Tenor Elmar Gilbertsson Das Heimweh des Fliegenfischers

Wäre fast Ingenieur geworden: Elmar Gilbertsson Foto: Matthias Baus

Seit 2018 ist Elmar Gilbertsson Mitglied des Stuttgarter Opernensembles. In „Mahagonny“ singt der schlanke Isländer den Fatty. Auch wenn er sich in Stuttgart wohlfühlt, reist der Tenor immer wieder in seine Heimat – nicht nur wegen seines liebsten Hobbys.

Puh. Es ist ein voller Tag. Elmar Gilbertsson kommt direkt aus der Probe zum Interview, nachher muss er noch mal hin, da wird im Kostüm geprobt. Und vorher ... nein, daran mag er gar nicht denken. „Ich hasse glattrasiert“, sagt der Sänger. Sitzt da mit Vollbart, Mütze und einem Sweatshirt mit der Aufschrift „Peace, Love and Satan“. Deutsch kann er sprechen, er kennt sogar sehr spezielle Wörter. Glattrasiert zum Beispiel. Oder Schadenfreude. Aber sicherer fühlt er sich, wenn er Englisch sprechen darf. Auch wenn das Wort Fat Suit mittlerweile auch in Deutschland fast jeder versteht.

 

Der schmale Tenor muss übrigens keinen Fettanzug tragen – obwohl er in der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ den Fatty spielt. Wäre dieses Stück an der Staatsoper Stuttgart nach Darstellertypen besetzt worden, ulkt Gilbertsson, dann wäre seine Partie eher etwas für Tenöre vom körperlichen Zuschnitt Luciano Pavarottis gewesen. Und schiebt gleich, weil ihn das so amüsiert, eine Anekdote nach: wie der legendäre (und legendär korpulente) Tenor bei einer „Tosca“-Produktion nach der Folterszene zögerlich auf einem Stuhl Platz nahm, der extra für ihn mit Metall verstärkt worden war. Zum Glück ging das gut. Allerdings nur so lange, bis eine Sopraneinspringerin kurzfristig die Partie der Tosca übernahm: Sie vergaß, dass sie sich neben Pavarotti hinknien sollte, und setzte sich stattdessen auf seinen Schoß. Da ...

Gebürtiger Isländer

Gilbertsson lacht. Das könnte ihm nicht passieren. Ebenso wenig würde er es wohl als größtes aller Komplimente bezeichnen, was „Big P“ einmal als solches empfand: dass ihn auf der Straße jemand anrempelte und sich dafür mit den Worten entschuldigte: „Verzeihung, ich habe Sie nicht gesehen!“ Der Elefant bleibt aber nicht lange im Raum. Schließlich geht es um Island, wo Elmar Gilbertsson geboren wurde. Und es geht um Partien, die Luciano Pavarotti nie gesungen hat und mit denen er in Stuttgart bekannt geworden ist: Mime im „Rheingold“, Monostatos in der „Zauberflöte“. Und es geht um die Partie, für die er gerade probt.

Wovon handelt „Mahagonny“? Ulrike Schwab, sagt der Sänger, inszeniere das Stück als Frage: Was machen wir in einer Welt, deren kapitalistisches System die Menschen auseinandertreibt? „Was einem nicht nutzt, will man nicht haben, und wenn man kein Geld hat, wird einen niemand mögen“, fasst Gilbertsson die Dystopie zusammen. Fortwährend sei eine böse Energie im Spiel, und da fällt es, das deutsche Wort: Schadenfreude. „Bei Brecht und Weill lebt jede Figur in ihrer eigenen Echokammer – das ist durchaus vergleichbar mit den heutigen Social-Media-Filterblasen. Wir zeigen eine Dystopie, die manchmal ins Absurde kippt, aber auch real sein könnte.“ Der Tenor spielt als Fatty gemeinsam mit Joshua Bloom, der den Dreieinigkeitsmoses singt, ein Duo von Clowns. „Ist alles hoffnungslos, oder werden wir einen Neustart hinbekommen?“ Das ist die Frage, die für ihn am Ende im Raum steht, getragen von einer Musik, in der „irgendwie alles drinsteckt“. Song, Revue, Oper, Musical, „manchmal sehr wild und ein bisschen verrückt“.

„Zur Entspannung“ Drohnenbauer

Während seines Studiums in Reykjavik und danach in Amsterdam und Den Haag hat Elmar Gilbertsson viel Mozart gesungen, in Stuttgart auch Janácek; der Boris in „Katja Kabanova“ und der Steva in „Jenufa“ sind ideal für seine Stimme. Und, natürlich, der Lenski in „Eugen Onegin“. Gilbertsson hat einen hellen Tenor, „aber allmählich“, sagt er, „komme ich in ein Alter, in dem ich mehr Wagner singen könnte“. Vielleicht auch mal seine französische Traumpartie, den Werther. An der Staatsoper wird er den Narraboth in „Salome“ wieder singen, dann den Marquis in Prokofjews „Spieler“, und Operette („Casanova“ von Benatzky/Johann Strauß) wird ebenfalls dabei sein.

Nach elf Jahren in den Niederlanden – erst im Studium, dann als Freiberufler, der „an durchschnittlich 250 Tagen im Jahr nicht zu Hause war“ – fühlt sich der Sänger wohl in Stuttgart. Ist in seiner Freizeit häufig wandernd unterwegs. Und schlägt daheim den Bogen zurück. Gilbertsson hat zwar früh in einem der vielen isländischen Männerchöre gesungen und später auch Gesangsstunden genommen, begann aber zunächst ein Ingenieurstudium – bis die Lust am Singen größer wurde. Jetzt bastelt der Tenor zu Hause „mit elektronischem Zeugs“ herum, programmiert Mikrocomputer. Und baut mithilfe eines 3-D-Druckers „zur Entspannung“ FPV-Drohnen, die man mithilfe einer Videobrille steuert.

Stolzer Vater

Wenn irgend möglich, verbringt er zwei Monate im Jahr auf Island. Das Heimweh wird immer größer. Außerdem kann er dort am besten seiner allergrößten Leidenschaft nachgehen: dem Fliegenfischen. „Wenn ich mitten im Wasser stehe mit nur Natur um mich herum, dann schaltet mein Gehirn ab. Ich denke nur noch daran, wo der Fisch ist. Das ist die ultimative Erholung.“

Außerdem lebt seine mittlerweile 20-jährige Tochter noch dort. Sie will ebenfalls Sängerin werden. „Und sie ist viel besser, als ich in ihrem Alter war“, sagt der stolze Vater – und ergänzt: „Sie ist auch sehr organisiert – das war ich nie.“ Wer sich’s merken will: Diese Tochter heißt nach isländischer Logik Elmarsdóttir. Und sie ist Sopranistin. Was einen auf eine Idee bringen kann. Wie wär’s, wenn der Tenor und seine Tochter mal gemeinsam aufträten? Er als Cavaradossi, sie als Tosca, und dann stünde da ein Stuhl ...

Eine nette Idee! Gilbertsson lacht. Aber wie spät ist es eigentlich? Ach du liebe Zeit, der Friseur! Der Tenor stürmt von dannen. Der Bart wird wieder wachsen. Und Fische sind geduldig.

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“

Geschichte
Nachdem der Chefdirigent der Berliner Kroll-Oper, Otto Klemperer, Bertolt Brechts Libretto abgelehnt hatte, wurde die Oper von Brecht und Kurt Weill 1930 in Leipzig uraufgeführt. Vorangegangen war ein „Songspiel“ mit dem Titel „Mahagonny“, das Brecht und Weill 1927 für das erste „Festival der Neuen Musik“ in Baden-Baden verfassten.

Stuttgart
Legendär wurde Günther Rennerts Inszenierung der Oper von 1967 – mit Anja Silja als Jenny.

Premiere
Am 11. Mai inszeniert Ulrike Schwab „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ an der Staatsoper Stuttgart. Cornelius Meister dirigiert. Es singen u. a. Alisa Kolosova, Elmar Gilbertsson, Joshua Bloom, Ida Ränzlöv, Kai Kluge und Björn Bürger. Beginn ist um 18 Uhr. Weitere Vorstellungen sind am 15., 26. und 28. Mai. Karten gibt es unter 07 11 / 20 20 90 oder unter www.staatsoper-stuttgart.de.

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