel. „So sind wir immer erreichbar“, sagt die Sozialpädagogin.

Viele Anrufer haben in ihrem Leben niemandem zum Reden

Die Büros mit den Telefonen sind hübsch eingerichtet, in jedem Raum gibt es ein Bett und einen gemütlichen Sessel, auf dem Schreibtisch stehen die Telefonanlage und ein Computer. Die Mitarbeiter machen sich immer gleich Notizen zu den Gesprächen. Warum ruft jemand an? Was ist sein Thema?

Ihr erster Anrufer an dem Nachmittag ist ein Mann, Mitte 56 sei er, Frührentner und leide unter Depressionen. Er ist schwer zu verstehen. Ohne seinen Namen zu nennen, spricht er auch sofort los. Aus einer Freizeitgruppe, die er regelmäßig besucht hat, habe er sich zurückgezogen. Er sei schon sechs Monate nicht mehr dort gewesen. „Aber seitdem hat niemand nach mir gefragt“, beklagt er. Er habe das Gefühl, niemand interessiere sich dort wirklich dafür, wie es ihm geht. Deshalb überlegt der Herr nun, den Kontakt ganz abzubrechen. So richtig leicht fällt ihm das aber nicht. Immer wieder kommt er darauf zurück, was er denn nun tun soll. Was sich immer wieder durchzieht in dem Gespräch: Er glaubt, für niemanden wichtig zu sein. Es ist viel Verbitterung aus seiner Stimme heraus zu hören.

Martina Rudolph-Zeller hört ihm einfach zu. Sie sagt nicht viel. Gelegentlich stellt sie Fragen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht in Gruppen? Wollen Sie irgendwo dazu gehören? Gibt es jemanden, mit dem sie sprechen können? Als der Herr wiederholt nach Rat fragt, ob er denn ganz offiziell aus dieser Gruppe austreten soll, winkt Rudolph-Zeller aber ab. Konkrete Entscheidungshilfen könne sie ihm nicht geben. Sie sagt nur: „Sprechen Sie mit ganz vielen Menschen in Ihrem Umfeld darüber.“

Auf viele Einzelheiten in den Gesprächen am Telefon achtet Rudolph-Zeller inzwischen gar nicht mehr. Wichtiger: die Stimmlage, die Tonalität, die Stimmung. In welchem Zustand ist jemand? Braucht er weitere Hilfe? Kann sie einfach auflegen und den Mensch mit seinem Schicksal alleine lassen?

Einsamkeit und Existenzängste plagen die Menschen am meisten

Im Nebenzimmer sitzt eine Mitarbeiterin von Rudolph-Zeller am Computer und beantwortet Chat-Nachrichten. Sie ist gerade im Austausch mit einem queeren Jugendlichen, der niemanden hat, mit dem er über seine Sorgen und Ängste reden kann. Inzwischen bietet die Telefonseelsorge auch die Möglichkeit an, per Chat zu helfen. Im anderen Zimmer ist Günther am Telefon. Er ist einer von rund 120 Ehrenamtlichen, die zwölf Stunden im Monat und fünf Nächte pro Jahr dort arbeiten.

Er sei schon seit etwa 1975 bei der Telefonseelsorge, erzählt er zwischen zwei Anrufen. Zwischendurch habe er länger Pause gemacht, seit er nun im Ruhestand ist, hilft er wieder mit, indem er Menschen am Telefon beruhigt, ihnen zuhört, wenn sie gerade in einer Krise sind und nicht weiter wissen. Die 0800 111 011 1, die deutschlandweite Nummer der Telefonseelsorge, steht im Telefonbuch unter Notrufnummern, auch unter Zeitungsartikeln zum Thema Suizid wird auf die Hotline verwiesen. Sie erscheint als erstes, wenn man bei Suchmaschinen die Wörter „Ich will nicht mehr leben“ oder „Suizid“ eingibt. Die Nummer ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar – die Notfallnummer eins für die Seele. „Die Telefonseelsorge gehört zur Daseinsfürsorge“, sagt Martina Rudolph-Zeller.

Die Einrichtung finanziert sich aus Spenden sowie Zuschüssen aus dem Kirchenkreis, der Landeskirche und der Stadt Stuttgart. Aber man investiere umgekehrt auch sehr viel in die ehrenamtlichen Mitarbeiter, sagt die Leiterin.

Ein Jahr dauert deren Ausbildung, vorher sitzt in der Telefonseelsorge niemand am Telefon. „Wir bilden die Menschen aus in guter Gesprächsführung und psychischer Gesundheit“, sagt sie. Auch Supervision haben die Mitarbeiter regelmäßig, um die Möglichkeit zu haben, schwierige Telefonate zu besprechen.

Viele Menschen, die dort anrufen kämpfen mit Einsamkeit oder Existenzängsten aufgrund der Energiekrise – das ergab die statistische Auswertung für das Jahr 2022. Mehr als ein Drittel der Gespräche findet nachts statt – nachts sind Ängste und Sorgen oft am schlimmsten. Und ausgerechnet dann ist häufig niemand anderes da, der zuhört.

Viele Anrufer haben harte Schicksalsschläge erlitten

Von sehr vielen harten Schicksalsschlägen hat Rudolph-Zeller schon am Telefon erfahren. Da war der Mann, der eine Affäre hatte, die Dame wurde schwanger und seine Ehefrau wusste natürlich nichts von dem Verhältnis. Und da war der Herr, der gerade erfahren hatte, dass seine Frau und sein Kind bei einem Unfall gestorben sind. Er irrte irgendwo über ein Feld, während er mit ihr telefonierte. „Da haben wir dann auch jemand gesucht, der sich vor Ort um ihn kümmert“, sagt sie.

Denn manchmal reicht zuhören auch nicht mehr, manche Anrufer sind in so akuten Notsituationen, dass sie konkrete Hilfe brauchen. Da arbeite man sehr eng mit anderen Hilfesystemen zusammen, sagt Rudolph-Zeller.

Das Hilfenetz ist komplett überlastet – Ehrenamtliche sollen es auffangen

Manche leiden aber vor allem darunter: dass es kaum noch schnelle Hilfe gibt. Rund 30 Prozent der Anrufer im vergangenen Jahr erzählten den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Telefonseelsorge von ihrer psychischen Erkrankung und wie schwer es inzwischen ist, einen Therapieplatz oder einen Termin beim Facharzt zu bekommen. „Oft verweisen Ärzte ja schon Patienten einfach an uns“, sagt Rudolph-Zeller. Das macht sie ein bisschen sauer. Denn mit Blick auf die Patienten sei dies zwar eine richtige Empfehlung, aber die Last werde auf Ehrenamtliche abgewälzt. Trotzdem, und das muss man eben wissen, um Rudolph-Zellers Ärger etwas zu verstehen: Die Seelsorge am Telefon ist keine Therapie. Sie ersetzt auch keine ärztliche Untersuchung.

Wir laden nur zum Erzählen ein und hören zu“, sagt Rudolph-Zeller. Und zwar komplett anonym. „Das ist unsere Stärke.“ Auch spreche man mit den Anrufern auf Augenhöhe. Es sei völlig egal, ob jemand arm oder reich sei, in einer Villa wohne oder obdachlos. Sie und ihre Kollegen wissen nicht, wer da am Telefon ist. Manche erzählen es von selbst, manche nicht.

Manche rufen auch immer wieder an. Dann ist vielleicht einer ihrer Kollegen dran. „Schwarmgeduld nennen wir das“, sagt Rudolph-Zeller. Manche rufen auch an und: schweigen. Über 100 Anrufe waren das im vergangenen Jahr. Das sind meistens Menschen, die wollen, dass da jemand am anderen Ende der Leitung ist. Aber sie schaffen es noch nicht, über ihre Probleme, Ängste und Sorgen zu sprechen. Weil manche Dinge unaussprechlich sind. Selbst wenn jemand zuhören würde.

Kontakt

Hilfe
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

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