Somit ließen sich bei einem Treffen immerhin drei ihrer liebsten Beschäftigungen perfekt miteinander verknüpfen: Tennis spielen, interessante Menschen treffen, schreiben. Hinzu kommen: Literatur, Film, Kunst, Musik, Reisen, Sprachen, Mode, Essen – die Liste ließe sich fast beliebig erweitern. Es ist die wunderbare Welt der Andrea Petkovic, der wohl unkonventionellsten Spielerin im Tenniszirkus, die nach vielen Verletzungen und Sinnkrisen den Spaß an ihrer Haupttätigkeit wiedergefunden hat.
Mit 31 unternimmt Andrea Petkovic gerade den nächsten und vielleicht letzten Anlauf, sich noch einmal Richtung Spitze vorzuarbeiten. Vergangene Woche half sie in Lettland mit, das deutsche Fedcup-Team in der Weltgruppe zu halten. Dank einer Wildcard spielt sie in dieser Woche beim Porsche Grand Prix in Stuttgart und trifft an diesem Donnerstag im Achtelfinale auf Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber. Die Verliererin muss wie üblich ein gemeinsames Abendessen bezahlen.
Es ist das Duell zwischen zwei engen Freundinnen, die gleich alt sind und seit Jugendtagen gegeneinander spielen. Ihr Werdegang als Profis sagt einiges aus über ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten. Als Petkovic im Oktober 2011 die Top Ten erreichte, lag Kerber auf Rang 32. Schritt für Schritt kämpfte sich Kerber anschließend bis an die Spitze der Weltrangliste und hat inzwischen drei Grand-Slam-Turniere gewonnen, während bei Petkovic der letzte von sechs Turniersiegen (Februar 2015 in Antwerpen) mehr als vier Jahre zurückliegt. An fehlendem Talent liegt es nicht.
Verletzungen reihten sich aneinander
Es ist im Sport nicht immer hilfreich, wenn man zu viel nachdenkt und zur permanenten Selbstreflexion neigt. Petkovic‘ Körper begann zu streiken, Verletzungen reihten sich aneinander. 2014 schaffte sie nach einer längeren Zwangspause zwar die Rückkehr – wieder oben angekommen fiel sie jedoch „in eine existenzielle Krise“.
Dass sie die Welt nicht würde verändern können, das hatte die Einser-Abiturientin zwar schon mit 20 gemerkt, als sie während einer Verletzungspause ein Praktikum in der hessischen Staatskanzlei unter dem damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) absolvierte. Aber immer nur Tennis spielen? Die Frage nach dem Sinn beschäftigte Petkovic immer stärker, die Motivation ging verloren. Der Tiefpunkt: ein 0:6, 0:6 Ende 2015 in China gegen die Spanierin Carla Suarez Navarro. Nichts war mehr übrig geblieben von dem unbekümmerten Energiebündel, das das Publikum nach Siegen einst mit dem Petko-Dance begeistert hatte. 2017 fiel sie aus den Top 100 der Welt.
Petkovic hat mit ihrem Sport Frieden geschlossen
Der Weg zurück ist noch immer lang, derzeit rangiert sie auf Platz 71. Doch hat Andrea Petkovic den Frieden mit dem Tennis längst gemacht. Sie arbeitet mit verschiedenen Mentaltrainern und versucht, „auf dem Platz nicht mehr so viel nachzudenken“. Klingt einfach, war für die Darmstädterin aber lange besonders schwierig „Jetzt bin alt genug und habe gelernt, alles besser einzuordnen. Dadurch kann ich die schönen Momente viel besser genießen und über die schwierigen schneller hinwegkommen. Und so lange ich noch ein paar Sachen nebenher machen kann, ist das für mich der perfekte Lifestyle.“
Noch immer liegt ihr Fokus auf dem Tennis – doch gewinnen ihre anderen Interessen zunehmenden Raum. Mit der Indiepopband Tennis (sie heißt wirklich so) reiste sie im Tourbus die amerikanische Westküste entlang und verfasste darüber eine Reportage für ein US-Magazin. Als Kolumnistin arbeitete sie für das „SZ-Magazin“ und schrieb über französische Filme, ihren Lieblingsschriftsteller Philip Roth und Babyspinat. Ihre Memoiren umfassen bereits zwölf Kapitel, die Suche nach einem Buchverlag läuft. Der Arbeitstitel lautet: „Initially it sounded like a good idea“ (Ursprünglich klang es wie eine gute Idee),
Ihr Kopf ist voller Pläne und Zukunftsideen. Über die Gründung einer Filmproduktionsfirma denkt sie nach oder ein Leben in Paris, New York oder Tokio. In ein Loch, davon kann man fest ausgehen, wird Andrea Petkovic jedenfalls nicht fallen, wenn sie in nicht allzu ferner Zukunft ihre Tenniskarriere beendet. Das große Loch hat sie schon hinter sich.