Tennis in Stuttgart So begeistert Justin Engel die Fans
Das Tennistalent zieht auf dem Weissenhof ins Achtelfinale ein – Berater Charly Steeb und Trainer Philipp Kohlschreiber haben auch die übergeordnete Nachwuchssituation im Blick.
Das Tennistalent zieht auf dem Weissenhof ins Achtelfinale ein – Berater Charly Steeb und Trainer Philipp Kohlschreiber haben auch die übergeordnete Nachwuchssituation im Blick.
Justin Engel lief in seinem schwarzen Muskelshirt zur Hochform auf und riss das begeisterte Publikum auf dem Stuttgarter Killesberg mit. Der 17-Jährige ließ am Dienstagnachmittag trotz Schwindelgefühlen samt einer kurzen Pause im dritten Satz die Muskeln spielen und gewann in einer dramatischen Partie gegen den Australier James Duckworth mit 4:6, 6:4, 7:6 (7:5). Nach dem Matchball sank Engel auf den Boden. Dann verneigte er sich vor dem Publikum und brüllte seine Freude wild und hemmungslos heraus.
Die deutsche Tennis-Nachwuchshoffnung also schaffte auch auf dem Weissenhof-Rasen das, was ihm ein paar Wochen vorher überraschend beim ATP-Turnier in Hamburg auf Sand schon gelungen war: Der Einzug ins Achtelfinale. Engel ist damit der jüngste deutsche Spieler seit Boris Becker 1984, der ein Match auf der ATP-Tour gewonnen hat. In Stuttgart bestritt er sein erstes Rasenmatch auf der Profitour überhaupt. Vor etwas mehr als einem Jahr noch auf Position 881 zu finden, hat sich Engel in der Weltrangliste inzwischen bis auf Platz 281 nach vorne gespielt. Tendenz steigend – nach dem Achtelfinal-Einzug von Stuttgart.
Engel steht damit wie drei andere deutsche 17-Jährige für die Sehnsucht Tennis-Deutschlands nach einer rosigeren Zukunft. Denn die Gegenwart ist trist. So stehen in Alexander Zverev (Rang drei) und Daniel Altmaier (51) derzeit nur zwei Deutsche in den Top 100 der Weltrangliste. Jan-Lennard Struff purzelte zuletzt auf Rang 103. Immerhin hat der Warsteiner in Stuttgart den Einzug ins Achtelfinale geschafft, in das auch Zverev am Donnerstag eingreifen wird.
Hoffnung ist aber in Sicht. Neben Engel hat der Berliner Diego Dedura (17), der ebenfalls erste Erfahrungen auf der ATP-Tour sammelte, die vielversprechendste Perspektive – neben dem Schweriner Niels McDonald (17) und Max Schönhaus (17) aus Soest. Die beiden machten zuletzt in Paris Furore als sie bei den French Open ins Juniorenfinale einzogen, mit dem Sieger Mc Donald.
Engel betonte nun in Stuttgart, dass es sein Ziel sei, am Ende des Jahres unter den Top 200 in der Weltrangliste zu stehen. Er sagt auch: „Ich bin zuversichtlich, dass wir vier jungen Spieler zusammen als deutsches Team nach vorne kommen. Es wäre toll, wenn wir irgendwann auf der großen Bühne spielen könnten.“ Engels Trainer Philipp Kohlschreiber, der es einst bis auf Position 16 geschafft hat, sagt, dass die Qualifikation für die Australian Open im nächsten Januar ein realistisches Ziel für seinen Schützling sei.
Was aber lief übergeordnet zuletzt schief im deutschen Männertennis – und was sollte mit dem Blick auf die Entwicklung der vier 17-jährigen Top-Talente künftig besser laufen? Der frühere Davis-Cup-Sieger Carl-Uwe „Charly“ Steeb gehört als Berater und Betreuer zum Team von Justin Engel. Steeb wohnt auf Mallorca, zum Heimturnier in Stuttgart ist er eingeflogen. Am Clubhaus des TC Weissenhof nimmt er sich während einer Spielpause Zeit für ein Gespräch. Steeb betont: „Die USA oder Italien haben immer zehn bis 15 Spieler im Hauptfeld bei den Grand Slams. Das hatten wir früher auch mal, und da müssen wir als Tennisnation wieder hinkommen.“ Die Flaute könne einerseits an der generell eher fehlenden Bereitschaft der heutigen Jugend, alles zu geben, liegen, so Steeb weiter.
Der Stuttgarter betont auch einen Punkt, der ihm bei seinem Schützling Engel wichtig ist: „Man sieht bei den meisten internationalen jungen Topspielern, die den Durchbruch schaffen, dass es eine Konstante in der Betreuung braucht, einen Coach, der nonstop dabei ist und einen jungen Spieler durch dessen Karriere führt.“
In die gleiche Richtung argumentiert wenig überraschend Engels Coach Kohlschreiber. Er geht auf dem Weissenhof in die Tiefe. Der Augsburger sagt: „Wir brauchen nicht drum herumreden, wir haben nicht viele Leute in den Top 100 Welt, das ist für eine große Tennisnation zu wenig.“ Ein Teil der Lösung sei, was andere Länder wie Italien vormachten, so Kohlschreiber weiter: „Man sollte einem jungen Spieler früh einen Trainer zuordnen, mit dem man gegenseitiges Vertrauen aufbauen kann – über Jahre hinweg.“ Es sei für die Entwicklung junger Profis nicht förderlich, wenn sie wie in Deutschland oft geschehen mit 16 Jahren einen Coach hätten und dann mit 18 wieder den nächsten, weil er zum Beispiel ein Verbandstrainer ist und plötzlich etwas anderes machen muss, so Kohlschreiber: „Wir brauchen mehr Konstanz auf der Trainerposition und damit eine sehr individuelle Förderung.“
Kohlschreiber selbst sieht sich im Team mit Engel als Vorreiter – und ist angetan vom großen Arbeitsethos seines Schützlings. „Das Gute ist, dass man ihn überhaupt nicht pushen muss“, sagt der Trainer: „Manchmal muss man ihm sogar sagen: ‚Hey, es reicht.’ Aber lieber so, als wenn man ihm ständig beibringen müsste, wie geil es ist, ein Tennisspieler zu sein.“
Steeb will da nicht widersprechen. Der Berater sagt, dass Engels zielstrebig, talentiert und fokussiert sei: „Er ist es gewohnt, sehr viel zu trainieren und zu machen, er hat in jungen Jahren mit seinem Vater Horst schon sehr hart gearbeitet . Darum ist er mit seinen 17 Jahren da , wo er gerade steht.“
Und Engel selbst? Der betont nach seinem Achtelfinaleinzug die Vorzüge der Arbeit mit Kohlschreiber: „Er ist ein sehr schlauer Trainer“, sagt das Talent: „Ich spiele variabler unter ihm, spiele mehr Volleys oder mache auch mal einen Stop.“
Zu sehen nun auch im Achtelfinale auf dem Weissenhof – das aber nur einen kleinen Schritt auf dem langen Weg von Engel darstellt. Oder, um es mit Charly Steeb zu sagen: „Zum Durchstarten braucht es Zeit. Justin ist erst 17. Das geht alles nicht von selbst, er hat noch viel Arbeit vor sich.“
Eines hat Engel aber gelernt: Schwindelig wird ihm auf der Profitour wohl so schnell nicht mehr nach der kurzen Pause auf dem Weissenhof am Dienstag in Satz drei. „Ich war ein bisschen nervös im Laufe des Spiels und habe bei dem ganzen Druck irgendwann vergessen, Bananen zu essen“, sagte er nach seinem Sieg. Nach dem Genuss der Südfrucht kam Engel dann wieder zu Kräften und am Ende zum Sieg – dem größten seiner bisherigen Laufbahn.