Telemedizin in Stuttgart Wenn die Geburt zum Notfall wird: So greift der Tele-Arzt ein
Bei schwierigen Geburten arbeiten das Marienhospital, das Robert Bosch Krankenhaus und das Klinikum Stuttgart besser zusammen: Sie sind per Telemedizin vernetzt.
Bei schwierigen Geburten arbeiten das Marienhospital, das Robert Bosch Krankenhaus und das Klinikum Stuttgart besser zusammen: Sie sind per Telemedizin vernetzt.
„Das Kind hat eine gute Sättigung, die Maske ist dicht“, sagt Mirko Majorek. „Man sieht schon eine leichte Thoraxexkursion“, stellt der Oberarzt fest und fügt hinzu: „Weiter beatmen für 30 Sekunden.“ Hebamme Ronja Bechtoldt und Oberärztin Eva Tomaselli kümmern sich um das Neugeborene – das ist in diesem Fall aber eine Puppe. Mirko Majorek ist nur auf einem Bildschirm zu sehen und gar nicht persönlich anwesend, er sitzt tatsächlich im Olgäle, dem Kinderhospital des Klinikums Stuttgart, in der Innenstadt. Eva Tomaselli und Ronja Bechtoldt dagegen tun ihre Arbeit in der Geburtsabteilung des Robert Bosch Krankenhauses (RBK) auf dem Burgholzhof.
Die Vorführung soll zeigen, wie die neue telemedizinische Kooperation des Olgahospitals mit dem Marienhospital und dem Robert Bosch Krankenhaus funktioniert. Jedes Jahr kommen in Stuttgart mehr als 6000 Kinder zur Welt, in der städtischen Kinderklinik sind es etwa 3500, im Marienhospital rund 1000, im RBK gegen 1300. Die allermeisten Geburten verlaufen ohne Komplikationen, auch schwierige Verläufe können die Häuser gut bewältigen. Aber immer wieder kommt es doch zu Problemen, für die man zur Sicherheit gerne eine besondere Expertise hinzuzieht. Da RBK und Marienhospital neben ihrer Geburtsabteilung selbst keine Kinderklinik haben, brauchen sie die Anbindung an ein Perinatalzentrum. Das nächstgelegene in Stuttgart ist das Olgäle mit seiner Neonatologie Level 1, also der höchsten Stufe.
Diese Kooperation soll nun zum Nutzen der Neugeborenen und ihrer Familien und zum Vorteil der beteiligten Krankenhäuser durch den Einsatz von Telemedizin noch verbessert werden. Tritt bei einer Geburt eine Krisensituation ein, kann im Marienhospital und im RBK zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Notfallalarm im Olgahospital ausgelöst werden. „Wir loggen uns dann ein“, sagt Neysan Rafat, der Ärztlicher Direktor der Neonatologie im Olgäle. Jetzt steht den Beteiligten nicht nur eine Telefonverbindung für die erste Fallbesprechung zur Verfügung, man muss auch nicht warten, bis der hinzugezogene Kinderarzt am Ort des Geschehens eintrifft.
Im Telemedizin-Raum im RBK sind drei hochauflösende Kameras angebracht, eine davon direkt über dem Kind, die der zugeschaltete Pädiater aus dem Olgäle selbst steuern kann. Im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen, mit Blick auf den Kontrollmonitor und auf das Neugeborene kann er sich schnell ein Bild von der Lage machen.
Seit die neue Einrichtung vor vier Wochen in den Testlauf ging, ist das schon einige Male vorgekommen: Unter den bisher 13 sogenannten konsiliarischen Einsätzen waren auch schon zwei Reanimationen von Neugeborenen. Das kommt sehr selten vor – im Schnitt nur bei ein oder zwei von 1000 Geburten. Im Olgäle sind es aufgrund der Spezifikation deutlich mehr: Da sind es bis zu 20 Fällen im Jahr. Dementsprechend groß ist auch die Erfahrung.
In beiden Fällen war die Blutversorgung der Kinder im Mutterleib ausgesprochen schlecht. Doch die Babys konnten aufgrund der schnell eingreifenden Teams im RBK und im Marienhospital erfolgreich stabilisiert werden. Beiden Kindern gehe es sehr gut, sagt Neysan Rafat. Eines der beiden, bei dessen Wiederbelebung ein Arzt des Olgäle in der vierten Minute der Vorgangs zugeschaltet wurde und das in einem sehr schlechten Zustand zu Welt kam, habe man aus dem Olgäle „schon wieder entlassen können“, erzählt der Ärztliche Direktor. „Ohne jeden Schaden“, wie Tests gezeigt hätten.
Trotz Telemedizin werden solche Verlegungen von Neugeborenen in kritischem Zustand aus dem Marienhospital und aus dem Robert Bosch Krankenhaus auch weiterhin stattfinden müssen. Man verzeichne etwa „200 solcher Transporte pro Jahr“, sagt Neysan Rafat. „Aber die Verlegungen werden reduziert“, ist Cornelia Queißer überzeugt, sie ist leitende Hebamme im Kreißsaal des Marienhospitals. Womit man ein Ziel der neuen Einrichtung erreichen würde: Möglichst wenige Neugeborene sollen von ihren Müttern getrennt werden. So manches telemedizinische Konsilium wird frühzeitig eine Klärung der Lage herbeiführen und einen Vor-Ort-Einsatz und eine folgende Verlegung überflüssig machen.
Das ist auch ganz im Sinne des Olgäle. Fahreinsätze zu den Partnerkliniken wird es zwar auch mit Telemedizin weiter geben, aber vermutlich in geringerem Umfang. Zumal diese je nach Verkehrslage in der Stadt dauern können. Und für das Kinderhospital sind sie personell wie finanziell sehr aufwendig und werden „nicht vergütet“, wie Neysan Rafat anmerkt. Überdies seien im Olgäle „Intensivplätze sehr rar“.
Landessozialminister Manne Lucha (Grüne) lobt das Projekt denn auch als „vorbildliches Beispiel für moderne, verantwortungsvolle Geburtshilfe“. Lucha betont: „Ich begrüße dieses Engagement ausdrücklich.“ Möglich gemacht hat diese neue Einrichtung allerdings nicht die öffentliche Hand, sondern die Eva Mayr-Stihl Stiftung. Sie unterstützt seit Längerem das Klinikum der Stadt, und nicht nur dieses, mit hohen Beträgen. So hat man rund 250 000 Euro für den Start der Einrichtung aufgebracht.
Im laufenden und im kommenden Jahr werde die Stiftung insgesamt gut acht Millionen Euro für die Förderung der Telemedizin und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Krankenhaus ausgeben, erklärt Michael von Winning. Im laufenden Jahr waren es für die Telemedizin im städtischen Klinikum alleine zwei Millionen Euro. Das Vorstandsmitglied der Eva Mayr-Stihl Stiftung sagt, die Politik hebe immer wieder die Bedeutung der Telemedizin für die Patientenversorgung hervor. Dann aber, betont Michael von Winning, müsse man diese „auch in die Fläche bringen“.