Telefonseelsorge Wenn die Seele schreit

Von Martin Haar 

Telefonseelsorger berichten über eine Zunahme von Hass und Hetze bei den Anrufern. „Wir erleben immer mehr Menschen, die voller Wut und Frustration auf Politik, auf Institutionen und gesellschaftliche Entwicklungen blicken, die sich ihre Feindbilder aufbauen und massiv ausfällig werden“, sagt Martina Rudolph-Zeller von der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart.

Bernd Müller und Foto: Haar
Bernd Müller und Foto: Haar

Stuttgart - Das Telefon nimmt einem manchmal die Hemmungen. Da sein und reden, aber nicht gesehen werden. Es ist wie ein geschützter Raum, in dem sich Menschen bei ihrem Gegenüber leichter ihrer Seelenpein entledigen. Solche Erfahrungen machen die Mitarbeiter der kirchlichen Telefonseelsorge schon immer. Also seit genau 25 Jahren. Aber noch nie waren die Suaden der Anrufer so heftig. „Wir erleben immer mehr Menschen, die voller Wut und Frustration auf Politik, auf Institutionen und gesellschaftliche Entwicklungen blicken, die sich ihre Feindbilder aufbauen und massiv ausfällig werden. Zum Beispiel in Bezug auf Flüchtlinge und Juden“, sagt Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart.

Gebündelter Hass

Um sich das Ganze besser vorstellen zu können, liest sie daher aus einem Gesprächsprotokoll vor: „Es gibt viele Probleme, die ich habe. Das Geld reicht gerade so. Es ist mir peinlich darüber zu sprechen: Ich trage Zeitungen aus und sammle Pfandflaschen. Menschen denken sicher, ich sei ein Schwächling. Alles Bitches auf dieser Welt. Ich sehe keine Liebe auf dieser Welt. Allen Frauen geht es nur um Selbstbereicherung. Sieh‘ dir doch nur diese deutsche Gesellschaft an, nur interessiert an Geld und Sex. Ich hasse die Frauen.“

Selbst hart gesottenen Seelsorgern bleibt da erst mal die Spucke weg. „Man ist von dieser Wortwahl dieses Mannes unangenehm berührt“, gibt Martina Rudolph-Zeller zu. Aber weil die Ehrenamtlichen wie Profis ausgebildet sind, fangen sie sich schnell wieder und beginnen zu fragen: „Mich würde interessieren, warum du so denkst?“ Dies ist eine zentrale Frage in jedem Gespräch. Denn die Telefonseelsorger wollen nicht werten oder richten und schon gar nicht therapieren. Sie wollen im Gespräch bleiben und hinter das Schicksal eines Menschen blicken. Was ist zum Beispiel in der Geschichte dieses Mannes passiert, dass er sich so ausgegrenzt fühlt? Woher kommen die Kränkungen, dass sich seine Verbitterung zu Hass und Hetze hochschaukeln?

Wer ist der Mensch hinter dem Anrufer?

„Wir wollen an den Menschen hinter dem Anrufer rankommen“, sagt Martina Rudolph-Zeller und bekommt ein zustimmendes Nicken ihres katholischen Kollegen Bernd Müller. Auch er bestätigt, „dass der Ton in der Gesellschaft rauer geworden ist“. Ein Grund könnte aus seiner Sicht ein Phänomen sein, das er auf sozialen Medien erlebt: „Dort findet eine Enthemmung statt.“ Auch dort wird die Wut wegen der eigenen Situation gerne auf vermeintlich Schuldige projiziert. „Aber ohne Zweifel ist auch die Zunahme der sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft ein Grund“, ergänzt Rudolph-Zeller. Doch wenn Gespräche diesen Hintergrund hätten, wenn Hetze gegen Randgruppen beginnt, erlaubt es sich Rudolph-Zeller auch aufzulegen: „Menschen, die politische Diskussionen mit Hass und Hetze führen wollen, erleben wir selten als dialogfähig.“

Im Jahr 2019 hatte die Telefonseelsorge insgesamt 36 960 Anrufe entgegengenommen (2018: 36 807), das entspricht durchschnittlich 110 Anrufern am Tag. 41,4 Prozent der Anrufer sind über 60 Jahre alt. Laut Statistik sind psychische Erkrankungen, Einsamkeit, depressive Stimmung, Ängste und Selbstmordgedanken Gründe für die Suche nach Rat. Um eine Erreichbarkeit rund um die Uhr zu gewährleisten, sind beide Stuttgarter Einrichtungen mit anderen Telefonseelsorgen im Land vernetzt. Die Gesprächsdauer liegt im Schnitt bei 24 Minuten. Gestiegen ist demnach die Zahl der Chatberatungen. Sie lag 2019 bei 1126. Diese Form von Online-Seelsorge nutzen vor allem jüngere Menschen. Die Gründe für die Kontaktaufnahme sind vielfältig. Hauptthemen sind Einsamkeit (20 Prozent), depressive Stimmungen (20 Prozent) und Ängste (17 Prozent). Suizidgedanken spielten im vergangenen Jahr lediglich in knapp zwei Prozent der Telefonate eine Rolle. In Mails ging es zu 23 Prozent, im Internetchat zu gut 14 Prozent um Suizid.

Eines ist bei vielen Anrufern gleich: In vielen Fällen stelle sich laut Müller heraus, dass die Anrufenden eine schwere Lebensgeschichte hätten. Auch die Reaktion darauf sei identisch: „Dann schreit die Seele.“ Wie bei jenem Anrufer, der seinen Hass auf alle Frauen projizierte, aber durch die empathische Gesprächsführung der Telefonseelsorger wenigstens etwas Frieden in sich gefunden hatte.




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