Terroranschlag in Straßburg Freude über den Tod eines „Bösen“?

Von Jan Sellner 

Darf man sich freuen und „Bravo“ rufen, wenn ein Leben – auch das eines Mörders – gewaltsam beendet worden ist? Oder ist es umgekehrt nicht verständlich? Freude und gewaltsamer Tod schließen sich aus, meint unser Kommentator Jan Sellner.

Eine Frau steht an dem Ort, an dem der mutmaßliche Attentäter Cherif Chekatt von Polizisten erschossen wurde Foto: dpa
Eine Frau steht an dem Ort, an dem der mutmaßliche Attentäter Cherif Chekatt von Polizisten erschossen wurde Foto: dpa

Straßburg - „Als der 29-jährige Chérif Chekatt am Donnerstagabend auf offener Straße von Polizisten erschossen wird, machen Passanten aus ihrer Freude keinen Hehl: Eine bewaffnete Polizeipatrouille empfangen sie mit Applaus und „Bravo“-Rufen . . .“ So heißt es in einem Bericht der Nachrichtenagentur Agence France Presse vom Freitag. Zuvor hatte der französische Innenminister Christophe Castaner offiziell erklärt, der Straßburg-Attentäter sei „neutralisiert“ worden. Eine technisch-verschleiernde Umschreibung des Umstands, dass der 29-Jährige bei einem Feuergefecht mit Polizisten erschossen worden ist.

Bei aller Erleichterung darüber, dass von dem heimtückischen Angreifer nach Tagen der Angst und Unsicherheit keine Gefahr mehr ausgeht, taucht die Frage auf, ob diese Reaktion auf dessen Tod angemessen ist. Konkret: Darf man sich freuen und „Bravo“ rufen, wenn ein Leben – auch das eines Mörders – gewaltsam beendet worden ist? Oder ist es umgekehrt nicht verständlich? Schließlich hat der Attentäter von Straßburg wahllos Menschen getötet und verletzt: einen arglosen Touristen aus Thailand, einen Landsmann, der vor einem Restaurant wartete. Viele Menschen sind durch diesen feigen Angriff traumatisiert.

Monsterexistenz und Mensch

Freude über den Tod eines „Bösen“? Eine widerkehrende Diskussion. Als amerikanische Soldaten 2011 den damals meistgesuchten Terroristen der Welt, Osama bin Laden in einer Kommandoaktion töteten, tat Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich kund: „Ich freue mich, dass es gelungen ist, Osama bin Laden zu töten.“ Auch der damalige CSU-Chef Horst Seehofer empfand „ein Gefühl der Freude“. Kirchenvertreter und teils auch Parteifreunde reagierten irritiert. Ähnliche Diskussion gab es nach dem gewaltsamen Tod des libyschen Diktators Gaddafi. Der Schweizer „Tagesanzeiger“, ein liberales Blatt, schrieb damals, „dass solche Herrscher (und ihre willigen Schergen) auch Menschen sind, bedeutet nämlich nicht, dass sie neben ihrer Monsterexistenz noch eine zweite – die ,als Mensch‘ – besitzen.“ Ist das so? Haben die Schurken der Welt, die Massenmörder und der Dreifach-Mörder von Straßburg durch ihre Taten ihr Menschsein verwirkt.

„Bravo“-Rufe

Aus christlicher Sicht – auch aus der Sicht anderer Religionen und Weltanschauungen – ist diese Auffassung nicht haltbar: Auch der Mörder ist ein Mensch, egal wie verabscheuungswürdig er gehandelt hat. Diesem Gedanken folgt auch der Rechtsstaat. Der Verbrecher wird vor Gericht gestellt und bekommt die Härte des Gesetzes zu spüren, sofern man seiner habhaft wird. Gelingt das nicht und kommt der Verbrecher, wie in Straßburg, auf offener Straße zu Tode, ist das nicht im Sinne der Justiz. Das stellt jedoch keine Kritik am Polizeieinsatz in Straßburg dar. Schon gar nicht an den Polizisten selbst, die unter Einsatz ihres Lebens versucht haben, den Angreifer zu finden. Bei dem tödlichen Aufeinandertreffen am Donnerstagabend war es mutmaßlich der 29-Jährige, der zuerst das Feuer eröffnete, ehe er von Polizeikugeln niedergestreckt wurde. Es gibt solche Situationen, die nicht friedlich aufzulösen sind. Sie haben immer etwas Tragisches, nie etwas, das mit Freude behaftet ist.

„Bravo“-Rufe sind nach dem Polizeieinsatz von Straßburg insofern berechtigt, als keine weiteren Unschuldigen zu Schaden gekommen sind. Bezogen auf das Schicksal des Angreifers sind sie unangemessen, denn das Gefühl der Freude und das Faktum eines gewaltsamen Todes schließen sich aus. Mögen manche Genugtuung darüber empfinden, dass dem Mörder das widerfahren ist, was er über andere gebracht hat: es mildert das von ihm angerichtete Unglück nicht.