Tennis-Stars in der Kritik Aufruhr nach der Adria-Tour

Von Jochen Klingovsky 

Bei dem von Novak Djokovic organisierten Turnier gab es kein wirksames Hygienekonzept und stattdessen zwei mit dem Corona-Virus infizierte Tennisprofis. Warum der Serbe heftig attackiert wird und Alexander Zverev seine Teilnahme mittlerweile bedauert.

Bei der Adria-Tour wurde nicht nur Tennis gespielt: Der serbische Ausrichter Novak Djokovic (re.) und Grigor Dimitrov maßen sich auch beim Basketball – mittlerweile ist der bulgarische Ex-Weltmeister positiv auf das Coronavirus getestet worden. Foto: imago/Xinhua
Bei der Adria-Tour wurde nicht nur Tennis gespielt: Der serbische Ausrichter Novak Djokovic (re.) und Grigor Dimitrov maßen sich auch beim Basketball – mittlerweile ist der bulgarische Ex-Weltmeister positiv auf das Coronavirus getestet worden. Foto: imago/Xinhua

Zadar/Stuttgart - Überall auf der Welt kämpfen Verbände und Ligen um eine Rückkehr zur Normalität. Schritt für Schritt. Zunächst noch ohne Zuschauer, dafür mit ausgeklügelten Hygiene- und Sicherheitskonzepten. Überall auf der Welt? Nein! Es gibt Regionen, da läuft es anders. Leichter. Lockerer. Lascher. Was nun Folgen hat – für einige der besten Tennisspieler.

Novak Djokovic, die Nummer eins, hatte eine Benefiz-Serie ausgerufen, und viele Stars kamen zur Adria-Tour. Der Österreicher Dominic Thiem, Dritter der Weltrangliste, Alexander Zverev, der beste Deutsche, Grigor Dimitrov, Ex-Weltmeister aus Bulgarien. Der Auftakt fand in Belgrad/Serbien statt, das zweite Turnier am Wochenende im kroatischen Zadar. Dort wurde das Finale allerdings abgesagt – offiziell aus Sicherheitsgründen. Am Sonntagabend postete Dimitrov dann, positiv auf das Coronavirus getestet worden zu sein. Ein Foto zeigt ihn auf dem Krankenbett, er trägt eine Maske, wirkt gezeichnet und beendet seine kleinlaute Botschaft mit den Worten: „Bleibt sicher und gesund.“

Wilde Party in einem Belgrader Nachtclub

Es war eine Hoffnung, die nicht lange hielt. Am Montagmorgen gab der Kroate Borna Coric bekannt, ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert zu sein. Er hatte in Zadar gegen Dimitrov gespielt. Nun ist die Tennis-Welt in Aufruhr. Und schießt sich ein. Auf die Teilnehmer der Adria-Tour – und ganz besonders auf Novak Djokovic.

Der Serbe ist zuletzt mit einigen kruden Thesen aufgefallen, unter anderem behauptete er, dass es mit der Kraft der Gedanken möglich sei, giftigstes Wasser in Heilwasser zu verwandeln. Zuvor hatte er sich als entschiedener Gegner einer verpflichtenden Corona-Impfung geoutet. Und erklärt, dass er Ende August eher nicht an den US Open teilnehmen werde, wenn er dort das Hotel nur zu den Spielen verlassen dürfe. Entsprechend dürftig war das Hygiene- und Sicherheitskonzept bei seiner Adria-Tour. Manche sagen sogar: es existierte gar keines.

Lesen Sie hier: Warum Djokovic zurecht kritisiert wird

Zum Auftakt in Belgrad gab es Partien vor 4000 Zuschauern im Stadion, einen Kindertag, Selfies der Stars mit großen Gruppen, verschwitzte Handtücher, die auf die Tribünen flogen, Umarmungen der Profis, Händeschütteln, und, und, und. Aber vor allem gab es eine durch viele Instagram-Filmchen bestens dokumentierte Party im Nachtclub „Lafayette“. Unter anderem sind Djokovic, Zverev, Thiem und Dimitrov zu sehen, wie sie oben ohne auf der Bühne singen und tanzen, umgeben von einer wild feiernden Menge. Diese Videos hatten schon vor einer Woche für Empörung gesorgt. Jetzt holen die Bilder die ebenso sorg- wie verantwortungslosen Tennisstars endgültig ein.

„Ringelpiez mit Anfassen“

Als „absolute Katastrophe“ geißelte die deutsche Frauentennis-Chefin Barbara Rittner die Vorgänge, Djokovic habe seinem Sport einen „Bärendienst“ erwiesen: „Die ganze Welt hält Abstand und trägt Masken. Und an der Adria hat man nachts gefeiert und sich oberkörperfrei in den Armen gelegen. Die leben offenbar in ihrer eigenen Blase.“ Ähnlich urteilte Dirk Hordorff. „Wie soll ich einem Jugendlichen erklären, dass er Abstand halten und sich die Hände waschen soll, wenn Djokovic Ringelpiez mit Anfassen spielt? Das ist ein katastrophales Bild“, erklärte der Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes, „wenn es kaum Regeln gibt und alles stolz per Video gezeigt wird, macht mich das fassungslos.“

Es ist eine Botschaft, die nun auch bei Alexander Zverev angekommen ist. Zumindest erklärte er, seine Teilnahme an der Adria-Tour mittlerweile zu bedauern: „Ich möchte mich zutiefst bei allen entschuldigen, die ich möglicherweise einem Risiko ausgesetzt habe.“ Er und sein Team seien bereits negativ getestet worden, er werde sich gemäß der Vorgaben der Ärzte in Selbstisolation begeben. Das Bedauern der Kollegen darüber hält sich offenbar in Grenzen. „Schnelle Genesung, Jungs – aber das passiert, wenn man alle Vorschriften missachtet“, meinte zum Beispiel Nick Kyrgios, „es war saudumm.“

Offen ist, welche Auswirkungen die völlig aus dem Ruder gelaufene Adria-Tennisparty haben wird. In den nächsten Wochen sollen weitere Showturniere stattfinden, etwa in Kitzbühel und Berlin. Dort wird, so viel ist sicher, penibel auf die Einhaltung sämtlicher Hygiene- und Abstandsregeln geachtet werden. Wie auch bei den US Open, dem ersten Grand-Slam-Turnier nach der Corona-Auszeit. Auch auf die Gefahr hin, dass Novak Djokovic deshalb lieber zu Hause bleibt.

Lesen Sie hier: Wie die deutschen Tennis-Frauen die Corona-Pause beendet haben

Unsere Empfehlung für Sie