Stadtkind Stuttgart

Temporary Wardrobe Mode zum Mieten

Von Tanja Simoncev 

Mode und Nachhaltigkeit gehen gut zusammen, zumindest wenn es nach Nora Erdle und Jeanna Krichel geht. Die beiden Stylistinnen haben im Heusteigviertel den Shop Temporary Wardrobe eröffnet, in dem Mode für jeden Anlass gemietet werden kann.

Jeanne Krichel und Nora Erdle (v. li.) wollen  ihre Kleidung teilen.  Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Jeanne Krichel und Nora Erdle (v. li.) wollen ihre Kleidung teilen.  Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Schuhe aus dem Secondhandladen, das Vintage-Kleid vom Flohmarkt und das Auto für Minuten gemietet. Der Trend geht schon lange weg vom Besitzen hin zum gemeinschaftlichen Konsum. Auf Onlineplattformen, Flohmärkten und Kleidertausch-Partys wird geteilt, gespendet, getauscht, verliehen und verschenkt was das Zeug hält. Das spart Geld, Verantwortung und schont ganz nebenbei die Umwelt. Kurz: Teilen ist das neue Haben.

Auch in Sachen Kleidung ändert sich das Bewusstsein. Wer mit der Schnelllebigkeit von Trends mithalten und trotzdem Billigketten wie Primark meiden möchte, hat immer mehr Möglichkeiten, Stücke für begrenzte Zeit auszuleihen. Für besondere Anlässe, aber auch für den Alltag. Mit Temporary Wardrobe gibt es dazu jetzt auch in Stuttgart die Gelegenheit, seinen Kleiderschrank aufzuhübschen, ohne in Klamottenbergen zu versinken. Ein Besuch bei den Gründerinnen.

Reizloser Besitz

Ein rosa-blau-gemusterter Orientteppich, blaue Sessel und rosa Wände – wer den Laden Temporary Wardrobe betritt, erkennt auf den ersten Blick ein angesagtes Farbthema. Auf den zweiten Blick wird klar, was hinter der farbigen Fassade steckt: eine Kombination aus Mode und Nachhaltigkeit. Denn für die beiden Inhaberinnen Nora Erdle und Jeanna Krichel spielt der Sharing-Gedanke eine große Rolle. Sie bieten Mode zum Mieten an und wollen damit Fashion so oft wie möglich teilen. „Wir können die Kleidungsstücke ja gar nicht alle anziehen. Das ist doch schade, wenn sie deshalb nur rumhängen und verstauben“, betont Jeanna Krichel. Nora Erdle ergänzt: „Wenn man sieht, was für eine Freude andere daran haben – besser geht es doch nicht. Mich erfüllt das Teilen total.“

Seit Jahren arbeiten die beiden Stuttgarterinnen selbstständig als Stylistinnen. Während Nora Erdle auch schon als Einkäuferin tätig war, arbeitete Jeanna Krichel häufig für Modemagazine wie Elle. Dass sich dadurch über die Jahre einiges an Kleidung angesammelt hat, verwundert keineswegs. „Ich liebe Mode einfach und kaufe sie auch total gerne ein“, gesteht Jeanna Krichel. Man sei sich da auch ziemlich ähnlich und schlichtweg modekaufsüchtig. „Ich habe in Läden wie Acne und Ave gearbeitet und da gehört es einfach dazu, dass man ständig neue Outfits trägt“, erklärt Nora Erdle. „Mode ist genau mein Ding. Mir macht es Spaß, neue Sachen auszuprobieren.“ Stichwort: Neue Sachen ausprobieren - auch das wird mit Sicherheit viele Kundinnen zu Temporary Wardrobe locken. Neben diesem und dem Nachhaltigkeitsgedanken, ist das Konzept noch für ein weiteres Phänomen geeignet: Ein begehrtes Teil verliert schnell seinen Reiz, sobald man es besitzt.

Mehr Mode-Mut

Im Heusteigviertel im Stuttgarter Süden haben die beiden eine passende Heimat für ihren Laden gefunden. „Wir hatten auch überlegt, in die Innenstadt zu gehen. Da Temporary Wardrobe aber kein Laden ist, der von Laufkundschaft lebt, war uns wichtig, einen Ort zu finden, an dem wir nach Terminabsprache Kunden empfangen können und ein großes Lager haben“, so Nora Erdle.

Und wie funktioniert das Mieten? Vorwiegend online. Die Teile können wie in einem "normalen“ Online-Shop angeschaut und in den Warenkorb gelegt werden. Wer in Stuttgart wohnt, hat außerdem den Vorteil, die Stücke anprobieren zu können - eine persönliche Stylingberatung der beiden gibt's dann noch obendrauf. „Das ist gut, um mal etwas zu wagen und zu tragen, was man sich sonst nicht traut – dabei helfe ich liebend gern“, betont Nora Erdle. Vor allem besondere Anlässe wie Hochzeiten, bestimmte Motto-Partys und erste Dates sorgen bei vielen Frauen für einen Kleider-Kollaps. „Und dann kauft man sich eine teure Tasche oder Schuhe, die man danach nie wieder anzieht“, weiß Jeanna Krichel. Die Stylistinnen haben erkannt: „Es macht einfach viel mehr Sinn, sich weniger, dafür aber gute und hochwertigere Teile zu kaufen. Und wer zu viele hat, soll teilen.“

Gut, dass sich die beiden wieder durch Zufall auf Stuttgarts Straßen begegnet sind, nachdem Nora Erdle in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war. Die Stuttgarterin, die in Berlin, Basel und New York lebte, wollte eigentlich nur einen Monat bleiben. „Aus einem Monat wurde dann ein halbes Jahr – und dann habe ich so viele tolle Leute kennengelernt und fand es super, dass hier so viel passiert.“ Auch Jeanna Krichel, die in Aachen geboren wurde, in Hamburg und Paris lebte und der Liebe wegen nach Stuttgart kam, wollte bei der nächsten Gelegenheit schnell weg aus der Schwabenmetropole. Doch auch sie fand Gefallen am Städtle. „Wenn man so viel unterwegs ist wie wir, ist es schön, immer wieder in eine Stadt wie Stuttgart zurückzukommen.“ Nun wünschen sich die beiden nur noch, dass die Frauen hier ein bisschen mehr Mut an den Tag legen. Auch wenn es nur Mut zum Geliehenen ist.

Mehr Infos auf Temporary Wardrobe. Übrigens: Die beiden Fashionistas freuen sich über weitere Design-Schätze, die nach telefonischer Absprache im Shop abgegeben werden können.