Tommy Haas und Philipp Kohlschreiber zeigen bei der ersten Tennisnacht in der MHP-Arena in Ludwigsburg hochklassigen Sport. Die Halle bleibt zwar halb leer, doch der Veranstalter ist optimistisch.

Nachrichtenzentrale: Tim Höhn (tim)

Ludwigsburg - Falls dieser Moment für Tommy Haas ein Kulturschock ist, lässt er es sich nicht anmerken. Tags zuvor hat er in seiner Wahlheimat Los Angeles die Sonne und 24 Grad genossen, jetzt, am Samstagnachmittag, steht er mit Philipp Kohlschreiber auf der kleinen Bühne des Ludwigsburger Weihnachtsmarkts und soll für den Schaukampf Werbung machen, der wenige Stunden später in der MHP-Arena stattfinden wird. Der Kartenvorkauf für das Duell der derzeit besten deutschen Tennisspieler verlief schleppend. Haas, dick eingepackt, erklärt ins Mikro, wie sehr er sich freue, hier zu sein. „Das hat ja auch etwas Schönes, so ein Christkindlesmarkt.“ Und das Match werde bestimmt auch gut.

 

Die Leute vor der Bühne applaudieren, jedenfalls die paar Dutzend, die stehen geblieben sind. Viele sind auch nur da, weil vor der Bühne ein Glühweinstand postiert ist. „Wer ist denn das da?“, fragt eine Frau mit Schweizer Akzent. „Ach, der Haas. Na ja, wir haben halt den Roger Federer, der ist ja viel besser.“ Nach einer kurzen Autogrammstunde räumen Haas und Kohlschreiber die Bühne, die für einen Auftritt des Prinzessin-Gisela-Theaters mit dem Keks- und Kuchenmonster gebraucht wird.

Die Idee, Haas und Kohlschreiber zum Saisonabschluss bei einer sogenannten Langen Tennisnacht antreten zu lassen, geht auf die Agentur Emotion zurück. Die organisiert neben dem Mercedes-Cup in Stuttgart zahlreiche andere Tennisevents und hat sich zum Ziel gesetzt, auch Ludwigsburg und vor allem die Arena als feste Größe im Tenniskalender zu etablieren – mit regelmäßigen Schaukämpfen, vielleicht auch kleineren Turnieren. Was durchaus im Interesse der Stadtverwaltung wäre, denn die teure neue Halle am Bahnhof muss schließlich gefüllt werden.

Auch um die Ausrichtung des nächsten Davis-Cup-Heimspiels gegen Spanien hatte sich Emotion beworben, das nun aber statt in Ludwigsburg in Frankfurt am Main ausgespielt wird. Bei dem prestigeträchtigen Mannschaftswettbewerb werden Haas und Kohlschreiber vermutlich das deutsche Team bilden. Beide haben eine herausragende Saison gespielt. Kohlschreiber ist die Nummer 22 der Welt, Haas hat sich im Alter von 35 Jahren gar auf Position 12 hochgespielt – macht er so weiter, wird er die schwächelnde Tennislegende Roger Federer übrigens bald überholen. Beste Voraussetzungen also für eine gelungene Tennisnacht in Ludwigsburg.

Die Halle ist nur zur Hälfte gefüllt

Aber es ist offenbar nicht leicht, aus einer Stadt ohne Tennistradition eine begeisterte Tennisstadt zu formen. Die mit knapp 4000 Plätzen ausgestattete Halle ist am Abend nur zur Hälfte gefüllt – zu jedem Spiel der Basketball-Bundesligamannschaft kommen mehr Leute. Andererseits bieten Haas und Kohlschreiber tatsächlich hochklassigen Sport – und machen, anders als noch auf der Weihnachtsmarkt-Bühne, am Abend tatsächlich beste Werbung.

Das gilt auch für die deutlich jüngeren und in der Ranglisten viel weiter hinten platzierten Nils Langer und Florian Fallert, die den Vorkampf bestreiten. Am Ende gewinnt Langer, gebürtiger Ludwigsburger, mit 7:6 und 6:4. Um 20.30 Uhr, mit etwas Verspätung, beginnt das Hauptmatch.

Wie so oft bei Schaukämpfen, bei denen es nichts Wichtiges zu gewinnen gibt, spielen Haas und Kohlschreiber von Anfang an mit hohem Risiko. Das führt zu vielen Fehlern, aber auch zu vielen spektakulären Ballwechseln. Vor allem Tommy Haas entpuppt sich immer wieder als Entertainer, er scherzt mit dem Publikum und legt sich zum Spaß mit einer Linienrichterin an. In den entscheidenden Phasen aber nehmen die Kontrahenten, von denen es heißt, dass sie nicht die besten Freunde seien, die Sache äußerst ernst. Nach hundert Minuten dann siegt Haas denkbar knapp mit 7:6 und 7:6. Den Matchball verwandelt er mit einem von zahlreichen Assen, was nicht unbedeutend ist. Ein Sponsor hatte vorab angekündigt, für jeden direkt verwandelten Aufschlag 100 Euro zu spenden.

Darüber hinaus gehen fünf Euro von jeder verkauften Eintrittskarte an die Taifunopfer auf den Philippinen, außerdem wurden Schläger und andere Utensilien der Profis für den guten Zweck versteigert. 13 315 Euro kamen für die gute Sache zusammen. Ein Erfolg. Und Edwin Weindorfer, der Emotion-Chef aus Österreich, sagt. dass er nicht zufrieden mit der Publikumsresonanz sei, wohl aber mit der Veranstaltung. Die Atmosphäre sei hervorragend, spätestens im kommenden Herbst wolle man wieder einen Schaukampf in der Arena veranstalten. „Das muss wachsen.“