In New York bei den US Open kann man es deutlich sehen: die einhändige Rückhand hat bei den Männern wenig, bei den Frauen gar keine Zukunft. Dabei ist dieser Schlag doch der schönste von allen, findet jedenfalls unter Autor Mirko Weber.

New York - Im Folgenden ist die Rede von einem ganz besonderen Schlag: Mit einer einhändigen Rückhand, konsequent als Slice gespielt, hat, nur zum Beispiel, die berühmteste Tennisliaison aller Zeiten angefangen. Eher jedenfalls als mit der beidhändig geschlagenen. Key Biscane, Florida, das Jahr 1999: Steffi Graf spielt mit Andre Agassi, den sie vorher nicht näher kennt, eine außerordentliche Trainingseinheit. Ihren Verlauf hat Agassi in seiner Autobiografie „Open“ beim besten Willen nicht mehr richtig zusammenbekommen, weil er weniger mit den Ballwechseln, sondern mehr mit dem Anschauen seiner graziösen Partnerin beschäftigt gewesen war. Gute zwei Jahre später werden Steffi Graf und Andre Agassi zum ersten Mal Eltern, das geht manchmal schnell. Aber zurück zur Rückhand.

 

Agassi verpasst damals eine Menge dieser sogenannten Steffi-Slices, so weit reicht die Erinnerung in „Open“ noch. Einmal jedoch kontert er mit seinem harten, überrissenen, beidhändigen Rückhand-Return – und ruft: „Mit dem Schlag bezahle ich eine ganze Menge Rechnungen.“ Schön war trotzdem etwas anderes.

„The prettiest shot in all of tennis“, also schlicht der schönste Schlag überhaupt, sei zweifellos die einhändige Rückhand, sagte John McEnroe einmal, nachdem er bewundernd der Belgierin Justine Henin, vor Jahren lange Zeit die Nummer eins in der Welt, zugeschaut hatte. Wer wollte widersprechen? Nichts ist schwieriger im Bewegungsablauf, gleichzeitig ästhetisch anmutiger und im Hinblick auf Winkel, die sich, kommt der Schlag cross, auftun, spieltechnisch ergiebiger als eine einhändige Rückhand, die trotzdem – oder eben deshalb – auf der Tennistour, also auf höchstem Niveau, langsam nur noch ein Schattendasein fristet, zumindest bei den Frauen. Unter den hundert Besten in der Rangliste gibt es nicht mal mehr eine Handvoll von Spielerinnen, die einhändig spielt, und die bekannteste ist auch eine der ältesten, sie wird nicht mehr lange mithalten können: Francesca Schiavone.

Stoisch schaufelt Andy Murray die Bälle beidhändig zurück

Hingegen sitzt zurzeit in New York bei den US Open auf der Tribüne und in Trainerfunktion eine Frau, die sich erinnert, was man mit einer einhändig geschlagenen Rückhand so alles anstellen konnte. Die Französin Amélie Mauresmo, ebenfalls einmal an der Weltspitze, coacht mittlerweile – ein anderes Novum im Spitzentennis – einen Mann, den Schotten Andy Murray. Der ist zwar nicht beratungsresistent, wie man bei seinem schwierigen Erstrundensieg gegen den Niederländer Robin Haase sehen konnte, aber bestimmt nicht abzubringen von einem seiner verlässlichsten Grundschläge, der beidhändigen Rückhand: Fast jeden wuchtigen Ball mit enormem Tempo und viel Spin auf ihn gespielt, schaufelt Murray stoisch zurück. Sein Rückhandreturn kommt sicher, was der Zweck ist, aber eine Möglichkeit zum Punktgewinn kann Andy Murray selten damit einleiten. Von Schönheit zu reden verbietet sich dabei.

Paul Annacone, vor Stefan Edberg drei Jahre der Trainer von Roger Federer (und vormals noch viel länger der von Pete Sampras), ist davon überzeugt, dass die Murrays im Tennis noch mehr werden – und dass die einhändige Rückhand an sich langsam ausstirbt, wie er kürzlich in der „New York Times“ erzählte. Es sei Zeit, sich umzuschauen nach ein paar letzten Dinosauriern bei den Männern.

Tut man das, wirkt die Szene der Einhänder zunächst gar nicht so ausgedünnt: In New York am Start und noch im Rennen sind Philipp Kohlschreiber, Stanislas Wawrinka, Richard Gasquet, Tommy Robredo und Roger Federer. Große Namen, allesamt. Ausgeschieden ist der hochbegabte, aber unstete Mikhail Juschni; Nicolas Almagro, der Mann, der die größte Rückhand-Ausholschleife aller Genannten spielt, ist verletzt. Tommy Haas, von dem niemand weiß, ob er nach der x-ten Schulteroperation noch mal zurückkehren kann, verfährt ähnlich.

Die einhändige Rückhand als Schweizer Markenzeichen

Unter den Jüngeren in der Szene und bis runter in die Bezirksklasse dominiert freilich durchweg die beidhändig geschlagene Rückhand, was natürlich seine Gründe hat. Die meisten Jugendtrainer akzeptieren oder fördern seit Langem, wenn der Nachwuchs mit beiden Händen greift. Die Erfolgsquote bei kurzen Reaktionszeiten (also auf hartem Untergrund) ist höher, und vermeintlich kann man dem immer stärker werdenden Angriffsdruck des Gegners besser standhalten. Tatsächlich hat sich ja nicht nur insgesamt das Tempo im Tennis rasant erhöht, seit der Linkshänder Jimmy Connors und damals auch direkt anschließend seine Freundin Chris Evert in den frühen siebziger Jahren anfingen, die Rückhand beidhändig zu spielen. Björn Borg perfektionierte das fürs Erste.

Das Schlägermaterial und die (Polyester-)Bespannungen sind vollkommen anders, die Bälle und der Dreh, den sie bekommen, die Geschwindigkeit insgesamt. Pete Sampras, der vor seinem Aufstieg in einem doch eher qualvollen Prozess von der einhändigen auf die zweihändige Rückhand umschulte, könnte heute in keiner Kategorie als Spieler mehr mithalten. Seine Vorhand (Pistol-Pete wurde er genannt) schoss mit 100 Stundenkilometern, Novak Djokovic’ oder Rafael Nadals Vorhände schießen mit 130 am Gegner vorbei. Dabei ist Sampras gerade mal gute zehn Jahre Geschichte.

Und doch gibt es Ausnahmen von der Regel: neben dem tennisästhetisch kaum zu überbietenden Roger Federer reüssiert auf der Tour ja ein anderer Schweizer, Stan Wawrinka, der die vielleicht schönste einhändige Rückhand seit Michael Stich im Profitennis spielt. Mit einem extremen Western-Griff trifft er den Ball so früh wie möglich im Aufsteigen – und hat auf diese Weise sogar zuletzt als Champion in Australien Rafael Nadal erfolgreich die Stirn geboten. Wawrinka habe die Top Five hauptsächlich wegen seiner einhändigen Rückhand erreicht, schreibt der amerikanische Sportjournalist Michael Steinberger.

Dabei kehrt Stan Wawrinka den Trend insgesamt nicht um. Aber sein Schlag ist, jenseits der Effektivität, was im Hochgeschwindigkeitstennis seltener geworden ist: eine Augenweide.