Teodor Currentzis und der Ukraine-Krieg Wie politisch muss ein Künstler sein?

Kein Wort zu Putin, nur ein Friedenskonzert: Teodor Currentzis Foto: Alexandra Muravyeva/a

Teodor Currentzis gibt mit dem SWR-Symphonieorchester in Stuttgart ein „Konzert für Frieden und Versöhnung“. Eine klare Positionierung des in Russland ansässigen Chefdirigenten zum Krieg gegen die Ukraine bleibt aus. Auch der Sender windet sich.

Eigentlich redet Teodor Currentzis gerne. Er mag es, seine Gedanken über Musik mit anderen zu teilen – und dabei auch mal generelle Statements einfließen zu lassen: Musik sei Gebet, sei Ausdruck von Menschlichkeit, sei Berufung, nicht Beruf; Meinungsfreiheit sei wichtig, Freiheit das Kostbarste. Auch die Neuprogrammierung der Konzerte des SWR-Symphonieorchesters in dieser Woche, die jetzt unter dem Titel „Frieden und Versöhnung“ Werke je eines russischen, eines ukrainischen und eines deutschen Komponisten zusammenbringen, dürfte er als Chefdirigent des Klangkörpers mit betrieben haben. Ansonsten aber: kein Wort zu Wladimir Putin. Kein Satz zum Angriffskrieg des Landes, in dem der gebürtige Grieche seit gut drei Jahrzehnten leb und von dessen Zuwendungen sein eigenes, 2004 in Nowosibirsk gegründetes Ensemble MusicAeterna lebt – Hauptsponsor ist die russische VTB-Bank, deren Vorstandsvorsitzenden der Kreml einsetzt. Am Tag des Kriegsausbruchs hat Currentzis mit seinen Musikerfreunden in St. Petersburg seinen 50. Geburtstag gefeiert.

 

„Als ich die Staatsbürgerschaft Russlands bekommen habe“, zitiert der SWR auf der Homepage eine ältere Aussage seines Chefdirigenten, „bin ich Mitbürger geworden von Tschaikowski, Dostojewski, Malewitsch, Schostakowitsch, Strawinski, Lotman, Melnikov, Brodski und Batagov. Über dieses Russland spreche ich, nicht über das Russland des Ersten Kanals und NTV.“ Offiziell verschickte der Sender eine wachsweiche Mitteilung: Ein Statement erwarte man von Currentzis nicht. Die finanzielle Abhängigkeit von dessen Chor und Orchester sei zwar „aus heutiger Sicht sicherlich problematisch“, bestehe aber schon länger, und „eine unterstützende Haltung für den russischen Angriff auf die Ukraine lässt sich daraus nicht ableiten“. Eine Bitte unserer Zeitung um eine ausführlichere und präzisere Positionierung der Intendanz wird abschlägig beschieden: Mehr sei zu der Angelegenheit nicht zu sagen.

Cancel Culture gegenüber russischer Kunst und russischen Künstlern

Nicht nur die Fälle Waleri Gergijew und Anna Netrebko machen deutlich: Seit Kriegsbeginn gibt es eine neue Cancel Culture gegenüber russischen Künstlern und Werken. Vladimir Jurowski, russischer Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper, hat deshalb eine Petition initiiert, die sich gegen den Krieg richtet, aber auch gegen eine Pauschalverurteilung russischer und belarussischer Künstlerinnen und Künstler: Niemand, heißt es da, dürfe zu einer öffentlichen Positionierung gedrängt werden – es sei denn, ihm oder ihr könne eindeutig eine Nähe zum Putin-Regime nachgewiesen werden. Diese Petition haben viele prominente Künstler unterschrieben, darunter etliche Russen. Nicht aber Teodor Currentzis. Gegen den Hausarrest des Regisseurs Kirill Serebrennikow hatte sich der Dirigent noch öffentlich ausgesprochen – was insofern politisch nicht brenzlig war, als dieser kein engagierter Regimegegner ist. Jetzt aber: keine Unterschrift, kein Wort.

Ist der Rückzug zur Kunst legitim oder bloß eine Ausrede?

Wie sollen wir umgehen mit einem Künstler, der dieses Regime zwar nie öffentlich unterstützt hat, wohl aber von ihm profitiert? Schweigt Teodor Currentzis, weil er es sich mit seinen Geldgebern nicht verderben will? Ist sein Rückzug zur Kunst legitim oder bloß eine Ausrede? Darf man sich angesichts eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges in einen Elfenbeinturm zurückziehen?

Ähnliche Fragen wurden Künstlern schon einmal gestellt: nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Schon damals war es schwer, saubere Trennlinien zwischen den Profiteuren, den Opportunisten, den aus persönlichen Gründen Angepassten, den heimlich Opponierenden und den offenen Gegnern des Nazisystems zu ziehen, und oft ging es zudem nicht nur um die Künstler selbst, sondern auch um jene, die sie schützen wollten: Familien, Freunde, Mitarbeiter, Regimegegner.

Es ist schwierig, sich im heute engmaschig gewordenen Beziehungsgeflecht von Kunst, Politik und Wirtschaft korrekt zu verhalten. Und für Moral gibt es keine absolut gültigen Maßstäbe mehr. Erinnern wir uns an den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, der nach der letzten Fußball-Weltmeisterschaft 2018 euphorisiert verkündete, bei diesem Ereignis habe man sich kollektiv in Russland verliebt. Auch Funktionäre der Wirtschaft und der Politik posierten lächelnd neben Wladimir Putin. Niemand hat sie dafür verurteilt. Im Gegensatz zu den Künstlern, auf denen seit Kriegsbeginn ein großer Gesinnungsdruck liegt. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? Es gibt viel Scheinmoral in der herrschenden Diskussion. Und viele, die mit Steinen werfen, obwohl sie selbst im Glashaus sitzen.

SWR-Symphonieorchester An diesem Donnerstag und Freitag im Stuttgarter Beethovensaal dirigiert Teodor Currentzis „Glossolalie für Orchester“ des ukrainischen Komponisten Oleksandr Shchetynsky, Jörg Widmanns Violakonzert (mit Antoine Tamestit) und Schostakowitschs fünfte Sinfonie. Karten unter 0 72 21 / 30 01 00 und www.swrservice.de

Freund oder Feind des Putin-Regimes? Waleri Gergijew und Anna Netrebko

Dirigent
Waleri Gergijew gilt als intimer Putin-Freund. Als sich der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker vom Ukraine-Krieg nicht distanzierte, hat ihn der Münchner Oberbürgermeister entlassen. Auch große westliche Opernhäuser und Orchester haben Gergijew daraufhin ausgeladen. Postwendend bot Wladimir Putin seinem Künstlerfreund neben der Leitung des St. Petersburger Mariinsky-Theaters (dem Gergijew seit 1996 vorsteht) auch noch jene des Moskauer Bolschoi-Theaters an.

Sopranistin
Anna Netrebko, die zuletzt im Kreml Geburtstag feierte und auch mal zusammen mit russischen Separatisten auf der Krim posierte, hatte sich zunächst vor einer Positionierung gedrückt. Als sich daraufhin ihre Konzertagentur von ihr trennte, hat Netrebko bevorstehende Termine selbst gecancelt. Weil sie im Mai aber auf Europatournee gehen möchte, gab’s dann doch noch ein Statement auf Instagram, in dem Netrebko erstmals den Kriegszug Russlands verurteilt. „Ich liebe mein Heimatland Russland“, so Netrebko, „und strebe durch meine Kunst ausschließlich Frieden und Einigkeit an.“ Postwendend wurde die Diva vom Opernhaus im sibirischen Nowosibirsk ausgeladen – mutmaßlich nicht auf Weisung von oben, sondern aus Angst und vorauseilendem Gehorsam. ben

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