Tennis in Stuttgart Alexander Zverev: „Boris Becker hat mir nicht geschrieben“

Kraftvoll ins Viertelfinale: Alexander Zverev Foto: Baumann

Alexander Zverev gewinnt sein Auftaktmatch auf dem Weissenhof – wo auch der Streit mit Legende Boris Becker weiter Thema ist.

Sport: Marco Seliger (sem)

Am Ende hatte Alexander Zverev das Stuttgarter Publikum in der sengenden Nachmittagshitze fest im Griff. Nach dem Viertelfinaleinzug auf dem Weissenhof ließ es sich am Donnerstagnachmittag auf dem Platz noch leicht Spaß treiben – also animierte der Weltranglistendritte mit ein paar Bällen in der Hand die Leute auf allen vier Tribünen: Welche Seite in Summe am lautesten schrie, sollte den Zuschlag bekommen. Und, was soll man sagen: Es schallte von überall her laut herunter in Richtung des Rasens. Zverev bediente dann zumindest drei der vier Seiten und machte damit jeweils einen Fan mit einem Ball glücklich.

 

Vorher war der Hamburger bei seinem Achtelfinale, seinem ersten Auftritt in Stuttgart seit dem Jahr 2019, bei seinen Schlägen nicht immer so zielsicher. Mit einiger Mühe im zweiten Satz bezwang er den Franzosen Corentin Moutet auf dem nahezu ausverkauften Center Court mit 6:2, 7:6 (9:7). Zverev musste im Tiebreak einen Satzball abwehren und profitierte in der entscheidenden Phase von einigen leichten Fehlern des Franzosen. „Das erste Spiel auf Rasen in einer Saison ist nie einfach“, sagte Zverev hinterher: „Ich hätte lieber 6:2, 6:2 gewonnen, habe es aber ein bisschen kompliziert gemacht – aber ich habe gewonnen, das ist das Wichtigste.“ An diesem Freitag bestreitet Zverev gegen Brandon Nakashima (USA) das dritte Spiel des Tages (Beginn nicht vor 15 Uhr).

Die deutsche Nummer eins war vor etwas mehr als einer Woche bei den French Open in Paris im Viertelfinale an Novak Djokovic gescheitert. Hinterher erholte sich Zverev ein paar Tage beim Golfurlaub auf Mallorca und kam dann am Pfingstmontag ausgeruht für die ersten Trainingseinheiten auf Rasen in Stuttgart an. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt hatte Zverev am Montag in der zum Pressezentrum umgebauten Tennishalle des TC Weissenhof gegen Boris Becker geschmettert, als er die Kritik der Tennislegende nach dem Aus in Paris bemerkenswert deutlich gekontert hatte.

Zverev betonte da aber auch, dass er jederzeit zu einem Gespräch mit Becker bereit sei. Die Legende weilte am Dienstag auf der Anlage auf dem Killesberg. Einen Austausch habe es aber nicht gegeben, sagte Zverev nun am Donnerstag: „Boris hat mir nicht geschrieben. Es gab keinen Kontakt, gar nichts.“ Nach einer kurzen Pause folgte der Satz, der Zverevs Enttäuschung darüber Ausdruck verlieh: „Das ist überraschend aus meiner Sicht, muss ich sagen.“

In Stuttgart will sich Zverev nun aufs Sportliche konzentrieren. Die Vorbereitung auf das nächste Grand-Slam-Turnier hat begonnen – und klar ist: Es wird eine harte Woche. So sagte das Zverev selbst am Donnerstagabend. So habe er vor seinem Spiel auf dem Center Court vor dem eigentlichen Aufwärmen eine Stunde lang Fitnesstraining gemacht, dann eine Stunde lang trainiert – um nach dem Match nochmals eine Stunde lang zu trainieren, ehe die finale Fitnesseinheit folgte: Sie dauerte 75 Minuten.

Aufgrund des Programms nach der Partie wurde die Pressekonferenz am Abend mehrfach nach hinten verschoben. „Das ist keine normale Turnierwoche für mich“, sagte Zverev dazu, als er in Badeschlappen auf dem Podium saß: „Ich tue alles um das Turnier hier zu gewinnen, will mich aber auch auf die Wochen danach vorbereiten.“ Denn: Die beiden Dominatoren Carlos Alcaraz und Jannik Sinner seien, so Zverev weiter „derzeit vorne – da muss ich ein bisschen etwas aufholen.“

Ansage an die Medienvertreter

Vor allem mit dem Blick auf den Höhepunkt auf Rasen. In Wimbledon geht es am 30. Juni los – bis dahin will sich der Hamburger auf dem Belag, der ihm nicht der liebste ist, einspielen. So ist Zverev in Wimbledon bisher noch nie über das Achtelfinale hinausgekommen, keinen seiner 24 ATP-Titel hat er auf Rasen gewonnen. In Form kommen will Zverev nun auf dem Weissenhof – wo er am Donnerstagabend noch eine Ansage an die Medienvertreter richtete: „Ihr seid sehr überrascht, wenn ich mal ein Tennismatch gewinne in letzter Zeit – aber ich bin immer noch die Nummer drei der Welt, und es gibt nur zwei Leute – Sinner und Alcaraz – die in diesem Jahr bisher besser sind als sich vom aktuellen Jahres-Ranking her.“

Engel im siebten Himmel

Die deutsche Nachwuchshoffnung Justin Engel (17) hat am Donnerstag unterdessen im ersten Spiel des Tages seinen bisher größten Erfolg seiner Karriere gefeiert. Der Nürnberger bezwang den Weltanglisten-35. Alex Michelsen (USA) mit 6:4, 6:4 und steht erstmals im Viertelfinale bei einem ATP-Turnier. Dort trifft er an diesem Freitag – wieder in der ersten Partie um 11 Uhr – auf den früheren Top-Ten-Spieler Félix Auger-Aliassime (Kanada). „Ich bin sehr glücklich und kann die nächste Runde kaum erwarten“, sagte Engel am Donnerstag: „Ich war sehr nervös. Die Leute hier im Publikum haben mir geholfen.“ Engel ist jetzt jüngster Viertelfinalist der Turniergeschichte in Stuttgart und jüngster Viertelfinalist auf Rasen seit Boris Becker 1985 in Wimbledon.

Bei seinem Match am Vormittag waren die Ränge auf dem Killesberg schon gut gefüllt, die Zuschauer trieben ihn nach vorn. Gegen Michelsen, in Stuttgart an Nummer sieben gesetzt, präsentierte sich Engel stabil. Bei eigenem Aufschlag gab er sich keine Blöße und musste keinen einzigen Breakball abwehren. Wenn der erste Aufschlag kam, machte Engel zu 100 Prozent den Punkt.

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