Tennisvereine auf den Fildern Der Boris-Becker-Effekt ist längst verpufft

Von Patrick Steinle 

In den 1980er Jahren schraubte sich das Interesse der Leute am Tennisspielen enorm in die Höhe. Die Zeiten sind vorbei. Doch Tennisclubs würden gerne wieder wachsen. Viele kämpfen aber mit einem bestimmten Problem. Beispiele von den Fildern.

Die Tennisabteilungen bemühen sich, den Mitgliedern gute Trainingsmöglichkeiten zu bieten. Foto: Sägesser
Die Tennisabteilungen bemühen sich, den Mitgliedern gute Trainingsmöglichkeiten zu bieten. Foto: Sägesser

Filder - Die Zeiten, in denen Jugendliche zu Tennislegenden wie Boris Becker oder Steffi Graf aufschauten, sind längst Geschichte. „Vorbilder sind hilfreich für jeden Sport, doch das Fehlen dieser ist nicht allein der Grund, warum das Interesse am Tennisspielen nachlässt“, sagt Volker Zetsche. Er ist Vorstand der Tennisabteilung des HTC Stuttgarter Kickers.

Der Degerlocher Verein ist derzeit dabei, die vier Tennisplätze zu sanieren und wird in Kürze eine Traglufthalle für den Winter errichten. „Dass wir im Winter auf umliegende Hallen ausweichen müssen, ist definitiv ein Nachteil“, erklärt Zetsche. „Viele Kinder spielen Hockey beim HTC, um Tennis zu spielen gehen sie aber lieber zu anderen Vereinen.“ Der Verein hofft durch die Erneuerungen auf ein Ende des nachlassenden Zuwachses an Mitgliedern. Für Zetsche ist also klar, dass gewisse Ansprüche erfüllt werden müssen, damit der Tennissport attraktiv ist. Insgesamt bietet der HTC mit einem zusätzlichen Swimmingpool ein großes Freizeitangebot.

Probleme bereitet der Winter

Beim TSV Plattenhardt zählt Tennis ebenfalls zum Breitensport. „Wir wollen den Spielern die Freude am Tennis vermitteln“, sagt Tilmann Mauz, der Abteilungsleiter für Tennis beim TSV. Dort stehen zwar doppelt so viele Spielfelder zur Verfügung, wie es beim HTC der Fall ist, jedoch fehlt auch hier zurzeit die Möglichkeit, im Winter Tennis zu spielen. „Der einzige Trainer mietet im Winter umliegende Hallen an, um ein verringertes Angebot an Trainingseinheiten anbieten zu können“, erklärt Mauz. In einem weiteren Punkt gibt es Parallelen zwischen den beiden Vereinen. Mauz und Zetsche suchen die gleiche Zielgruppe: „Eltern melden ihre Sprösslinge beim Verein an und fangen daraufhin selbst an, Tennis zu spielen“, sagt er. Der Leistungssport wird in Plattenhardt nicht angestrebt. Dafür fehlen Plätze und Trainer. „Wir machen das, was in unseren Möglichkeiten steht“, sagt Mauz.

Beim TC Blau-Weiß Vaihingen-Rohr ist das anders. „Wir bieten Tennis als Leistungs- wie auch Breitensport an“, erklärt der Vorstand Wolfgang Bruder. „Der Breitensport ist das Rückgrat unseres Vereins. Einerseits ist es aus finanziellen Gründen wichtig, dass der Verein viele Mitglieder zählt, andererseits integrieren wir Hobby-Spieler mit Potenzial in unsere Mannschaften im Leistungsbereich.“

Die Generation Becker und Graf löste einen Boom aus

1985 gewinnt Becker zum ersten Mal bei Wimbledon. Darauf folgt ein enorm hohes Interesse an Tennis. Der Württembergische Tennis-Bund zählt zehn Jahre vor dem Erfolg 76 130 Spieler – Jugendliche, Aktive und Passive – in 320 Vereinen. Die Zahl der Vereine verdreifacht sich bis 1990 auf 964 Vereine in Württemberg. Dabei zählt der Verband 238 453 Sportler. Die Generation um Becker und Graf löst einen Boom in der Republik aus. Jedoch flacht dieser immer mehr ab. 2016 gibt es zwar mehr Vereine (1029), jedoch nur noch 166 958 Spieler. Der Andrang ist zwar nicht so gering wie vor den 1980er Jahren, die Werte kommen aber keineswegs an die Glanzzeiten heran.

Vorbilder wie Becker oder Graf sind heutzutage auch in Alexander Zverev oder Angelique Kerber nicht zu finden. Der TC Blau-Weiß Vaihingen-Rohr hat damit aber kein Problem. Die eigenen Sportler der aktiven Mannschaften sind Vorbilder für die meisten jugendlichen Einsteiger. „Wir haben keine Probleme mit den Mitgliederzahlen. Die Kinder haben Ambitionen und wollen später in den aktiven Teams des TC spielen“, sagt Frederick von Au vom Vereinsmanagement des TC. Der Verein zählt momentan rund 570 Mitglieder. „Während des Becker-Graf-Booms waren es teilweise über 700“, fügt Bruder hinzu.

Leistungssport ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für einen Verein

Beim TSV Plattenhardt hingegen zählt man nur rund 220 Tennisspieler. „Diese Zahl ging selten über 250 hinaus“, sagt Mauz. Auch der HTC Stuttgarter Kickers zählt weniger Mitglieder. Die Aussicht auf Leistungssport ist also ein wichtiger Faktor für die Attraktivität eines Tennisvereins.

Auf der Waldau und im Weilerhau handelt man jedoch sehr unterschiedlich. „Wir sehen uns als Verein für den Breitensport, in Bernhausen zum Beispiel liegt der Fokus viel mehr auf dem sportlichen Erfolg“, sagt der Plattenhardter Abteilungsleiter Mauz. „Bei uns geht es dann eben um den Spaß am Sport, und das ist gut so.“ Beim HTC ist man ambitionierter. Die Sanierung der Plätze soll neuen Aufschwung bringen und die Tennisabteilung im sportlichen Erfolg wieder näher zum Hockey führen. Denn dass die Platzverhältnisse ein wichtiger Faktor im Gesamtbild eines Vereins sind, sieht man auch in Vaihingen. Dort stehen 15 Felder im Freien zur Verfügung. „In der Halle sind es nur drei“, sagt von Au. „Dann wird es schon eng.“

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