Telefonseelsorge funktioniert nach klaren Regeln: keine persönlichen Treffen, keine materielle Unterstützung – nur Zeit für ein anonymes Gespräch. Das aber kann sehr viel bedeuten und bewirken, wie Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart, berichtet. Gerade in Zeiten, in denen sich viele Menschen einsam fühlen.
Frau Rudolph-Zeller, was überwiegt in den Gesprächen, die Sie und Ihr Team führen, das Zuhören oder das Reden?
Wir hören zu. Aber nicht nur, indem wir die Ohren öffnen, sondern auch das Herz. Dann ist Zuhören etwas Aktives. Wir geben keine Ratschläge, sondern versuchen die Anruferin oder den Anrufer zu ermutigen, in sich reinzuhören, denn die Lösung für Probleme liegt oft in der Person selbst. Man muss für sich herausfinden, was einem hilft und auf welche Ressourcen man zurückgreifen kann. Schnelle Ratschläge nutzen da wenig.
Mit welchen Erwartungen melden sich Menschen bei Ihnen?
Die Erwartung ist, auf jemanden zu treffen, der einem Raum gibt und in diesem Moment für einen da ist. Wir bewerten nicht, wir beurteilen nicht. Die DNA der Telefonseelsorge ist das Zuhören.
Wie hoch ist die Schwelle, bei Ihnen anzurufen?
Die Telefonseelsorge ist das niederschwelligste Angebot im gesamten Helfersystem, weil wir 24 Stunden lang kostenlos erreichbar sind. Es braucht keine Krankenkasse oder keine Terminvereinbarung. Wenn man um Hilfe nachfragt, ist jedoch immer eine Schwelle zu überschreiten. Und es gibt Themen, die sind so schambelastet, dass es Menschen schwerfällt, sich zu öffnen. In diesem Jahr hatten wir um die 300 sogenannte Schweigeanrufe. Das sind Telefonate, in denen die Anrufer es nicht schaffen, zu reden. Wir bleiben dann erst mal am Telefon. Wenn das Schweigen sehr lange andauert, sagen wir: Vielleicht ist es nicht der richtige Zeitpunkt und Sie finden später die Kraft, mit uns zu sprechen.
Man kann sich auch per Mail an Sie wenden oder über eine Chatfunktion Kontakt aufnehmen. Nimmt das die Scheu?
Für manche ist es in der Tat leichter zu schreiben, als zu sprechen. Meist ist es so: Die Jüngeren schreiben uns, die Älteren greifen eher zum Telefonhörer. Die Mails und Chatanfragen werden dann bundesweit an die Telefonseelsorgestellen verteilt und Ansprechpartner vermittelt. Ich denke da an den Fall einer Frau, die ein Kind verloren hat, und Rat suchte, weil ihr Umfeld mit ihrer Trauer nicht umgehen konnte.
Wie alt sind die Menschen, die sich an Sie wenden?
Mehr als 50 Prozent der Ratsuchenden, die sich online bei uns melden, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Bei den Ratsuchenden am Telefon ist mehr als die Hälfte älter als 50.
Wie würden Sie den Personenkreis beschreiben?
Jeder dritte Ratsuchende hat bereits eine psychische Erkrankung oder eine psychiatrische Diagnose. Oft leiden diese Menschen buchstäblich am leidenden Gesundheitssystem; sie kommen dort mit ihren Problemen nicht richtig an. Wir sind für sie dann die erste Anlaufstelle. Es melden sich aber auch viele Menschen im Übergang zum Erwachsenwerden, zum Elternwerden oder zum Altwerden. Diese Phasen können von persönlichen Krisen begleitet werden. Manchmal melden sich auch Kinder, weil ihre Eltern streiten oder weil ein Haustier gestorben ist. Es ist alles dabei.
Sie arbeiten seit 2014 hauptamtlich für die evangelische Telefonseelsorge in Stuttgart, seit 2019 als Leiterin. Was hat sich in diesem Zeitraum verändert?
Auffällig ist, dass sich derzeit viele jüngere Menschen bei uns melden, die sich einsam fühlen. Die Lockdown-Phasen der Coronapandemie haben bei Jüngeren ganz offensichtlich größere Problem verursacht. Sie berichten von Essstörungen und Rückzug. Sogar von Selbstverletzungen. Es macht sich auch so etwas wie Weltenschmerz breit. Dieser Schmerz speist sich aus der Klimakrise, dem Krieg in der Ukraine und der Erkenntnis, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist. Wir erleben handfeste Zukunftsängste. Bei älteren Menschen wirkt der Ukraine-Krieg oft retraumatisierend. Manche leider unter Albträumen. Überhaupt ist ein starker Anstieg von Ängsten festzustellen. Konkrete Ängste sind weniger unproblematisch, weil sie besser eingegrenzt und bearbeitet werden können. Das Problem sind diffuse Ängste. Die galoppieren oft in alle Richtungen davon und sind damit schwer zu kontrollieren.
Wie ist das mit der Einsamkeit? Nimmt sie zu?
Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl. Auch in Kontakt mit anderen kann man sich einsam fühlen, wenn man keinen vertrauten Raum findet. Einsamkeit trifft viele ältere Menschen, aber eben auch Jüngere. Die Pandemie hat diese Situation verstärkt. Wir sind jetzt in einer Art Übergangsphase. Manche haben’s geschafft aus der sozialen Entwöhnung zurückzufinden, andere nicht.
Auch die Politik hat das Thema Einsamkeit entdeckt. Wie wirkt das auf Sie?
Ich finde es gut, dass das Thema breite Aufmerksamkeit findet, denn es muss dringend etwas passieren. Es braucht mehr Einrichtungen, wo Menschen hingehen und sich treffen können, es braucht mehr Gemeinschaftsplätze. Leider wird viel geredet und wenig gehandelt und viel zu wenig Geld dafür in die Hand genommen. Es ist traurig, aber wahr: Beratungsstellen der freien Träger sind die am schlechtesten unterstützten Einrichtungen in Stuttgart. Das ist umso gravierender, als sie oft die ersten Anlaufstellen für Menschen in Not sind.
Was muss außerdem besser werden?
Wir sollten gute Initiativen nicht nur dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Ich denke zum Beispiel an Repaircafés. Das ist eine super Sache für alleinstehende ältere Männer. Es wäre ein Leichtes, dieses Angebot systematisch auszubauen. Ich denke auch an Kneipen, in denen man einen Gemeinschaftstisch definiert, ähnlich wie ein Stammtisch, über dem steht: Wer hier sitzt, will kommunizieren. Ich bin mir sicher, viele Gasstätten würden da mitmachen. Ich denke auch an Gemeinschaftsbänkle in den Stadtteilen. Da kann man sich noch vieles mehr einfallen lassen. Die Einsamkeitsinitiative der Stadt Stuttgart sollte deshalb unbedingt weitergeführt werden und in konkrete Projekte münden.
Wie viele Gespräche habt Ihr in diesem Jahr geführt?
Bei uns waren das etwa 13 500 Telefongespräche, wobei ein Gespräch im Schnitt 28 Minuten lang dauert. Dazu wurden rund 1300 Chatdialoge geführt und 1200 Mails mit Ratsuchenden ausgetauscht.
Wird Ihr Angebot wichtiger?
Wir wissen nicht, wie viele Menschen versuchen, uns zu erreichen. Der Datenschutz setzt hier enge Grenzen. Ich weiß nur: Der Bedarf an Gesprächen ist ungebrochen groß. Auf unseren beiden Leitungen klingelt es ständig.
Wie können Sie feststellen, dass Sie etwas bewirken?
Das kann man manchmal an der Stimme hören, oder die Menschen sagen einem am Ende des Gesprächs: Jetzt weiß ich, wie ich den Tag schaffe und was ich tun kann. Aber es gibt natürlich auch andere Situationen. Wenn es jemand richtig schlecht geht, dann ist es für die Ehrenamtlichen oft schwierig, das so stehen zu lassen und nicht zu wissen, wird die Person das schaffen oder nicht.
Sehen Sie sich in den Gesprächen oft mit Suizidgedanken konfrontiert?
Ja, das war auch der ursprüngliche Impuls bei der Gründung der Telefonseelsorge durch den britischen Pastor Chad Varah im Jahr 1953: nämlich die präventive Unterstützung von Menschen, die unter Suizidgedanken leiden. Das Thema ist eindeutig da. Menschen, die Suizidgedanken haben, reden oft eher mit uns als mit Freunden oder Verwandten. Einen neutralen Ansprechpartner zu haben kann sehr entlastend sein.
Woher nimmt man die Kraft für diese Arbeit?
Bei mir persönlich ist es das Wissen, das man aus einer Krise auch wieder rauskommen kann und es sich immer lohnt, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Was wünschen Sie sich für 2023 an Unterstützung?
Ich wünsche mir eine finanzielle Förderung durch das Sozialministerium. Wenn das Land alle 13 Telefonberatungsstellen in Baden-Württemberg unterstützen würde, wäre das außerordentlich hilfreich. Die frühere Landesförderung (30 000 Euro, d. Red.) wurde 2005 ohne Angaben von Gründen gestrichen. Alle finden es großartig, dass es uns gibt, wenn’s aber darum geht, unseren laufenden Betrieb zu bezuschussen, ist leider Schweigen. Um unsere Beratung mit 115 Ehrenamtlichen und zweieinhalb hauptamtlichen Stellen aufrechterhalten zu können, brauchen wir ergänzend zur Förderung durch die evangelische Kirche und die Stadt Stuttgart jährlich 130 000 Euro an Spenden. Das ist schon sehr sportlich.
Evangelische Telefonseelsorge in Stuttgart
Kontakt
Die evangelische Telefonseelsorge ist täglich 24 Stunden lang erreichbar unter: 0800 111 0 111. Das Angebot ist vertraulich, anonym und kostenfrei. Geleitet wird sie von Martina Rudolph-Zeller. Die geborene Stuttgarterin ist ausgebildete Erzieherin und Diplom-Sozialpädagogin. 25 Jahre lang arbeitete sie therapeutisch an einer Beratungsstelle für Familien und Jugendliche in Schorndorf.
Geschichte Die Telefonseelsorge Stuttgart e.V. wurde 1960 von Pfarrer Otto Kehr, gegründet. Am 2. Mai 1960 fand das erste Gespräch statt. Von Beginn an arbeiteten Ehrenamtliche mit; die Stuttgarter Stelle war damit bundesweit Vorreiter. Bis heute spielen Ehrenamtliche – aktuell 115 – hier die tragende Rolle. Entsprechend groß ist der Aufwand, der bei der Ausbildung betrieben wird. Interessierte werden ein Jahr lang in Gruppen geschult. Selbsterfahrung spielt dabei eine wichtige Rolle. „Man muss die eigenen Katen kennen, um beurteilen zu können, ob man auf ein eigenes Problem reagiert oder auf das des Ratsuchenden“, sagt die Leiterin Martina Rudolph-Zeller. Voraussetzung ist auch eine ausreichende körperliche Fitness, um jährlich fünf ganze oder zehn halbe Nächte Dienst tun zu können. Weitere Infos unter: www.telefonseelsorge-stuttgart.de
Benefizveranstaltung
Einnahmen generiert die von evangelischer Kirche und der Stadt mitfinanzierte Telefonseelsorge über Benefizveranstaltungen. Die nächste findet am 12. Februar im Hospitalhof statt. Der ehemalige SWR-Moderator Stefan Siller trifft dort die Berliner Schauspielerin Meret Becker zu einem „lässigen Gespräch“. Beginn ist um 18 Uhr. Karten gibt es für 28 Euro, ermäßigt 25 Euro, über reservix.de