Terrorschutz bei der Fasnet Den Narren vergeht fast das Lachen
Zwei Player der Fasnet im Kreis Böblingen sind Bela Stahl und Jo Bühler. Die Sicherheitsvorgaben und die Kosten für ihre Umzüge in Böblingen und Ehningen sind immens, sagen sie.
Zwei Player der Fasnet im Kreis Böblingen sind Bela Stahl und Jo Bühler. Die Sicherheitsvorgaben und die Kosten für ihre Umzüge in Böblingen und Ehningen sind immens, sagen sie.
Beinahe hätte Bela Stahl den Kinderfasching in diesem Jahr abgeblasen. Die Kosten seien einfach gigantisch, aber er wolle nicht mehr Eintritt verlangen, damit „jedes Kind in der Stadt dahin kann“. Der Chef von Grün-Weiß Böblingen ringt kurz um Fassung.
Für die großen Fasnachtsvereine und Zünfte im Kreis Böblingen „geht es dagegen“, – für Nicht-Narren: Die schönste Zeit des Jahres steht bevor. Dieses Jahr ist die Saison kurz und darum intensiv. Auch arbeitsintensiv. Bälle, Feste, Rathausstürme müssen organisiert werden. Und in Böblingen, Weil der Stadt oder Ehningen stehen mit den Fasnetsumzügen echte Großereignisse an, die seit Dezember 2024 ein anderes Gesicht haben.
„Was dann passierte, lässt mir bis heute die Tränen in die Augen schießen.“
Jo Bühler, der 72 Stunden vorher fast den Umzug 2025 absagen musste.
Als Folge des Anschlags auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt im Dezember 2024, wo ein Mann mit seinem zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen in die Menge raste und damit sechs Menschen tötete und mehr als 300 verletzte, müssen auch Fastnetsumzüge ganz andere Sicherheitskonzepte auffahren. Egal ob in Köln oder Ehningen. Die Umzugsstrecken müssen abgesperrt werden, zig Gitter werden dafür aufgestellt. Dazu werden entlang der Strecke Security-Mitarbeiter postiert und sämtliche Ein- und Ausfallstraßen gesichert.
Joachim „Jo“ Bühler, der Chef des Ehninger Karnevalvereins, erinnert sich an den Jahresanfang 2025. Er erfuhr 72 Stunden vor dem Umzug, dass er 14 Fahrzeuge brauche, um die Ein- und Ausfallstraßen sichern zu können. „Ich dachte, ich muss absagen“, erzählt er. Um 17 Uhr am Abend sendete er einen Hilferuf an alle Narren, Freunde, Bekannte. „Was dann passierte, lässt mir bis heute die Tränen in die Augen schießen“, sagt der Herzblutnarr. „Um 23.35 Uhr hätte ich 300 Fahrzeuge stellen können, so viel Hilfe kam.“ In diesem Jahr ist er vorbereitet – und die Hilfe kommt tatsächlich recht konzertiert. „Wir bekommen zwölf Lastwagen unentgeltlich von unserem örtlichen Unternehmen Sehne. Die Fahrer besorgen wir“, sagt er. Dazu komme sehr viel Unterstützung von der Gemeinde. Der diesjährige Umzug sei also gesichert. „Uns war das damals so wichtig, dass der an einem Sonntag stattfindet, damit wirklich jeder Zeit hat zu kommen, vor allem Familien.“ Schließlich seien die Narren alle eine „riesige Familie“.
Auch in Böblingen ist die Fasnet eine Sache, die ganz gut zum Thema Familie passt. Die Familie Stahl ist wahrscheinlich in den närrischen Tagen auch nur kurz zum Duschen und Schlafen daheim. Aber gerade Familien, „bei denen es nicht so dicke sitzt“, hat Bela Stahl im Kopf, wenn er an den Kinderfasching denkt. Mehr als drei Euro Eintritt will er für die Party am Fasnetsdienstag in der Kongresshalle nicht verlangen. Auch Speis und Trank sollen bezahlbar sein. Aber beim Kassensturz habe man festgestellt, dass die Zahlen für diese Veranstaltung tiefrot seien. Und das, obwohl die Miete für die Kongresshalle von mehr als 10 000 Euro von der Stadt übernommen werde, wie Gianluca Biela von der Stadtverwaltung bestätigt. Denn das Catering macht nicht mehr – wie ganz früher in der alten Halle – der Verein selbst, sondern der Stadthallenwirt. Mit dem gab es aber offenbar nun eine Einigung. „Wir werden uns einig“, sagt Bela Stahl, der keine finanziellen Details nennen mag. Also kann der beliebte Kinderfasching stattfinden – bis zu 1500 feierndes Jungvolk wird sich bis zum Abend in der Kongresshalle tummeln.
Am Rosenmontag davor aber hat auch Stahl bei der Organisation des Umzugs wieder geschwitzt, wie er sagt. Der Geschäftsmann, der in Ehningen ein Abrissunternehmen betreibt, räumt ein: „Manchmal fragen wir uns schon, wie wir das allen bewältigen sollen.“ Die Kosten und Schutzkonzepte seien immens gewachsen. Und das alles wird im Ehrenamt organisiert.
„Ich glaube, eine Sache, die uns Narren tatsächlich zugutekommt, ist, dass unser Geschäft begrenzt ist“, meint Stahl. Motto: heftig, aber kurz. Man könne sich dann ja wieder zehn Monate erholen, fügt er schmunzelnd hinzu. Und dann im Ernst: „Wir hätten keine Chance ohne Leute bei der Stadt, die es absolut gut mit uns meinen“, lobt er. „Dina Hahn ist einfach Bombe, es gibt keine Zweite wie sie“, nennt er seine Ansprechpartnerin im Ordnungsamt beim Namen.
Aber auch sonst sei viel Unterstützung da, sagt Stahl. Die Kosten für die Absperrung der Festzugstrecke, der Reinigung der Innenstadt und die Zufahrtssperren sowie die Kosten für den Terrorschutz liegen laut Gianluca Biela bei mehr als 15 000 Euro und werden von der Stadt getragen. „Grün-Weiß ist zentral für die Organisation und Durchführung des bunten Böblinger Faschingstreibens, aber genauso auch über das Jahr ein fester Bestandteil des Böblinger Festlebens.“
Ohne diese Verlässlichkeit, die auch für die gesamte Baulichtfamilie gelte, könnte man solche Feste nicht feiern, fügt Biela hinzu. Und kein Mensch im Kreis Böblingen hätte das große Vergnügen, auf Straßen und Gassen eine fröhliche Zeit zu verbringen und ein paar Stunden mal nicht an die Krisen in aller Welt zu denken, wie Bela Stahl und Jo Bühler fast wortgleich sagen.
Vereine
Grün-Weiß Böblingen ist ebenso wie der Erste Ehninger Karnevalverein ein närrischer Verein mit vielen Gruppen und Zünften – mit Straßenfastnacht, aber auch Gardetanz und Guggengruppen. Grün-Weiß wurde 1982 gegründet, den Ehninger Karnevalsverein gibt es seit 2005.
Umzüge
In Ehningen werden am Sonntag, 1. Februar, mehr als 3000 Hästräger von 13.31 Uhr an durch die Gassen ziehen. Der Böblinger Rosenmontagszug beginnt um 13.13 Uhr, viele Guggengruppen sind dabei und machen die Fasnet zur Party.