Tempo oder Autos reduzieren Jeder zehnte Stuttgarter leidet unter Lärm – Was hilft wirklich?

Die Hauptstätter Straße gehört zu den lautesten Gegenden in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In manchen Gegenden Stuttgarts ist es so laut, dass der Lärm für die Menschen dort als gesundheitsgefährdend gilt. Nun gibt es überraschende Erkenntnisse, wie man die Belastung abmildern könnte.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Mehr als jeder zehnte Mensch in Stuttgart, knapp 76 000 Personen, ist nachts einer solchen Lärmbelastung ausgesetzt, dass dies als gesundheitsgefährdend gilt. Nun haben Vertreter der Stadtverwaltung vorgestellt, welche Maßnahme wie viel Entlastung beim Lärm bringen würde. Und die Ergebnisse sind teils überraschend.

 

Nachts gelten strengere Regeln als tagsüber

Generell gelten nachts Schallpegel von mehr als 55 Dezibel (A) als gesundheitskritisch. Der Straßenverkehr ist dabei der mit Abstand größte Lärmverursacher in Stuttgart, dahinter folgen Stadtbahn und Eisenbahn. Tagsüber sind in Stuttgart etwas weniger Menschen als nachts von Lärm belastet: gut 70 000 Menschen. Denn tagsüber gelten erst Schallpegel von mehr als 65 Dezibel (A) als gesundheitsgefährdend.

Besonders laut ist es in der Innenstadt an den großen Verkehrsachsen wie der Hauptstätter Straße, Hohenheimer Straße, Heilbronner Straße oder Charlottenstraße. Auf der Website der Stadt findet man Lärmkarten, auf denen man sieht, wie laut es wo ist.

An einigen Stuttgarter Straßen gilt bald Tempo 30

Laut Thomas Schene, der im Stuttgarter Amt für Umweltschutz für Lärmbekämpfung zuständig ist, bringe ein Tempolimit von 50 auf 30 km/h eine Lärmminderung von 3 Dezibel (A). Spannend daran ist: Den gleichen Effekt hätte eine Halbierung des gesamten Verkehrsaufkommens. Dies ist – zumindest ohne Fahrverbote – nicht so leicht umzusetzen. Doch laut Thomas Schene gilt dies auch bei Tempo 30: Denn laut der Straßenverkehrsordnung müsse für jeden Straßenabschnitt einzeln dargelegt werden, warum dort jeweils eine Geschwindigkeitsbeschränkung nötig sei.

An einigen wenigen Stellen in Stuttgart dürfte aufgrund der Lärmbelastung übrigens bald Tempo 30 gelten. Nach Untersuchungen in den Stadtbezirken Hedelfingen, Möhringen und Zuffenhausen hat die Straßenverkehrsbehörde für fast alle der dortigen Hauptverkehrsstraßen Tempo 30 nachts angeordnet. Umgesetzt wurde dies allerdings noch nicht, da an einigen Stellen unter anderem noch Ampeln umprogrammiert werden.

Am meisten bringt ein leiserer Fahrbahnbelag

Derzeit werde mittels Gutachten auch der Lärm in den Bezirken Feuerbach, Vaihingen, Ober- und Untertürkheim untersucht, heißt es aus dem Amt für Umweltschutz. Die Ergebnisse von dort sollen Anfang 2025 vorliegen. Alle weiteren Bezirke am Rande der Stadt folgen nach und nach. „Die Bezirke in der Innenstadt haben wir vorerst zurückgestellt, weil dort aufgrund des Luftreinhalteplans an den Hauptverkehrsstraßen bereits ganztägig Tempo 40 gilt und eine andere Geschwindigkeitsregelung für nachts derzeit zu unübersichtlich wäre“, sagt Schene. Auch in Bad Cannstatt wartet man noch ab, da dort derzeit ein neuer sogenannter Verkehrsstrukturplan aufgestellt werde.

Einen noch etwas größeren Effekt als eine Temporeduzierung – nämlich eine Lärmminderung von 5 Dezibel (A) – erzeuge ein leiserer Fahrbahnbelag. Allerdings müsse man da abwägen und sollte nicht sofort jede Straße aufreißen, rät Schene: „Wenn ein Belag noch gut ist, ergibt es Sinn, noch zehn Jahre zu warten und diesen erst dann mit einem leiseren Belag zu ersetzen.“

CDU und FDP wollen keine Verbote für Autofahrer

Während der SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Klima und Umwelt die beschränkten Möglichkeiten der Stadt zur Einführung von Tempolimits als „frustrierend“ bezeichnete, sprach Alexander Kotz (CDU) sich gegen Restriktionen für Autofahrer aus: „Viele Leute hätten es gerne bei sich vor der Haustür ruhiger, aber wenn sie um die Ecke sind, wollen sie schnell fahren.“ Zudem könnten ruhigere Straßen auch zur Steigerung von Mietpreisen führen, meinte er. Und der Verkehr sei früher noch viel lauter gewesen, und die Fenster hätten auch viel weniger Schall abgehalten, argumentierte er.

Matthias Oechsner (FDP) sprach sich ebenfalls gegen Verbote aus, betonte aber, dass Lärm krank mache. Auch er sei der Meinung, dass Kommunen bei den Möglichkeiten zur Lärmminderung mehr Rechte brauchen: „Es ist nicht tragbar, wenn zehn Prozent der Bevölkerung lärmbelastet sind.“

Tatsächlich dürften Kommunen nun auch mehr Spielraum erhalten: Denn in der Länderkammer wurde jüngst ein Kompromiss durchgewunken für mehr Spielraum beim Umwelt- und Gesundheitsschutz. Städte und Gemeinden können nun auch längere Straßenabschnitte mit einem Tempolimit belegen. Und sie dürfen präventiv an Brennpunkten eingreifen, bevor Unfälle passiert sind. Vor allem aber können sie mehr Dinge in eigener Verantwortung entscheiden – ohne die Genehmigung durch übergeordnete Landesbehörden abwarten zu müssen.

Wie Schienenverkehr leiser wird

Versuch
Der Straßenverkehr ist der Hauptverursacher von Lärm, aber auch Eisenbahnen und Stadtbahnen können sehr laut sein. Um die Geräusche durch Stadtbahnen zu mindern, wurden vor wenigen Monaten am Möhringer Bahnhof sowie am Olgaareal in Stuttgart sogenannte Schmieranlagen in Betrieb genommen.

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