„Woher kommt die Traurigkeit in der Einleitung?“, fragt der Schlaks mit dunkler Stimme und einem russisch geprägten Englisch. „Hast du eine eigene Geschichte dazu?“ Valentin Egel weiß nicht so recht. Dabei waren seine Zeichen doch so sicher und präzise. „Verbinde dich mit deinen Gefühlen!“, sagt Currentzis, und dann geht der Grieche, der das Dirigieren beim legendären Ilya Musin in Moskau lernte, zu dem jungen Mann und führt seine Arme. „Wenn du dich nur auf die Technik konzentrierst, verlierst du Energie“, sagt Currentzis. Der 46-Jährige schwingt selbst die Arme, um zu zeigen, wie viel beweglicher man Tempi und Lautstärke formen kann. Als die Pianisten seine Vorgaben so umsetzen, dass die Zuhörer den Unterschied hören, hat das nicht nur mit der Technik des Dirigenten zu tun, sondern auch mit der Energie, die von ihm ausgeht.
Kein Konzert, sondern Experiment
Currentzis-Lab nennt sich die Reihe von Einführungsveranstaltungen, mit denen der neue Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters auf möglichst unterschiedliche Weise Einblicke in seine Arbeit und in die Musik geben will – jetzt mit einem Dirigier-Meisterkurs. „Das hier ist“, sagt Currentzis gleich eingangs, „kein Konzert, sondern ein Experiment. Wir wollen auch nicht Musik erklären, sondern an sie herankommen.“ Aus der Art, wie er dann Valentin Egel und Holly Hyun Choe zweieinhalb pausenlose Stunden lang förmlich auseinandernimmt, kann man vieles lernen. Über die zwei Nachwuchsdirigenten, über Tschaikowskys Sinfonie, vor allem aber über ihn selbst: Teodor Currentzis.
„Line, line, line – and affection!“ fordert der immer wieder – „Linie, Linie, Linie – und Liebe!“ Der Erzählfluss darf nicht stoppen, die Geschichte muss immer weitergehen, die Spannung halten, damit die Zuhörer dabeibleiben. (Schlag-)Technik ist nur die Basis. Oder das Trampolin, das einen hochschleudert. Viel wichtiger ist das Springen selbst. Es hat etwas mit dem Körper, mit Risiko, Lust und mit Energie zu tun. Bei Dirigenten kommt, anders als bei Trampolinspringern, noch etwas hinzu: eine perfekte Balance von Festhalten und Loslassen, von (Vor-)Planung und dem vollkommenen Aufgehen im Moment.
Musik und Bühne als Heimat
Das alles hat Currentzis, es liegt in seinem Oberkörper, in den Augen, vor allem aber in den Armen und in den Händen, die sich ballen und spreizen und die stets um ihre zentrale Verankerung wissen. Die Steuerzentrale des Dirigenten Teodor Currentzis liegt irgendwo zwischen Bauch und Herz. Die Musik und die Bühne sind seine Heimat. Dort ist er ganz bei sich, dort arbeitet er, der auch die Schauspielerei gelernt hat, hart, hochkonzentriert, und dort lebt auch der Showman Currentzis auf. Der Selbstdarsteller, die Rampensau.
Dass Teodor Currentzis im zweiten Satz von Tschaikowskys fünfter Sinfonie genau das tut, was er der Nachwuchsdirigentin im Meisterkurs ausredete („Nicht zu langsam! Sonst stirbt der Hornist!“), gehört mit zur Persönlichkeit des Pultstars – ebenso wie sein recht individueller Umgang mit Tempi und oft extrem weit gespreizten Lautstärkegraden. Die gibt er oft so spontan vor, dass es im Orchester auch mal wackelt. Im sibirischen Perm hat Currentzis sein eigenes Ensemble MusicAeterna, das frei von arbeitsrechtlichen Vorgaben intensiv Werke erarbeitet. Aber auch im tarifgebundenen SWR-Orchester darf die Spannung nicht abreißen. Der Solohornist hält durch.
Live-Radioshow mit Filmmusik, Volksmusik, Bach, Schubert und abgedrehtem Rockpop
Ansonsten: Bloß keine Routine! Ein Orchester, das lebendig bleiben will, darf ein Sinfoniekonzert auch mit Kammermusik beenden. Als Zugabe in der Liederhalle ist Schostakowitschs achtes Streichquartett zu hören. Es darf und soll Fehler machen, meint Currentzis, – „weil Fehler schön sind: Man merkt, dass man lebt.“
Ein Dirigent, der lebendig bleiben will und obendrein mal als Mitarbeiter eines Moskauer Piratensenders gearbeitet hat, geht auch in einen Jazzclub und gestaltet dort als Moderator und DJ eine Live-Radiosendung mit einem Musikprogramm („Sorry an alle Lastwagenfahrer!“) zwischen russischen Volksweisen, Neuer Musik, Bach, Filmmusik, Schubert-Lied, historischer Chopin-Aufnahme und abgedrehtem Rock-Pop. Seine erste „Currentzis Midnight Lounge“ gestaltet Teodor Currentzis nach dem Konzert, zwischen Mitternacht und zwei Uhr früh, mit nicht immer geordneten Gedanken über Musik als Kommunikation und mit nichts im Magen außer drei, vier Gläsern Weinbrand im Stuttgarter Jazzclub Bix.
Hinzu kommen – teils spontan erschienene – Talkgäste, die sich zum Dirigenten auf das Sofa setzen: der Viola-Solist des Abends, Antoine Tamestit, der designierte Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, Jochen Sandig, und Ilya Khrzhanovsky, der Regisseur des Films „Dau“, in dem Currentzis die Hauptrolle spielt. „Ich gebe nie Interviews“, sagt der Russe Khrzhanovsky, „aber wenn Teodor fragt, sage ich nie Nein.“
2000 Träume im Beethovensaal
Ja, so ist das, nicht nur hier. Wer einen pickepackevollen Beethovensaal derart in den Bann schlägt, dass sich, obwohl er dem Publikum den Rücken zuwendet, dort kaum einer zu rühren oder gar zu husten traut, der muss ein Besonderer sein. Womöglich ein Besessener. Selbst Tschaikowsky, dessen Musik nicht frei ist von Zuckerguss, wirkt bei Currentzis existenziell, ist durch und durch dringliches Anliegen. Die Definition des Dichters Arno Holz „Kunst = Natur minus x“ müsste bei Currentzis lauten: „Musik = Noten plus Klang plus x“. In einer SWR-Dokumentation von Andreas Ammer, die gerade zu sehen war, spricht der Dirigent von Musik als „Sprache unserer Träume“; sie sei es, die er erschaffen wolle. Im Beethovensaal schweben an zwei Abenden je knapp zweitausend Träume durch den Raum. Das Schönste, sagt Currentzis im Meisterkurs, was er sich zu den Klängen seiner Musik vorstellen könne, sei der Kuss zweier Menschen im Publikum, wortlos wie die Musik: intensiver könne Kommunikation nicht sein.
Das kostet Kraft. Wer Teodor Currentzis begleitet, mag es in einem kurzen Moment überrascht wahrnehmen: dieses Flackern in den Augen eines Menschen, der auch müde ist, unsicher, suchend. Im Jazzclub Bix, so gegen halb drei Uhr früh, war dieses Flackern plötzlich da. „Wahrscheinlich“, sagt der Dirigent im SWR-Film, „würde ich Teodor nicht mögen, wenn ich jemandanderes wäre.“