Tennis in Stuttgart Schnitzel von Lafer, Vorhand von Zverev
Es wird Tennis gespielt auf dem Stuttgarter Weissenhof, aber nicht nur. Die Organisatoren machen das Turnier zum Event. Ein Rundgang.
Es wird Tennis gespielt auf dem Stuttgarter Weissenhof, aber nicht nur. Die Organisatoren machen das Turnier zum Event. Ein Rundgang.
Boris Becker hat es sich gut gehen lassen. Große Terrasse mit Blick auf die Nebenplätze auf der Anlage des TC Weissenhof, Sonnenschein, feine Getränke – und leckeres Essen, kredenzt von Starkoch Johann Lafer. VIP-Herz, was willst du mehr. Selbstredend wird auch der Stargast Becker in diesen Tagen formidabel bekocht im riesigen Bereich für die sehr wichtigen Leute. Die Kritik der Tennislegende an Alexander Zverev, dem Star des Turniers, nach dessen Aus bei den French Open – geschenkt. Becker gegen Zverev und dann Zverevs krachender verbaler Return gegen Becker in Stuttgart Anfang der Woche: Dieses Duell schwebt ja seit einigen Tagen über dem Killesberg.
Im VIP-Zelt und im großen Außenbereich aber spielt das eher keine Rolle. Nicht für Becker, der über Zverevs jüngste Breitseiten gegen ihn nicht reden will (und es bei einem Live-Podcast mit Andrea Petkovic auf einem Nebenplatz auch nicht muss). Und auch nicht für die Menschen an den Nebentischen auf der Terrasse. Denn für sie werden andere Dinge heiß gekocht.
Satte 400 Quadratmeter an Fläche mehr als im vergangenen Jahr haben die Macher der Boss Open für die zahlungskräftige Kundschaft nun zu bieten. Die Organisatoren betonen, dass die Nachfrage nach den VIP-Tickets im Vergleich zum vergangenen Jahr signifikant gestiegen sei. Also wurde beim Zelt und der Terrasse mächtig geklotzt – im Doppel mit dem Namenssponsor, dem Herrenausstatter aus Metzingen.
Der Turnierdirektor Edwin Weindorfer hat neben Zverev auf dem Platz in diesem Jahr einen weiteren Star verpflichtet. Er ist im VIP-Zelt omnipräsent und heißt, genau: Johann Lafer. Passend zu dieser Spitzenkraft am Herd formuliert Weindorfer ein ambitioniertes Ziel für sein Turnier. „Wir wollen“, sagt der Österreicher, der mit der Veranstaltungsagentur Emotion seit dem Jahr 2007 das Stuttgarter ATP-Turnier organisiert, „das gesellschaftliche Event Nummer eins in der Region in Stuttgart werden.“
Bei diesem Satz verwundert es kaum, dass den VIPs, die das Geld bringen, Köstlichkeiten wie das Menü „Geschmacksreise/Udon mit Asia-Gemüse und Erdnüssen in Limettenkokossauce“ serviert werden. Es ist Selbstbedienung im Zelt, und manchmal reicht der Starkoch Lafer auch simple Gerichte selbst über den Tresen – etwa sein Lafer-Schnitzel mit Kartoffelsalat. Draußen gibt es vom Grill eine Lafer-Bratwurst, drinnen auch Pizza (die – Überraschung! – nicht Lafer-Pizza heißt). „Die Leute hier sind dankbar für ein sehr gutes, aber normales Essen“, sagt Lafer. Spargel, Schnitzel oder Erdbeeren seien aus der Stuttgarter Region, betont der Österreicher, der selbst ein Team von fünf Leuten mitgebracht hat – das wenig Zeit hat, um selbst einmal über die gesamte Turnieranlage zu flanieren.
Wer das tut, kommt sich an manchen Stellen, ob gewollt oder nicht, auch recht schnell vor wie ein VIP. Denn das Ambiente ist edel gestaltet – und passend zur Hitze in den nächsten Tagen wähnt sich der Besucher auf dem Weissenhof in diesem Jahr vielerorts fast schon an einer Strandbar. Gut, es gibt keinen Sand unter den Füßen, sondern einen passend zur Spielfläche auf den Courts großflächig ausgerollten Kunstrasen. Dafür steht die in weiß gehaltene noble Außenbar, an der man eine Sektflasche für 42 Euro, aber auch einen halben Liter Wasser für 3,90 Euro erwerben kann, einer gängigen Beachbar auf Ibiza wohl in kaum etwas nach. Auch, weil der DJ den ganzen Tag über Loungemusik auflegt (und fast ohne Pause dazu mitwippt).
Klar, der Titelsponsor ist omnipräsent auf der Anlage, unter anderem mit einem großen Verkaufszelt, in dem sich die Herren mit einem gewissen Budget einkleiden können. Auf die andere Seite der Anlage, in Richtung des Clubhauses des TC Weissenhof, sollte man in diesen Tagen wiederum eher nicht gehen, wenn Alexander Zverev zeitgleich auf einem der Nebenplätze auf dem Weg trainiert. Denn dann wird es eng in den Gassen – die Fans drängeln sich teils in Sechserreihen, um Deutschlands Tennisstar beim monotonen Vorhandüben zuschauen zu können.
Wer dennoch durchkommt, kann seine kleinen Kinder, wenn er denn welche hat, zum Kinderschminken bringen. Eine Spielwiese gibt es auch: Für die Kleinen und nebenan für Große, die sich im Pickleball versuchen können. Und klar, gegessen und getrunken werden kann fast überall. Von der „Färöer-Lachs/Tempura-Spargelrolle“ für 14,50 Euro im Biergarten bis zur roten Wurst (4,50 Euro) reicht das Spektrum. Neben dem Pickleball-Court, klar, gibt es Verkaufsstände satt – und gegen den Durst auch hier die Sektpulle für 42 Euro und das Wasser. Und: In Wimbledon-Manier werden Erdbeeren mit Sahne angeboten. Kostenpunkt: 6 Euro.
Die Mischung soll es machen beim und für das Publikum, das betonen die Organisatoren – wobei das Pendel an manchen Stellen doch recht deutlich in Richtung der, nun ja, eher besser Betuchten ausschlägt. Zu sehen bisweilen in der Klamottenwahl (Strickweste beim modebewussten jungen Herrn bei 27 Grad) und bei der Auswahl der Getränke. Mit dem Aperol oder dem Rosé in der Hand lässt es sich auf dem Weissenhof offenbar für nicht wenige Tennisfreunde nonchalant über die Anlage flanieren. Allerdings: Es gibt sie auch, die fünf Kumpels in kurzen Hosen, die sich aus dem Sehen und Gesehen werden nichts machen – und mit dem halbeleeren Pilsglas in der Hand den nächsten Stand suchen. Ehe sie abends, wenn das letzte Match gespielt ist, einen der Biergärten mit den weißen Biertischen abschließen.
Dann, wenn Johann Lafer drinnen im VIP-Zelt seine letzten Schnitzel des Tages über die Theke reicht.