Der sechsfache Wimbledonsieger Novak Djokovic wirkt beim Auftakt gegen den Südkoreaner Kwon gehemmt – und wird als Impfverweigerer in der Tennisszene weiter kritisch beäugt.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Goran Ivanisevic, der Wimbledon-Champion von 2001, schaute in seiner Trainerbox mit grimmiger Miene lange Zeit recht ungläubig drein. Denn eine Offenbarung war das Spiel seines Schützlings Novak Djokovic beileibe nicht – auch wenn der Djoker sein Auftaktmatch auf dem heiligen Rasen des Centre-Courts gegen Soonwoo Kwon, die Nummer 81 der Welt, letztlich mit 6:3, 3:6, 6:3 und 6:4 gewann.

„Ich hatte keine Rasenmatches in der Vorbereitung – also habe ich mich nicht ganz so wohl gefühlt“, sagte Djokovic. Immerhin konnte der Wimbledonsieger der vergangenen drei Ausgaben nebenbei auch etwas für seine eigene Legende tun: So war der Sieg gegen den Südkoreaner Kwon bereits sein 80. im 90. Einzel an der Church Road – nur Jimmy Connors (84) und Roger Federer (105) haben in Wimbledon häufiger gewonnen.

Dennoch sieht sich der Serbe, dessen Spiel lange gehemmt wirkte, auch nach Siegen mit einer neuen Realität konfrontiert: Denn der Mann, der die Tennis-Weltrangliste über die Rekordzeit von 373 Wochen anführte, wird inzwischen kritischer beäugt als es ihm lieb ist. Es bleibt also ein schwieriges Tennisjahr für Novak Djokovic – was vor allem an seiner weiter hartnäckigen Weigerung liegt, sich impfen zu lassen.

Rafael Nadal erhöht auf 22:20

Während Rafael Nadal mit seinen Siegen von Melbourne und Paris bei den Grand-Slam-Titeln im Vergleich der beiden Tennis-Giganten auf 22:20 erhöht hat, kämpft Djokovic gegen den Abwärtstrend. In Wimbledon trifft der einst klar beste Rasenspieler der Welt diesmal allerdings auf eine an der Spitze ausgedünnte Herrenkonkurrenz. Denn die Nummern eins und zwei der Weltrangliste sind beim dritten Grand-Slam-Turnier des Jahres im Südwesten Londons nicht mit dabei.

Während der Russe Daniil Medwedew nicht spielen darf, fällt der Hamburger Alexander Zverev aufgrund einer Bänderverletzung aus. Auch der achtfache Wimbledon-Rekordchampion Federer, der sein Comeback nach einer Knieoperation für den Herbst beim Heimspiel in Basel angekündigt hat, fehlt beim bedeutendsten Turnier des Jahres.

Wie die Nummer eins Medwedew sind sämtliche Spieler aus Russland und Belarus als Folge des Angriffskrieges auf die Ukraine gesperrt. Für die Entscheidung auf Empfehlung der britischen Regierung, die von den Veranstaltern des All England Clubs befürwortet wird, hat Djokovic allerdings wenig Verständnis. „Keiner von ihnen unterstützt den Krieg. Daher ist die Entscheidung nicht fair“, sagte der Serbe, für den ein Auftritt der verbannten Spieler unter neutraler Flagge wie bei den French Open die fairste Lösung darstellen würde. Aber der 35-Jährige, der als Kind den Jugoslawien-Konflikt hautnah erlebte, gibt auch zu: „Es ist schwierig zu sagen, was richtig oder falsch ist.“

Djokovic ist weiter motiviert

Dabei trägt der Champion weiter vor allem seine hausgemachten Probleme wie einen schweren Rucksack mit sich umher. So bleibt seine Tennissaison 2022 ein heikler Drahtseilakt – auch wenn Djokovic sagt: „Das Feuer brennt weiter in mir – auch wenn ich kein Youngster mehr bin.“ Dabei gibt es neben den sportlichen Rückschlägen, dem frühen Aus in Dubai und Monte Carlo sowie der Viertelfinal-Niederlage bei den French Open gegen Nadal durchaus auch positive Aspekte: Im Falle eines vierten Wimbledon-Sieges in Folge könnte Djokovic zu Pete Sampras aufschließen; Björn Borg und Roger Federer haben gar fünf Titel am Stück gewonnen.

Doch abseits des sportlichen Tagwerks irritiert Djokovic weiter mit seinem Egotrip in Zeiten der Pandemie. „Es gibt nicht viel, was ich machen kann. Es liegt an der US-Regierung. Ich würde gerne in die Staaten fliegen – aber bis heute ist das nicht möglich“, befand Djokovic, der bereits die Turniere in Indian Wells und Miami verpasst hatte – und der auch bei den am 29. August beginnenden US Open in New York aufgrund seiner fehlenden Impfungen nicht antreten kann.

Schließlich dürfen Ungeimpfte nicht in die USA einreisen – und der 35-Jährige hält weiter an seiner grundsätzlichen Verweigerungshaltung fest. Das hat Djokovic viele Sympathien gekostet. Anlässlich der Australian Open hatte der Tennisstar mit einer Ausnahmegenehmigung spielen wollen – wurde aber letztlich nach Tagen in Abschiebearrest des Landes verwiesen. Auch in Wimbledon beantwortete der Djoker die Frage, ob er sich weiterhin nicht impfen lassen wolle, zweimal ganz unbeirrt mit „Ja“.

Für das Turnier gebe ihm sein Fehlen bei den US Open sogar „eine Extra-Motivation“, erzählte Djokovic, dessen Karrierekurve im Herbst weiter abknicken wird – egal, ob er in London nun gewinnt oder nicht. Schließlich gibt es in Wimbledon diesmal aufgrund des Ausschlusses der Spieler aus Russland und Belarus keine Punkte für die Weltrangliste. So geht der Serbe wie bei den Australian und US Open leer aus, wird 5200 Punkte verlieren, und im Herbst daher definitiv aus den Top Ten fallen.