Testbericht Canon EOS 5D Mark IV - Das Arbeitstier

Von Julian Wenzel  

Kurz nach der Vorstellung der Canon EOS 5D Mark IV gab es viel Kritik von Kamerafans. Sie hatten sich einen größeren technischen Sprung erhofft. Viele der Kritiker fixierten sich aber auf technische Daten und ließen Alltagserfahrungen außen vor. Deswegen hat sich unser Tester gefragt: Was kann das Profimodell von Canon im Alltag wirklich?

Durch den präzisen Autofokus der Kamera lässt sich auch bei geringer Tiefenschärfe exakt scharfstellen. So wie hier auf die Augen.  Foto: Julian Wenzel 6 Bilder
Durch den präzisen Autofokus der Kamera lässt sich auch bei geringer Tiefenschärfe exakt scharfstellen. So wie hier auf die Augen. Foto: Julian Wenzel

Die 5D-Serie von Canon ist eine absolute Erfolgsgeschichte. Als Canon Ende 2008 die 5D Mark II vorstellte, überraschte der Hersteller die Fotowelt: Sie war die erste erschwingliche Vollformatkamera mit professioneller Videofunktion und wurde zu einem riesigen Erfolg. Viele Fernsehproduktionen wurden auf dieser Kamera realisiert. Und sie wurde zu meiner ersten Traumkamera.

Der Nachfolger, die 5D Mark III, setzte diese Tradition ab 2012 fort und war und ist das Arbeitstier vieler Tausend Berufsfotografen auf der ganzen Welt. Als sich Ende letzten Jahres die 5D Mark IV ankündigte, war das Modell bereits vor Veröffentlichung mit vielen Erwartungen beladen. Würde sie ein würdiger Nachfolger der 5D-Reihe sein?

Viele Canon-Nutzer zeigten sich nach Verkaufsstart von den technischen Daten der neuen Profikamera enttäuscht. Sie hatten sich nach vier Jahren Wartezeit mehr erhofft. Dabei lesen sich die Fakten gar nicht so ernüchternd: 30,4 Megapixel, 4K-Funktion, ein Touchscreen, integriertes WLAN. Klingt alles ganz zeitgemäß. Daten, Labortests und Erwartungen sind eben das eine. Ein Praxistest aber das andere. Deswegen habe ich die Canon 5D Mark IV eine Woche lang intensiv getestet, um zu schauen, ob die Kamera in der Realität vielleicht doch überzeugt.

Als würde man nach Hause kommen

Als langjähriger Canon-Nutzer fühle ich mich jedenfalls sofort zu Hause. Menüs, Knöpfe, Anzeigen – alles ist so, wie ich es mir wünsche. Das ist eben der Vorteil von Beständigkeit. Neu hinzu kam eine kleine Wippe, mit der sich durch die verschiedenen Autofokusbereiche wechseln lässt. Die gibt es so ähnlich auch bei der 7D Mark II und war schon da sehr nützlich.

Auch neu: der Touchscreen. Der vereinfacht die Bedienung tatsächlich enorm und verbindet sinnvoll die intuitive Steuerung der Smartphones mit bewährter Nutzeroberfläche von Canon. Der Bildschirm ist starr verbaut, was mich aber bisher nicht wirklich stört. An der Stelle kann ich also nur Verbesserungen gegenüber der Vorgänger festhalten.

Ein absolutes Arbeitstier

Alles an dieser Kamera sagt: ich bin ein Arbeitsgerät. Auch der Sensor: Der liefert mit 30 Millionen Pixeln Auflösung ausreichend viele Details und spart im Vergleich zu größeren Pixelmonstern Platz auf der Speicherkarte. Zumindest was Fotos anbelangt. Für die neu hinzugekommene 4K-Videoaufzeichnung hat Canon sich für das äußerst speicherintensive Motion-JPEG Dateiformat entschieden. Das liefert zwar hervorragende Bildqualität, füllt aber schnell die SD- oder CF-Karten. Es gibt aber auch Einstellungen, die eine effizientere Aufnahme ermöglichen.

Die Fotoqualität ist ebenfalls hervorragend. In dunkler Umgebung fällt die Kamera durch sehr geringes Bildrauschen positiv auf. Auch sonst gibt es keine Beanstandungen: der Autofokus arbeitet schnell und auch bei wenig Licht akkurat. Besonders bei Videoaufnahmen glänzt der Dual Pixel Autofokus, der exakte Schärfenwechsel mit einem Touch auf den Bildschirm möglich macht. Ein Autofokus, auf den ich mich verlassen kann, zählt für mich schon einmal viel.

Im Vergleich zur 5D Mark III bekam der Nachfolger zusätzlich ein WLAN-Modul spendiert, das sowohl die Fernsteuerung der Kamera als auch das drahtlose Übertragen der Bilder ermöglicht. Auch wenn das Feature langsam zum Standard wird, bleibt es eines, das mich immer wieder überzeugt – wenn es sinnvoll integriert ist. Und das ist es bei Canon, denn die Handy-App ist übersichtlich gestaltet und funktioniert zuverlässig.

Kein Spezialist, sondern ein Allrounder

Es gibt also Verbesserungen in allen Bereichen der Kamera. Warum wurde sie dann trotzdem von manchen so kritisiert? Ich schätze, weil es keinen Bereich gibt, in dem sie hervorsticht und allen anderen Kameras überlegen ist. In meinen Augen ein Vorteil. Während manche Kameras vielleicht bessere Videofeatures haben oder nochmal andere mehr Megapixel oder nochmal andere ein kleineres Gehäuse haben, bietet die Canon 5D Mark IV eine sehr ausgewogene Leistung auf hohem Niveau.

Für mich als Allrounder, der mal unterwegs, mal im Studio ist, mal Sport, mal Video macht, ist das ein gelungenes Paket, das alles erfüllt. Erst recht, wenn man bereits Canon-Objektive besitzt. So ist diese Kamera wie ein Schweizer Taschenmesser, das in jeder Lage zuverlässig hilft. Ein gelungenes Werkzeug für Fotografen, die Wert auf Verlässlichkeit und Flexibilität legen.


Zum Autor: Julian Wenzel überschlägt gerade, ob er nächstes Jahr nicht doch noch Budget für die 5D Mark IV übrig hat. Egal in welcher Umgebung und Situation er die Kamera getestet hat, lieferte sie ihm zuverlässig gute Ergebnisse. Auch andere Kollegen, die das Modell schon seit mehreren Monaten nutzen, äußerten sich ihm gegenüber sehr zufrieden.