Terrorangst bei der Fußball-EM Das große Zittern

Meist ein Kassenschlager – Trikots der Nationalmannschaft Foto: dpa
Meist ein Kassenschlager – Trikots der Nationalmannschaft Foto: dpa

Wirtschaftlich stehen mit den großen Sportausrüstern wie Adidas oder Nike die Gewinner einer Europameisterschaft oft schon vor Anpfiff fest. Diesmal in Frankreich ist wegen Terrorrisiken vieles anders.

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München - Es ist die größte Fußball-Europameisterschaft aller Zeiten. Dem europäischen Fußballverband Uefa, Großsponsoren und Ausrüstern - allen voran Adidas - verheißt sie ein Milliardengeschäft. 2015 hat der Herzogenauracher Sportartikler im global dominierenden Mannschaftssport 2,2 Milliarden Euro mit Trikots, Fußballschuhen sowie -zubehör umgesetzt und damit so viel wie nie. Voriges Jahr war aber ein Jahr ohne fußballerisches Großereignis und 2016 kommt zur am Freitag beginnenden EM in Frankreich noch parallel das amerikanische Pendant Copa America dazu. Damit dürfen sich Adidas, dessen großer US-Konkurrent Nike und der fränkische Erzrivale Puma wirtschaftlich eigentlich bereits als Sieger fühlen, läge mit Terrorgefahren nicht ein schwer kalkulierbarer Schatten über dem Turnier.

Keiner der Beteiligten redet darüber gerne. „Bei früheren EM-Turnieren hat die Uefa keine Versicherungen für Terrorfälle abgeschlossen. Und nach den Attentaten von Paris im vergangenen November sind die Prämien unbezahlbar geworden“, hat Uefa-Organisationschef Martin Kallen jüngst dem Magazin Capital anvertraut. Mehr mag der Verband, der für das Ausfallrisiko nun ohne Police dasteht, nicht mehr zum heiklen Thema sagen. Auch die Assekuranz schweigt. Hohe Prämien signalisieren großes Risiko, sagt ein Branchenvertreter nur lapidar.

Auch Sportartikler Adidas, der als Hauptsponsor den Spielball stellt und mit neun Teams so viele Mannschaften im Rennen hat wie kein anderer Ausrüster will nicht über lauernde Gefahren reden. „Wir bereiten uns auf viele Eventualitäten vor“, sagt eine Sprecherin kurz angebunden. Der zweite deutsche Ausrüster Puma ist etwas redseliger. „Wir haben immer einen Plan B in der Schublade“, sagt ein Sprecher ein. Das sei bei Veranstaltungen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen immer so und gelte diesmal bei der EM besonders für Terrorgefahren. Immerhin sitze der Puma-Großaktionär Kering in Frankreich. Man spiele im Vorfeld mehrere Szenarien durch, die Evakuierungen einschließen. Mehr sagt auch Puma nicht.

Wie wirkt sich ein möglicher Anschlag auf die Vermarktung aus?

Klar ist, dass im Fall eines Anschlags die Werbemaschinerie nicht weiterlaufen kann als wäre nichts gewesen. Seitens der Fans und Verbraucher dürfte dann auch kaum noch jemand Lust verspüren, das Trikot der DFB-Elf zu kaufen, das meist weg geht wie warme Semmeln. Auch dem Handel sind die Risiken bewusst, aber erst einmal wenig zu bestellen sei keine Lösung, weil man sonst Gefahr laufe, nicht mehr an begehrte Ware zu kommen, erklärt der Einkaufsverband Intersport. Im Einzelhandel hat man derzeit andere Sorgen.

„Es ist katastrophal, das Trikot ist kaputt“, lamentiert Sportfachhandelspräsident Werner Haizmann. Mit der Textilie meint er das DFB-Trikot, das für 85 Euro verkauft werden soll und größter Hoffnungsträger des Handels ist. Eine Million Stück waren es 2012 bei der Vorgänger-EM, drei Millionen Leibchen zur WM 2014. Seit Wochen aber werde das DFB-Trikot teils unter 60 Euro verramscht, was nach Beobachtung von Händlern im Internet seinen Ausgang genommen hat. „Das war noch nie so“, sagt Haizmann. Selbst wenn die deutsche Elf in Frankreich weit komme und die Trikot-Verkäufe anschwellen, den Preis bekomme man nicht mehr hoch. Ein Verkäufer werbe sogar damit, dass er den Kaufpreis für das Trikot erstattet, falls Deutschland die EM gewinnt.

In einem normalen EM-Jahr müssten die Verkäufe für Fußballartikel um ein Fünftel wachsen, weiß man bei Intersport. Das wären Mehreinnahmen von rund 150 Millionen Euro, da hier zu Lande etwa ein Zehntel des Sportartikelumsatzes von 7,4 Milliarden Euro auf Fußball-Produkte entfällt. Was diesmal passiert, mag im Handel aber derzeit niemand prognostizieren.

Preisverfall bei Trikots der Nationalmannschaft

Mangels Terrorpolice kann auch die Uefa das Thema nicht einfach auf sich zukommen lassen. Die Stadien sind zwar ausverkauft. Unter den Erwartungen von 200 Millionen Euro an Einnahmen geblieben ist aber der Absatz edler Businesslogen mit bis zu 8900 Euro pro Ticket, räumte Kallen ein. Das habe mit strengeren Steuervorschriften aber auch der „geopolitischen Situation“ zu tun, umschreibt der Funktionär das Terrorrisiko. Einen neuen Umsatzrekord von 1,9 Milliarden Euro soll die EM der Uefa dennoch bringen. Mit einer Milliarden Euro schlägt der Verkauf der Medienrechte zu Buche, eine halbe Milliarde Euro bringen die Ticketerlöse, weitere 400 Millionen Euro Sponsoring und Lizenzrechte. Beim Vorgängerturnier 2012 war es etwa die Hälfte. Am Ende kalkuliert die Uefa mit 150 Millionen Euro Reingewinn.

Hauptsponsor Adidas will erst nach Turnierbeginn Mitte Juni den eigenen EM-Effekt genau beziffern. Vorausgesetzt alles bleibt friedlich, könnte den Franken ihre schwerste Prüfung ohnehin erst nach dem Finale in Paris drohen. Denn erst nach dem Turnier will der DFB dem Vernehmen nach entscheiden, ob der 2018 auslaufende Ausrüstervertrag mit Adidas verlängert wird. Mit 25 Millionen Euro jährlich ist der bislang dotiert. Konkurrent Nike soll 60 bis 70 Millionen Euro geboten haben. Mit welchem Gegenangebot Adidas beim DFB am Ball bleiben will, ist geheim. „Wettbewerbsfähig“, heißt es offiziell nur.

So sorgt das Turnier und sein Umfeld für ein Ausmaß an Nervenanpannung, auf das man teils gerne verzichten würde. Das betrifft vor allem die Terrorgefahren. „Wir hoffen, dass alles gut geht“, ist jedenfalls das Stoßgebet, das Ausrüster und Händler, Uefa und die 24 vertretenen Teams gemeinsam ausstoßen.

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