Ist es die Geschichte vom Erwachsenwerden einer ehrgeizigen jungen Frau, der nach dem Fall der Mauer alle Lebenschancen offen zu stehen scheinen? Oder die einer Amour fou, einer toxischen Beziehung zu einem Mann, von dem sie glaubt, er wäre die Liebe ihres Lebens, während er sich ihr immer wieder entzieht? Oder ein Gesellschaftsroman über das akademische Prekariat, das sich von einer befristeten Stelle zur nächsten hangelt? Ein Universitätsroman, der mit satirischem Blick die Gepflogenheiten in den bildungsbürgerlichen Milieus ins Visier nimmt? Ein Nach-Wende-Roman, der zeigt, dass die im Osten Aufgewachsenen ihre frühen Prägungen und Beschädigungen nicht loswerden? Wahrscheinlich alles zugleich.
Nach dem Abitur verführt Muna ihren Französischlehrer
Muna Appelius wächst in einem kulturaffinen Umfeld in der DDR-Provinz auf. Der Vater arbeitet an der Uni und stirbt früh, sodass Muna allein mit ihrer Mutter lebt, einer Schauspielerin, die nur noch Nebenrollen bekommt und zudem Alkoholikerin ist. Kurz nach ihrem Abitur verführt Muna Magnus, einen Französischlehrer, auf den sie schon lange ein Auge geworfen hat, und verbringt eine Nacht mit ihm. Dann fällt die Mauer, Magnus verschwindet auf Nimmerwiedersehen, und Muna beginnt in Berlin ein Germanistik- und Anglistik-Studium. „Du wirst eine üppige Blondine, eine Marilyn Monroe, daran ist nichts auszusetzen“, kommentiert die Mutter den Sexappeal ihrer Tochter, der auf die Männer an der Uni seine Wirkung nicht verfehlt. So lästig deren unverschämte Zudringlichkeiten auch sind, weiß Muna gelegentlich auch Vorteile daraus zu ziehen.
Nach einem Semester in London wechselt sie nach Wien und beginnt dort eine Doktorarbeit zum Thema „Tagebuch und Autobiografie: Weiblichkeitskonstruktionen und Erinnerungskulturen“. Als DDR-Kind ohne vermögende Eltern muss sie neben und nach dem Studium immer wieder neue befristete Jobs annehmen: In London arbeitet sie als Au-pair-Mädchen, in Basel als Beraterin in einem Art-Shop, in Wien als wissenschaftliche Mitarbeiterin und in Berlin als Schwangerschaftsvertretung in einem Verlag.
Eine Freundin diagnostiziert Liebeswahn
Und dann, nach sieben mageren Jahren, taucht er wieder auf: Magnus, der verschollene Märchenprinz, inzwischen Assistenzprofessor für Germanistik. Muna und Magnus beginnen eine Beziehung, doch die steht unter keinem guten Stern. Magnus ist ein Typ, der sich nicht einfangen lässt und die romantische Liebe für eine Illusion hält. Es kommt immer öfter zum Streit, bald ist auch Gewalt im Spiel. „Dieser Mensch ist nicht in Ordnung. Einer, der seine Freundin in einem Hotelzimmer zusammenschlägt, nachdem er einer anderen am Tag zuvor das Angebot gemacht hatte, mit ihm durchzubrennen“ – so kommentiert eine Freundin Munas Amour fou und diagnostiziert bei ihr Liebeswahn. Das wird kein gutes Ende nehmen.
Die Protagonistin wird dieses Ende überleben, sonst könnte sie ihre Geschichte nicht als Ich-Erzählerin aufschreiben. Wer die Bücher von Terézia Mora kennt, wird hier auf bekannte Motive stoßen. Der Untertitel des Romans, „Die weibliche Variante“, könnte auf Moras Darius-Kopp-Trilogie anspielen: So wie dort ein 50-jähriger Mann aus der Bahn geworfen wird und sich neu aufrappeln muss, so blickt Muna als 40-jährige Frau in den besten Jahren zurück auf die Trümmer ihres beschädigten Lebens.
Moras fühlt mit den Verlorenen, ohne das Scheitern romantisch zu verklären.
Seit ihrem literarischen Debüt mit dem Erzählband „Seltsame Materie“ gilt Moras Sympathie den verlorenen Figuren, ohne dabei das Scheitern romantisch zu verklären. In ihrem 2021 veröffentlichten Tage- und Arbeitsbuch „Fleckenverlauf“ kann man nachlesen, dass „Muna“ der erste Teil einer geplanten „Trilogie der Frauen“ werden soll. Der Arbeitstitel hieß damals noch „Muna oder Über die Sehnsucht“, und das Projekt wird charakterisiert als „Versuch, die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte einer Frau zu schreiben, die eine misshandelnde Beziehung nach der anderen eingeht“.
Und doch darf man Munas Geschichte nicht nur als Abfolge von lauter gescheiterten Versuchen lesen, im Leben Fuß zu fassen. Wie Darius Kopp hat auch sie immer wieder Glück im Unglück, trifft auf hilfsbereite Freunde und Freundinnen, die ihr weiterhelfen. Auf das, was Terézia Mora in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen „Nicht sterben“ die „Gnade der Anderen“ nennt. Mit Rilke könnten ihre Anti-Helden sagen: Wer spricht von Siegen? Überstehen ist alles.
Terézia Mora: Muna oder Die Hälfte des Lebens. Roman. Luchterhand Verlag, 446 Seiten, 25 Euro.
Die Autorin und ihr Werk
Romane
Terézia Mora wurde 1971 in Sopron/Westungarn geboren, lebt seit 1990 in Berlin und debütierte 1999 mit dem Erzählband „Seltsame Materie“ mit Geschichten aus ihrer ungarischen Heimat. Es folgten 2004 der Roman „Alle Tage“ über einen Flüchtling in Berlin und dann die Romantrilogie über den IT-Spezialisten Darius Kopp: „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009), „Das Ungeheuer“ (2013) und „Auf dem Seil“ (2019). Außerdem hat sie Literatur aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt, zum Beispiel Péter Esterházys „Harmonia Caelestis“.
Preise
Für den „Fall Ophelia“ aus „Seltsame Materie“ erhielt Mora 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis, für „Das Ungeheuer“ 2013 den Deutschen Buchpreis. Ihr Gesamtwerk wurde 2010 mit dem Chamisso-Preis und schließlich 2018 dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.