Stuttgart - Um drei Uhr nachts hört man in der Rottweiler Innenstadt das Heulen der Katzen. Ein Jugendlicher torkelt aus einer Bar und zerrt an seiner Lederjacke. Das kleine Elektroauto Zoe hängt währenddessen an der Ladesäule. Im Autoinneren bilden sich Atemwolken, so kalt ist es. Um Strom zu sparen, ist die Heizung ausgeschaltet. Die Ladeanzeige hinter dem Lenkrad deutet auf knapp 100 Kilometer Kapazität. Zu wenig, um nach Stuttgart zu kommen.
Lange unkten Kritiker, dass man in Deutschland mit einem E-Auto nicht reisen könne. Zu wenige Ladesäulen, zu schlecht die Batteriekapazität der Fahrzeuge. Auto- und Stadtverbände trommeln nun dagegen: Auf ein Hybrid- oder E-Fahrzeug kommen heute in Deutschland zehn Ladestationen – ausreichend, um sich problemlos in der Stadt und auf dem Land zu bewegen, behauptet der Energie- und Wasserverband BDEW. In Baden-Württemberg soll man bei 2525 Ladepunkten sogar höchstens zehn Kilometer fahren müssen, um den Wagen an die nächste Ladesäule anzustöpseln.
Der zu 90 Prozent geladene Zoe zeigt eine Kapazität von nur 250 Kilometern an
Was aber heißt das in der Praxis? Ist das Fahren mit Elektroautos bereits heute so komfortabel wie mit Benzin- oder Dieselautos? Mit einem Renault Zoe R90 fahren wir knapp 600 Kilometer durch Baden-Württemberg. Von Stuttgart nach Heidelberg, von dort nach Triberg in den Schwarzwald, dann zum Bodensee und wieder zurück in die Landeshauptstadt.
Laut Hersteller sollte eine volle Batterieladung den Zoe 400 Kilometer weit fahren lassen. Das wäre unwesentlich weniger als man mit einem vollgetankten VW Polo fährt. Die erste Ernüchterung kommt prompt: der zu 90 Prozent aufgeladene Zoe zeigt eine Kapazität von nur etwa 250 Kilometern an
10.01 Uhr Die Vorteile eines Stromers werden schnell offensichtlich: im Stuttgarter Stadtverkehr bremst und beschleunigt das Auto so spielerisch wie in einer Computersimulation. Beim Bremsen gewinnt es zusätzlich Energie zurück. Bei einer konstanten Geschwindigkeit von 110 Kilometern pro Stunde gibt es auch auf der Autobahn in Richtung Heidelberg keine Probleme.
11.55 Uhr Im Süden von Heidelberg angekommen, sollte sich eigentlich zwischen ADAC und Esso-Tankstelle eine von weit mehr als 20 Ladestationen in der Stadt befinden. Davon aber keine Spur. „Hier ist keine“, sagt eine Frau mit modischer Brille, die bei einem Autoverleiher um die Ecke arbeitet. Auch der Esso-Kassierer hört zum ersten Mal von einer möglichen Ladesäule.
Auf den Bordcomputer ist scheinbar wenig Verlass. Zeit für Option B: die Suche nach einer Ladestation per Handy-App. Zum Beispiel mit der der EnBW. Das Unternehmen hat kräftig in das Ladenetz im Südwesten investiert und betreibt Hunderte von Säulen. Auch die Ladestationen anderer Anbieter werden auf der Karte im Menü angezeigt. 13.12 Uhr Endlich fließt der Strom. Neben einer Grundschule lässt sich nach einigen Irrwegen die Ladesäule finden, die auch nicht belegt oder zugeparkt ist – das ist nicht immer der Fall und sorgt in der E-Auto-Gemeinde für mächtig Ärger. Das Kabel aus dem Kofferraum verbindet Säule und Auto. Geladen wird mit 22 Kilowatt pro Stunde, eine Schnellladesäule mit 50 Kilowatt ist keine in der Nähe.
Nach einer Stunde und 51 Minuten ist der Wagen wieder zu 90 Prozent gefüllt, so steht es auf dem Bordcomputer. Die Kosten für die Stromfüllung für etwa 150 Kilometer Reichweite liegen bei 10,83 Euro, schnellere Ladesäulen sind teurer. Im Vergleich: Eine aktuelle Mercedes A-Klasse fährt für zehn Euro Super etwa 100 Kilometer. Das Geld zieht die App von der Kreditkarte. Die muss beim Anmelden hinterlegt werden. Schon jetzt weiß die EnBW über einen nahezu so viel wie Amazon.
Manche Ladestationen lassen sich auch per SMS-Nachricht aktivieren
17.37 Uhr Nur noch wenige Kilometer bis Triberg. Die enge Straße schlängelt sich entlang der Steilhänge, auf denen Kiefern und Tannen in die Höhe wachsen. Die vielen Höhenmeter und auch die kälteren Außentemperaturen machen dem Zoe zu schaffen. Der Anzeige zufolge reicht der Akku nun für einige Kilometer weniger als vorher angegeben.
18.10 Uhr Bei 30 Restkilometern Kapazität warnt ein Signalton vor dem Akku-Blackout. Die Gedanken kreisen nun um nichts anderes. Wie viele E-Auto-Anbieter auch, bietet Renault im Falle leerer Batterien zwar einen kostenlosen Aufladeservice. Weil das aber zeitaufwendig wäre, versucht man als eiliger Fahrer das nicht auf die Probe zu stellen. Trotzdem kommt es bei der einzigen Ladestation in Triberg zum Problem: Die Lade-App kann keine Verbindung zwischen dem Auto und der Säule aufbauen. Auch die App des Stromanbieters EGT, dem die Ladesäulen gehören, funktionieren nicht. Anruf bei beiden Versorgern: die Hotlines sind nach 18 Uhr nicht mehr besetzt.
Minuten vergehen, ratlos wird das Kleingedruckte auf der Ladesäule studiert. Tatsächlich scheint ein Ausweg möglich. Manche Stationen lassen sich auch per SMS-Nachricht aktivieren, steht da. Eine Nachricht samt Aktivierungscode später läuft der Strom. Erleichterung. Die Gebühren werden später über die Handyrechnung abgerechnet. Jetzt bleibt noch Zeit fürs Abendessen unten im Tal. 18.41 Uhr Es dämmert. Eine weitere SMS kommt: „Ladung wegen Kommunikationsproblem beendet“, steht da. Verärgert muss man zum Zoe den Berg hinauflaufen. Der Fehler lässt sich für einen Laien nicht diagnostizieren. Wieder vibriert das Handy, ein Techniker von EGT ruft an. Mit der Stimme eines Angestellten im Feierabend sagt er, dass er den Anruf vorher gesehen hätte. „Die Verbindungsprobleme kommen vor“, erklärt er und aktiviert die Ladesäule händisch aus der Ferne. Jetzt dauert es nochmals 90 Minuten, bis die Ladung bis zum Bodensee reicht.
Im Internet ist zu lesen, dass viele E-Auto-Nutzer sich vor der Reise einen ausführlichen Plan zurecht legen. Wo gibt es die schnellsten Ladesäulen? Welcher ist der kürzeste Weg zu Restaurants und Sehenswürdigkeiten? Nicht wenige der Fahrer scheinen generell Liebhaber der E-Automobilität zu sein und sehen über aufkommende Probleme leichten Herzens hinweg. Es werden sicherlich noch Jahre vergehen, bis die Technik auch die erreicht, für die Autos in erster Linie einfach nur funktionieren müssen.
Es kommt der Wunsch auf, dass das Elektroauto doch nur auch einen Dieselmotor hätte
23. 17 Uhr Der Bodensee ist als dunkler Fleck am nächtlichen Horizont erkennbar. Gefühlt alle drei Kilometer steht am Straßenrand eine Ladensäule. In Hagnau kommt das Auto wieder an den Stecker, problemlos füllen sich Zoes Batterien. 2.12 Uhr Nach 500 Kilometern und 16 Stunden Autofahrt, bleiben noch eine Stunde Wegstrecke und weitere 20 Minuten Ladezeit. Zum ersten Mal kommt der Wunsch auf, dass das Elektroauto auch einen Dieselmotor hätte. Als Fahrer ist man hundemüde. In Rottweil, gleich an der Autobahn, ist es bitterkalt. 4.15 Uhr Stuttgart. Der Zoe ist am Ziel. Der Bordcomputer zeigt: 639,2 gefahrene Kilometer. 119 verbrauchte Kilowattstunden. An einer öffentlichen Ladesäule mit 22 KW kostet das 46 Euro.
Der Test hat gezeigt, dass das Ladenetz in Baden-Württemberg bereits ganz gut ausgebaut ist. Aber: die Säulen stehen nicht immer sehr zentral und manchmal funktionieren sie auch einfach nicht. Außerdem dauert der Ladevorgang doch recht lange. Damit die E-Mobilität wirklich massenkompatibel wird, bräuchte es wohl Batterien mit mehr Kapazität.