Der Tennis-Club Waiblingen wird 100 Jahre alt. Seine Geschichte ist erstaunlich: Auf einer Abfallkippe baute er die größte Anlage Württembergs und wurde zum Sprungbrett für Weltstars.
Annette Clauß
31.05.2026 - 10:54 Uhr
Steffi Graf, Isabel Cueto, Boris Becker, Carl-Uwe Steeb. Nur einige bekannte Namen, die auf den Teilnehmerlisten des internationalen Jugendturniers stehen, das der Tennis-Club Waiblingen (TCW) seit 50 Jahren veranstaltet. Die Listen lesen sich wie das Who-is-Who des Tennissports. So manches junge Talent, das einst in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) angetreten ist, hat es später nach Wimbledon und an die Weltspitze geschafft. Dieser Tage feiert der TCW sein 100-jähriges Bestehen. Das reich bebilderte Jubiläumsmagazin, das der Verein dazu im Neuen Sportverlag Waiblingen veröffentlicht hat, erzählt interessante Fakten und skurrile Anekdoten rund um den Verein.
Peter Hagedorn, seit Beginn Direktor des Jugendturniers, erinnert sich gut an die Deutsche Jugendmeisterschaft, die 1981 auf der TCW-Anlage ausgetragen wurde. Bei dem Turnier traten sowohl ein gewisser Boris Becker als auch Steffi Graf an. „Ich hätte damals nicht gedacht, dass Boris Becker es in die Weltklasse schafft“, sagt Peter Hagedorn im Rückblick. Zu klobig, zu behäbig sei ihm der junge Sportler erschienen: „Da habe ich mich schwer getäuscht.“ Im Fall von Steffi Graf lag der heute 82-jährige ehemalige Bundesligaspieler aber goldrichtig: „Ich dachte mir: Die könnte es nach Wimbledon schaffen.“
Ihren ersten großen Auftritt in Waiblingen hatte Steffi Graf schon zwei Jahren davor, im Jahr 1979. Die damals Zehnjährige wollte beim Jugendturnier in gleich drei Altersklassen – U 10, U 12 und U 14 – antreten. Dass das für sie vier Matches an einem Tag bedeuten könnte, schreckte sie nicht. Besser als im Clubhaus sitzen und sich langweilen, war ihre Devise. „Ich habe noch nie eine Spielerin gesehen, die so scharf auf Matches war“, erzählt Peter Hagedorn. Einige Zeit lang trainierte Steffi Graf regelmäßig in Waiblingen, wo sie in Isabel Cueto aus Aspach eine ebenbürtige und vom Alter her passende Spielpartnerin fand.
Ein Blick von oben auf das Vereinsgelände. Die Anlage ist bis heute die größte Tennisanlage Württembergs. Foto: Archiv Tennis-Club Waiblingen
Dass der Tennis-Club Waiblingen einmal nationale und internationale Nachwuchstalente anlocken würde, war bei seiner Gründung am 29. Mai 1926 nicht abzusehen. 40 Mitglieder standen auf der Liste. „Eine illustre Runde war das“, erzählt Klaus-Dieter Walther, der von 2006 bis 2013 erster Vorsitzender des Vereins war und am Jubiläumsmagazin mitgearbeitet hat. Im Tennis-Club versammelte sich die Hautevolee Waiblingens – vom Ziegeleibesitzer über Fabrikanten von Seidenstoffen und Möbeln bis zu Ärzten, Richtern, hohen Beamten und Politikern. Die gepachteten zwei Spielflächen mit bester Aussicht auf die Michaelskirche lagen am Römerweg, der heute Adolf-Bauer-Weg heißt. Schon wenige Jahre nach der Gründung kriselte es, die Auflösung des Vereins stand sogar zur Debatte. 1939 beendete der Kriegsbeginn das sportliche Treiben.
Erst nur amerikanische Soldaten, dann auch wieder Waiblinger
Nach dem Krieg spielten nur amerikanische Soldaten auf der Anlage, ab 1948 durften das auch die Waiblinger wieder. Aber möglichst nicht „mit bloßem Oberkörper“, so hieß es in den Vereinsstatuten. Weil das Gelände am Römerweg bebaut werden sollte, zog der Verein an die Rems neben das Freibad. Eine Drei-Feld-Anlage mit Umkleiden wurde 1950 eingeweiht, den Zaun ums Gelände bauten die Mitglieder aus alten, verrosteten Wasserrohren.
Sein 50-jähriges Bestehen feierte der Verein 1976 mit einem Turnier, zu dem Peter Hagedorn den Wimbledon-Finalisten Wilhelm Bungert einlud. „Keiner hat geglaubt, dass er kommt“, sagt er. Dass Bungert mit Dieter Ecklebe in Waiblingen aufschlug und die beiden in der vollen Rundsporthalle gegen den TCW-Trainer Peter Hagedorn und den jamaikanischen Tennisspieler Lance Lumsden antraten, war eine Sensation.
Tennis-Club Waiblingen brauchte mehr Platz
Als der Verein in den Siebzigern mehr Platz benötigte, bot die Stadt dem Tennis-Club eine Fläche im Gewann Steingrube an. Sie war nicht gerade das, was man in der Baubranche als Filetstück bezeichnet: Es handelte sich um eine ehemalige Müllkippe. Und angesichts der Ablagerungen im Untergrund konnte niemand ausschließen, dass der Boden an manchen Stellen absackt. „Wir riskieren es“, beschloss der Verein dennoch.
Eine Müllkippe verwandelt sich in Württembergs größte Tennisanlage
So begann 1979 die wunderbare Wandlung einer Abfalldeponie zur größten Tennisanlage Württembergs. 18 Plätze auf verschiedenen Ebenen, eine Drei-Feld-Halle, ein Clubgebäude nebst Restaurant, eine Boulebahn und ganz viel Grün. Das Gelände des Tennis-Club Waiblingen (TCW) erinnert an eine Ferienanlage. Gäbe es anstelle von Platz 15 einen Swimming Pool, dann wäre Peter Hagedorn wunschlos glücklich.
Im Jahr 1974 hat ihn der damalige Vorsitzende Gerhard Walliser als Trainer angeheuert. Peter Hagedorn, gebürtig aus Itzehoe in Schleswig-Holstein, war zu dieser Zeit Bundesligaspieler beim TEC Waldau in Stuttgart. Sein Auftrag: Hagedorn sollte die 1. Herrenmannschaft fit für den Aufstieg machen. Er sagte zu. Zum Einstand spielte er gegen jeden der sechs Herren einen Satz und gewann jedes Mal 6:0. „Danach gab es niemals mehr eine Widerrede“, erzählt Peter Hagedorn.
Neben Waiblingen war auch Stuttgart im Gespräch
Die Mannschaft schaffte es immerhin bis in die Bezirksoberliga, später stieg auch die 1. Damenmannschaft in die Oberliga auf. Auch im Einzel holten und holen TCW-Mitglieder allerlei Titel. 1988 war Waiblingen neben Stuttgart im Gespräch für ein Tennisleistungszentrum, 2002 bewarb sich die Stadt in Abstimmung mit dem Tennis-Club und im Zuge der Bewerbung Stuttgarts für die Olympischen Spiele 2012 als Austragungsort für die Disziplin Tennis. Doch Stuttgarts Bewerbung scheiterte.
Spielerische Annäherung im Tenniskindergarten
Anfang der 1980er-Jahre zählte der Tennis-Club 880 Mitglieder. Wer neu dazustoßen wollte, musste geduldig sein: die Wartezeit auf eine Mitgliedschaft lag bei einem Jahr. Heute hat der Verein rund 500 Mitglieder. Ungefähr ein Drittel davon seien Kinder und Jugendliche, sagt der erste Vorsitzende Thomas Siebers. Er betont, Tennis sei ein Familiensport, allerdings immer noch mit elitärem Touch. „Um die Hemmschwelle zu senken bieten wir regelmäßig Schnupperkurse an.“ Im Tenniskindergarten, immer sonntags, werden Kinder spielerisch und mit Spaß an Schläger und Ball herangeführt.
Thomas Siebers ist es wichtig, dass der Tennis-Club neue Entwicklungen nicht verpasst. „Derzeit überlegen wir zum Beispiel, ob wir auch Pickleball und Padel-Tennis anbieten sollen.“ Pickleball kombiniert Elemente aus Tennis, Badminton und Tischtennis, Padel ist ein Mix aus Tennis und Squash und wird nur im Doppel gespielt.
Als nächstes Highlight steht von 11. bis 19. Juli zum 51. Mal das internationale Jugendturnier auf dem Programm, das inzwischen „Peter Hagedorn International“ heißt.