Tennis-Weltmeister Alexander Zverev Darum ist er besser als sein Ruf

Von Tim Wohlbold 

Tennis-Profi Alexander Zverev hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Die Zahlen zu Beginn der ATP-WM in London sprechen trotz aller offenkundigen Probleme für die Weltklasse des amtierenden Weltmeisters.

Er scheint vor der ATP-WM sagen zu wollen: Seht her, ich bin noch da! Tennis-Weltmeister Alexander Zverev. Foto: AFP/Christophe  Archambault 16 Bilder
Er scheint vor der ATP-WM sagen zu wollen: Seht her, ich bin noch da! Tennis-Weltmeister Alexander Zverev. Foto: AFP/Christophe Archambault

Stuttgart - Alexander Zverev ist amtierender Tennis-Weltmeister, die Nummer sieben der Tennis-Weltrangliste und seit Jahren der beste deutsche Tennis-Profi. Genaugenommen ist er der beste Deutsche seit Tommy Haas Anfang des Jahrtausends die Hoffnung der deutschen Tennisfans letztmals nährte, die Ära der Beckers, Stichs und Grafs möge für immer weitergehen.

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Mit seinen 22 Jahren beendet Zverev – unabhängig vom Ergebnis der Tennis-WM kommende Woche in London – diese Saison zum dritten Mal in Folge unter den Top-10 der Welt. Zum Vergleich: Boris Becker ist der einzige deutsche Profi, dem das in seiner gesamten Karriere öfter gelang (10). Michael Stich fand sich ebenfalls drei Mal in diesem erlauchten Kreis wieder – Spieler wie Haas, Nicolas Kiefer oder Rainer Schüttler gelang das Zeit ihrer Karrieren jeweils ein Mal.

2019 war das schwierigste Jahr seiner Karriere

Und doch, so liest, hört und sieht man, Alexander Zverev hat das mit Abstand schwerste Jahr seiner noch jungen Karriere hinter sich. Nachdem er mit mehreren beeindruckenden Vorstellungen im November 2018 zum ATP-Champion avancierte, stieg die Erwartungshaltung gegenüber dem Hamburger – medial, von Fan-Seite, aber eben auch im engsten Umfeld. Diesem, so hat man bis heute den Eindruck, scheint er nicht immer gewachsen.

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„Tennis ist ein mental äußerst anspruchsvoller Sport“, sagte einst die große Venus Williams. „Du gewinnst oder verlierst ein Match meistens bevor Du überhaupt auf den Platz gegangen bist.“ Will heißen: Wer nicht über das nötige Selbstvertrauen verfügt, oder nicht absolut fokussiert ist, hat auf der Profitour keine Chance. Beispiele dafür gab es bei Zverev diese Saison zuhauf. Der negative Höhepunkt wohl seine 20 Doppelfehler in Ohio Anfang August gegen den Qualifikanten Miomir Kecmanovic. „Mir fehlt das Selbstvertrauen“, sagte Zverev und gab zudem zu: „Es hat mit den ganzen Themen zu tun, die es außerhalb des Courts gab.“

„Er ist bereits heute ein Superstar und ein zukünftiger Champion“

Und davon gab es seit dem London-Erfolg vor zwölf Monaten einige: Der ständig schwelende Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Manager Patricio Apey, die Trennung von Ex-Coach Ivan Lendl, ein Krankenhausaufenthalt des Vaters, das zwischenzeitliche Ende seiner Beziehung zu On-Off-Freundin Olga Sharypova und der gestiegene Erwartungsdruck. Klingt viel für einen 22-Jährigen, der für eine Topleistung all das ausblenden müsste.

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Aber, auch das gilt es zu konstatieren, Zverev arbeitet die Themen ab so gut er eben kann. Mittlerweile ist er beim Management von Roger Federer unter Vertrag und der Schweizer selbst war es, der erst kürzlich versuchte, dem Deutschen wieder Selbstvertrauen einzuimpfen: „Er ist bereits heute ein Superstar und ein zukünftiger Champion“, sagte Federer und erklärte damit auch, warum er den Deutschen nach der Tennis-WM zu diversen Schaukämpfen in Fernost mitnimmt.

Die Trainerfrage schwelt weiter

Seit der Bekanntgabe der Zusammenarbeit mit seinem einstigen Idol zeigt Zverevs Formkurve leicht nach oben: Sieg beim Laver-Cup, Halbfinale in Peking und ein Endspiel beim Masters in Schanghai stehen unter anderem seither zu Buche. Nun hat er zum Saisonende die Chance, ein für ihn unbefriedigendes Jahr mit einer versöhnlichen Note zu beenden. „Ich bin einfach glücklich, das dritte Mal in Folge dabei zu sein“, will er die Erwartungshaltung angesichts der Vorrundengruppe mit Rafael Nadal, Daniil Medvedev und Stefanos Tsitsipas nicht zu hoch hängen.

Ungeachtet des London-Ergebnisses gilt es für Zverev in der Winterpause zu prüfen, ob die Zusammenarbeit und Fokussierung auf seinen Vater als Cheftrainer zielführend ist. „Zwei Trainer sind einer zu viel“, sagte unlängst Boris Becker, mittlerweile Männertennis-Chef beim Deutschen Tennis-Bund. Daher wunderte er sich nicht über das Ende der Zusammenarbeit der Zverevs mit Lendl. Und dennoch hält die Tennis-Legende externen Input für wichtig: „Er hat sich in den vergangenen 18 Monaten als Spieler nicht weiterentwickelt“, so die harsche Kritik nach dem Aus bei den US-Open. Becker verwies darauf, dass sich auch die absoluten Ausnahmespieler wie Federer, Nadal oder Novak Djokovic regelmäßig zusätzliches Know-how ins Team holen. Einzige Bedingung: „Es muss klar sein, wer für was zuständig ist.“

Zverev hält sich dazu bedeckt, das Verhältnis zu seinem Vater ist ihm heilig. Zudem führte Alexander Senior ihn dahin, wo er jetzt ist. Und das ist, wie die Zahlen belegen, seit drei Jahren die absolute Weltspitze.

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