Das Konzert ist zu Ende, das Publikum jubelt. Die Musiker könnten sich so umarmen, wie sie das zum Abschluss immer tun, und dann die Bühne verlassen, plaudernd, lächelnd. Sie haben exzellent und hochkonzentriert gespielt. Jetzt aber: Stille. Die Bläser in den hinteren Reihen des SWR-Symphonieorchesters erheben sich, sogar der Solist des Abends reiht sich ein, ein Teil des Orchesters beginnt zu spielen, die anderen fangen an zu singen: einen Bach-Choral. Da die Musiker Masken tragen, versteht man zwar nicht jede Zeile, doch der Inhalt teilt sich mit, und viele Besucher im gut besetzten Beethovensaal kennen ihn ohnehin.
„Jesus bleibet meine Freude, meines Herzens Trost und Saft, Jesus wehret allem Leide, er ist meines Lebens Kraft“: Das sind die Worte, mit denen der Mann am Pult auf die Forderungen eingeht, er möge sich als Wahlrusse endlich vom Angriffskrieg auf die Ukraine distanzieren. Teodor Currentzis hat auch jetzt keine Worte gefunden. Aber auf eindrucksvolle Weise hat er die Musik sprechen lassen. Klänge und Spiritualität sorgen gerade in schweren Zeiten für Kraft und Licht: Das ist die Botschaft des Konzerts am Donnerstagabend, dem das Orchester und sein Chefdirigent den Titel „Appell für Frieden und Versöhnung“ gegeben haben.
Ein Abend nur mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts
Das klingt ein wenig platt, aber wer dabei war, wurde sogar dann tief berührt, wenn er mit Currentzis’ schleppendem Tempo bei Bach und mit dem aufgesetzten Verzögerungsschnörkel am Choralende ganz und gar nicht einverstanden war. Schließlich hatte der Mann, der mit völlig neuem Outfit (Kurzhaarfrisur! Anzug! Krawatte! Gewienerte Halbschuhe!) überraschte, Orchester und Publikum zuvor durch drei sehr unterschiedliche und komplexe Klangwelten geleitet. Das war wie eine Reise in Tönen – Musik als Film, Musik als Rausch.
Der begann mit dem Werk eines ukrainischen Komponisten. Oleksandr Shchetynskys 1989 entstandene „Glossolalie“ bebildert die im Titel genannte Zungenrede erst als Weg aus der Einsamkeit in die Gemeinschaft, aus Konzentration in die (Über-)Fülle, aus Starre in Bewegung. Am Ende steht wieder die Stille, gekrönt von einem Glissando, das die Pauke nach fahlen Marschrhythmen in den Saal entlässt. Ein eindruckvolles Werk – auch wenn es zwischendurch ein wenig den Faden verliert.
Jörg Widmanns Violakonzert lebt von selbstvergessenem Spiel
Das Scherzo des Abends ist Jörg Widmanns Violakonzert von 2015. So deutlich wie kein anderes Stück im Konzert zeigt es, wie viel Kraft von Licht, selbstvergessenem Spiel und gelingender musikalischer Kommunikation ausgeht. Das liegt auch am Solisten: Antoine Tamestit ist nicht nur ein technisch ungemein versierter Bratschist, sondern ein Ausdruckskünstler, der tief eindringt in die Klangwelten seines Instruments wie in die Dialoge mit anderen. Anfangs wandelt er durch das Orchester, sucht mit zögerndem Klopfen und Zupfen nach Echos, nach Antworten des Kollektivs. Es entspinnen sich feine Zwiesprachen zwischen klangfarblich Verwandtem, zwischendurch klingen Klezmer an, östliche Volksmusik, Orientalisches. Tamestit wird zum Derwisch, und Widmann packt lustvoll den ganzen bunten Experimentierkasten aus, definiert das Orchester als enthierarchisiertes Versuchsfeld im Raum und als Terrain der Kontraste – stilistisch, dynamisch, atmosphärisch. Der Besuch im Instrumenten-Spielzimmer endet im Elysium – und doch nicht ganz. Die pathetisch grundierte Streicheridylle des „Aria“-Finales ist zu schön, um wahr zu sein; der Solist gleitet, sekundiert nur von verhaltenen Zupftönen der tiefen Streicher, hinab in tiefste Tiefen.
Danach Schostakowitschs Fünfte, die der Komponist selbst als „schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf eine berechtigte Kritik“ bezeichnete. Ein doppelbödiges, hochkonzentriertes Stück, das auf subtile Weise seine eigenen (post-romantischen) Mittel bricht, das Licht und Dunkelheit, behaupteten Optimismus und tiefe Resignation, Energie und Paralyse übereinander blendet. Man muss gute Ohren haben, um hinter die scheinbare Apotheose des Finales zu blicken – und einen Dirigenten, der zutage bringt, was unter der Oberfläche liegt. Teodor Currentzis gelingt das derart, dass die Musik bis zum Ende in der Schwebe bleibt. Anpassung oder Widerstand?
Sprechen Sie endlich, Herr Currentzis!
Klarer als mit diesem doppelzüngigen Werk hätte der Dirigent seine eigene Position zur aktuellen Lage nicht in Klänge fassen können. Schade nur, dass die humanitäre Botschaft wie das lichte Spiel der Kunst die Politik nie erreichen. Noten sind keine Waffen. Worte hingegen können es sein, und neben der Kunst gibt es im Leben gerade sehr viel Leiden. Herr Currentzis, machen Sie unbedingt weiter Musik. Aber, bitte, sprechen Sie auch. Endlich.