Terrorakt in London „Es soll Unsicherheit verbreitet werden“

Blumen und Stofftiere haben die Menschen zum Gedanken an den getöten britischen Soldaten abgelegt. Foto: EPA
Blumen und Stofftiere haben die Menschen zum Gedanken an den getöten britischen Soldaten abgelegt. Foto: EPA

Sich selbst radikalisierende terroristische Einzeltäter sind kein neues Phänomen, sagt der Terrorismusexperte Michael Bauer.


Herr Bauer, bei dem mutmaßlichen Terrorangriff in London haben zwei Männer einen Soldaten der britischen Armee auf offener Straße abgeschlachtet. Ist dieser Mord ein Terrorakt?
Es handelt sich immer dann um Terror, wenn eine Wirkung erzielt werden soll, die über den physischen Schaden hinausgeht. In diesem Fall lautet die Botschaft aus dem Video: „Ihr könnt euch nicht mehr sicher fühlen.“ Es sollen Unsicherheit und Sorge in der Bevölkerung verbreitet werden. Darüber hinaus soll ein sozialer Prozess in Gang gesetzt werden, der die Anstiftung zur Nachahmung beinhaltet. Das Video belegt, dass es sich um einen Terrorakt handelt.

Bei den mutmaßlichen Tätern handelt es sich offenbar um islamische Fanatiker, eine direkte Verbindung zu al Kaida oder Boko Haram in Nigeria wurde ihnen bislang nicht nachgewiesen. Wie vollzieht sich die Radikalisierung von Einzeltätern?
Das ist schwer nachzuvollziehen. Viel läuft über das Internet, in einschlägigen Foren gibt es regen Austausch. Die Menschen, die sich dort tummeln, suchen nach Legitimationsmustern, die sie sich zu eigen machen können. Auge um Auge, Zahn um Zahn, sagte der Mann in dem Video. Für ihn ist das ein Rechtfertigungsgrund, solch eine Tat zu verüben.

Experten hatten unlängst vor Anschlägen radikalisierter Einzeltäter gewarnt. Wie kann man sie im Vorfeld ausmachen?
Eigentlich gar nicht. Wenn Sicherheitsbehörden auf ihre Spur kommen und sie identifizieren, ist das Zufall. Eher gelingt dies über das persönliche Umfeld. Also Eltern, Geschwister und Freunde sollten wachsam sein, ob ihnen eine Veränderung auffällt.

Wer stellt die größere Gefahr dar, eine Gruppe oder ein Einzeltäter?
Ein Einzeltäter ist zwar schwieriger auszumachen, dafür verfügt er aber oft nicht über die technischen Fähigkeiten, große Anschläge vorzubereiten und durchzuführen. Gruppen haben die Sicherheitsbehörden leichter im Blick und können sie zum richtigen Zeitpunkt entlarven.

Vermuten Sie, dass Anschläge dieser Art aus der militanten islamistischen Szene eher zunehmen werden?
Diese Vorfälle, wie in London nun geschehen, sind kein neues Phänomen. Es gibt diese Aktionen von Einzeltätern bereits seit einigen Jahren. Insofern gibt es keinen Anstieg zu verzeichnen.

Lässt die demonstrative Brutalität auf eine bestimmte Mentalität der Täter schließen?
Die Tat ist sehr bemerkenswert, der Einsatz eines Fleischermessers sicher ungewöhnlich. Das unterscheidet sich von einem Bombenbau via Internetanleitung. Wir sollten aber die Ermittlungsergebnisse abwarten, um mehr über die Täter sagen zu können.

Das Champions-League-Finale findet in London statt, besteht Gefahr für Fußballfans?
Aus meiner Sicht sind die britischen Sicherheitsbehörden seit Monaten gut auf dieses Ereignis vorbereitet. Es gibt keine veränderte Lage. Die Wahrscheinlichkeit am Rande eines Fußballspiels in eine Messerstecherei oder einen eskalierenden Streit zu geraten ist sicher größer, als Opfer eines solchen Terroraktes zu werden.




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