Tennis bei den French Open Carlos Alcaraz – das Ungeheuer aus Murcia

Steht vor einer großen Zukunft: Carlos Alcaraz Foto: dpa/Thibault Camus

Der erst 19 Jahre alte Spanier Carlos Alcaraz erobert gerade die Tenniswelt, er hat schon einige der Besten geschlagen. In Paris ist er Mitfavorit auf den Turniersieg.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Eine seiner bittersten Niederlagen nahm Alexander Zverev mit kernigem Humor. Kaum hatte ihn der 19 Jahre alte Jungspund Carlos Alcaraz im Finale von Madrid mit der Leichtigkeit eines Champions mit 3:6, 1:6 gedemütigt, da gestand sich Zverev diese Pleite umgehend ein und fand lobende Worte für den Spanier: „Junge, im Moment bist du der beste Spieler der Welt – und obwohl du erst fünf Jahre alt bist, schlägst du uns alle der Reihe nach, wie du gerade willst.“

 

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Zverev hatte in Alcaraz seinen Meister gefunden, aber er musste sich dafür nicht schämen. Bevor der Hamburger im Endspiel an der Reihe war, beförderte der Teenager aus der spanischen Region Murcia ja auch schon die beiden anderen Tennis-Riesen Rafael Nadal und Novak Djokovic aus dem Turnier. Mit unglaublichem Tennis, mit seiner 160 Stundenkilometer schnellen Vorhand – und mit unfassbarer Reife und Athletik. Zverevs lobende Worte waren nur ein winziger Moment in dem riesigen Hype, den der junge Mann zurzeit entfacht. Ganz Spanien befindet sich im Alcaraz-Fieber – und die Tenniswelt liegt ihm zu Füßen.

Vor allem die spanischen Zeitungen überschlagen sich im Hinblick auf ihren neuen Helden. „Er ist kein Kind, er ist ein Ungeheuer“, titelt „La Vanguardia“, während ihn „El Mundo“ bereits „auf dem Weg zur Nummer eins“ sieht. Und auf der ersten Seite von „ABC“ steht über die spanische Sandplatzkönig-Version „Nadal 2.0“: „Alcaraz übernimmt das Kommando.“

König im Glück

Nicht einmal König Felipe VI. behielt vor Glück die Fassung. Während eines Besuchs in Costa Rica nahm sich der Monarch die Zeit, Alcaraz nach dem Madrid-Erfolg umgehend anzurufen und zu gratulieren. Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez war kaum zu bremsen. In einem sozialen Netzwerk verschickte er eiligst ein Beifall-Emoji mit den Worten: „Riesiger Alcaraz!“ Den Finalsieg ordnete El presidente dann noch als „epischen Erfolg“ ein.

Dieser Tage findet in Paris bei den French Open die erste Hauptfeldwoche statt. Carlos Alcaraz hat seine erste Hürde mit einem 6:4, 6:2, 6:0-Erfolg gegen den Argentinier Juan Ignacio Londero lässig genommen. An diesem Mittwoch trifft er auf seinen Landsmann Albert Ramos-Vinolas, auch das dürfte kein Problem sein. Auffällig ist, dass sich die Zuschauer auf der Pariser Anlage außergewöhnlich zahlreich um einen Trainingsplatz versammeln, auf dem Carlos Alcaraz ein paar Bälle schlägt. Hoch gehandelt als neue Attraktion rennen derweil auch die Medien seinem Management mit Interviewanfragen die Hütte ein. Und die ehrwürdige „New York Times“ besuchte den jungen Spanier schon für eine Story.

Hochveranlagt

Der hochveranlagte Tennisspieler zählt zu den Topfavoriten in Paris, keine Frage. Er selbst hält den Ball lieber noch flach und präsentiert sich seinem Alter entsprechend demütig. „Nur weil ich in Barcelona gewonnen und Djokovic und Nadal in Madrid geschlagen habe, halte ich mich nicht für den besten Spieler der Welt“, sagt Alcaraz, dessen Auftritte neben dem Platz an die Bescheidenheit und Höflichkeit seines erfahrenen Landsmanns Rafael Nadal erinnern. Doch der nette Bursche, der auf dem Platz zum Tier wird, ist sich seiner Chancen durchaus bewusst, denn er weiß, was er kann: „Der Sieg in Madrid gibt mir Selbstvertrauen für Roland Garros. Ich werde in Paris mit aller Kraft um den Titel kämpfen.“

Die Liebe zum Tennis entwickelte sich früh. Im Alter von sieben Jahren drosch er die Bälle gegen alles, was sich als Ballwand nutzen ließ. Über seine erstaunlichen Fähigkeiten auch in anderen Sportarten wunderte sich seine Mutter oft und schüttelte nur den Kopf, während der Vater das Talent von Anfang an mit großer Hingabe förderte. Er spürte, dass aus seinem Sohn mal etwas ganz Großes werden könnte. Seit Carlos Alcaraz 15 Jahre alt ist, trainiert er in der Tennisakademie in Alicante, die Juan Carlos Ferrero gehört. Das ist der Ex-Trainer von Alexander Zverev.

Vier Siege im Jahr 2022

Im Jahr 2021 hatte Carlos Alcaraz im kroatischen Umag sein erstes ATP-Turnier gewonnen. In diesem Jahr ging seine Entwicklung mit den Erfolgen in Rio de Janeiro, Miami, Barcelona und Madrid dann durch die Decke – die Weltrangliste führt ihn auf Platz sechs. „Es ist beeindruckend, wie ruhig und abgeklärt er schon in seinem jungen Alter auftritt“, lobt Djokovic den Senkrechtstarter, und Nadal meint nur: „Er bringt alles mit.“

Alles, um in Paris diesen etablierten Kräften der Weltspitze eine lange Nase zu drehen – so wie in Madrid.

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