Ukraine-Krieg, Klimakrise und Co. Wie negative Nachrichten auf unser Gehirn einwirken

Schlechte Nachrichten versetzen uns in Stress. Das kann zu einem gesundheitlichen Risiko werdenFoto: Adobe Stock/Bart Sadowski

Das Gehirn des Menschen verarbeitet alles, was eine potenzielle Gefahr darstellen könnte, schneller, besser und intensiver. Warum das so ist, erklärt die Medienpsychologin Maren Urner.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Berlin - Pandemie, Ukraine-Krieg, Klimakrise – die Nachrichten sind voller Negativschlagzeilen. Das hinterlässt bei vielen Stress und Angst. Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner erklärt, wie wir lernen, mit schlechten Nachrichten besser umzugehen.

 

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Frau Urner, warum verunsichern uns schlechte Nachrichten so sehr?

Das Gehirn des Menschen verarbeitet alles, was eine potenzielle Gefahr darstellen könnte, schneller, besser und intensiver. Einfach, um das eigene Überleben zu sichern. Da diese Mechanismen noch aus der Zeit stammen, in der es wichtig war, auf Säbelzahntiger, Mammut und Co. sofort zu reagieren, spreche ich auch gern vom Steinzeithirn. Denn die grundlegenden Mechanismen, so auch der Fokus aufs Negative, stecken tief in uns, auch wenn sich die möglichen Gefahren geändert haben. Heute sind es eben Pandemien oder zerstörerische Unwetter infolge der Klimakrise.

Aber warum beunruhigen uns schlechte Nachrichten, selbst wenn sie unsere Lebenswelt gar nicht direkt betreffen?

Dabei kommt es oft darauf an, wie uns die Nachricht vermittelt wird, wie emotional dies passiert und mit welchen Bildern sie verknüpft wird. So gibt es eine Untersuchung, die kurz nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon 2013 gemacht wurde. Die Studie sollte zeigen, wie sich dieser Terrorakt auf die Psyche ausgewirkt hat – und zwar auf die der Menschen direkt vor Ort und derer, die das Geschehen lediglich medial mitverfolgt hatten. Tatsächlich fühlten sich die Menschen gestresster, die nur über die Medien von dem Vorfall erfuhren. Medialer Stress kann also stärker sein als tatsächliche Erfahrungen vor Ort.

Inzwischen erhalten wir – sofern wir es wollen – rund um die Uhr Nachrichten. Was macht das mit uns?

Aus der Psychologie und den Neurowissenschaften wissen wir: Schlechte Nachrichten versetzen uns in Stress. Flaut dieser nicht ab, sondern führt zu einer Art Dauererregung, kann dies ein gesundheitliches Risiko sein. Und zwar, weil Dauerstress die Entstehung psychischer und chronischer Erkrankungen wie Depressionen, Essstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt.

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Können wir zudem vielleicht auch immer schlechter mit negativen Informationen umgehen?

Ich denke, dies ist eher eine Frage unseres Umgangs mit den Medien. Ich spreche in dem Zusammenhang gern von einer Medienhygiene. Diese kann mit der Frage beginnen, wann wir Nachrichten konsumieren, wie wir diese wahrnehmen und einordnen. Aus meinen persönlichen Erfahrungen kann ich sagen, dass die Fülle an Nachrichten gerade bei der jüngeren Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, zu einer Verunsicherung führt. Viele wissen nicht, welche Rückschlüsse sie daraus ziehen sollen. Wissenschaftlich ist diese Überforderung angesichts eines Überangebots bereits gut untersucht. Es gibt etwa die sogenannte Fear of missing out – also die Angst, etwas zu verpassen. Und die Fear of better options – also die Angst, bessere Optionen zu verpassen. So fühlen wir uns nach der Auswahl einer Marmeladensorte besser, wenn wir nur aus sechs statt aus 30 Sorten wählen dürfen.

Wir sind also trotz der Fülle an Nachrichten nicht automatisch informierter?

Nicht unbedingt. Ich beginne meine Vorträge gerne mit einem kleinen Wissenstest, um das Wissen zu langfristigen Entwicklungen abzufragen. Der Test basiert auf Fragen des schwedischen Gesundheitsforschers Hans Rosling, den er in Deutschland auch im Rahmen einer repräsentativen Umfrage durchgeführt hat. Dabei stellte er fest: Die meisten Menschen haben ein zu negatives Weltbild. Genau das beobachte ich jedes Mal, wenn ich mein Publikum die Lage der Welt einschätzen lasse. Das medial vermittelte Bild entspricht nicht der Realität.

Die Auswahl an Nachrichten treffen aber nicht nur die Leserinnen und Leser, sondern auch die Medienschaffenden. Wie gelingt da die Balance?

Es ist richtig, dass die Medien eine verantwortungsvolle Rolle haben. Sie müssen sich nicht nur bewusster fragen, wie sie die Themenauswahl gewichten, sondern sollten sich zugleich auch die Frage stellen, wie eine lösungsorientierte Berichterstattung besser gelingen kann, um ein vollständigeres Bild der Realität zu vermitteln. Auf der anderen Seite kann aber auch jeder Nutzer seinen eigenen Medienkonsum überdenken. Es gibt im deutschsprachigen Raum großartigen Qualitätsjournalismus, der hilft, Zusammenhänge zu verstehen und einzuordnen.

Wie kann das gelingen?

Unser Gehirn ist faul. Es geht darum, niederschwellige Strukturen zu schaffen, die irgendwann zu gewünschten Gewohnheiten werden. Ein erster Schritt ist es, die Formate abzuschalten, die einem nicht guttun, und dafür andere zu wählen. Es kann auch hilfreich sein, nur zu bestimmten Zeiten Nachrichten zu konsumieren und so feste Routinen zu etablieren. Wichtig ist auch, sich dafür Zeit zu nehmen. Das Schlimmste für das Gehirn und die eigene Zufriedenheit ist das ständige Springen von einer Sache zur nächsten. So können feste Zeiten dabei helfen, auch mal längere Artikel oder Beiträge bewusst zu lesen, zu hören oder zu schauen – ohne dass es irgendwo piept oder vibriert. Man muss sich immer wieder bewusst machen: Alles beginnt in unserem Kopf!

 

Positiv bleiben: Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner

Lehre
Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln.

Journalismus
Urner fordert Nachrichten, die sich auf Lösungen fokussieren. Wie das gelingen kann, zeigt „Perspective Daily“, ein Online-Magazin für konstruktiven Journalismus, das Urner mitbegründet hat. 2019 erschien ihr Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“

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