Testfahrt in einem Porsche Mein roter Targa für 72 Stunden
Was passiert, wenn man für ein paar Tage zum Porsche-Fahrer wird? Nehmen die Leute einen anders wahr? Ändert sich etwas in einem selbst? Ein Versuch.
Was passiert, wenn man für ein paar Tage zum Porsche-Fahrer wird? Nehmen die Leute einen anders wahr? Ändert sich etwas in einem selbst? Ein Versuch.
Stuttgart - Ein Donnerstag im Spätherbst, 13.20 Uhr, Zuffenhausen, Porsche, Tor 1. Knallrot, mit dem silbernen Targa-Überrollbügel blinkt er in der Herbstsonne. Ein 911 4 S. Wieder und wieder werde ich in den folgenden Tagen die schnittige Form, den Spoiler und die geschwungene Schnauze bewundern. Etwas Respekt habe ich vor den 400 PS, von 0 auf 100 in 4,8 Sekunden. Seches Gänge, sechs Zylinder. Schon der Einstieg ist ungewohnt, tief liegt der Sitz, ich muss mich mit meinen 1,93 Meter hineinfalten.
Der große Drehzahlmesser in der Mitte, das Display mit unüberschaubar vielen Funktionen, das Radiomodul mit Navigationseinheit. Alles ist massiv und mit Leder ausgeschlagen.
Schon als kleiner Bub habe ich mit den 911er-Modellen gespielt und davon geträumt, später mal so einen Porsche zu fahren. Diesen Traum gab ich auch als Erwachsener nie ganz auf. Jeden Morgen ist er wieder da, wenn ich auf dem Weg in die Stadt am Zuffenhäuser Kreisel mit den drei in der Luft hängenden Boliden vorbeifahre.
Meine Frau ist übers Wochenende verreist. Und so entschließe ich mich dazu, diese Gelegenheit zu nutzen und mir den Sportwagen zu mieten. Das kann jeder machen, kostet je nach Modell ab 200 Euro am Tag, Benzin nicht eingerechnet.
Ich lasse den Motor an, stelle die Außenspiegel ein. Viele unbekannte Knöpfe, ich öffne versehentlich die vordere Kofferraumhaube – die Aufseher an der Pforte lachen. Ich gebe viel zu wenig Gas, weil ich fürchte, das Geschoss könnte mit mir davonrasen. So würge ich den Motor ab, die Start-Stopp-Automatik schaltet ihn aber wieder an. „Der steht Ihnen gut“, winkt mir ein Mitarbeiter zu. Es zieht mich gleich auf die Autobahn. Der Fahrer eines älteren Porsche in Weiß schaut bewundernd auf den roten Targa, während ich ziemlich lässig an ihm vorbeiziehe.
Bei Herrenberg gebe ich zum ersten Mal richtig Gas, schüchterne 150 Stundenkilometer. Die Beschleunigung ist enorm, binnen Sekunden ist man an allen vorbei, egal ob bergauf oder bergab. Kaum eingestiegen, bin ich schon in Oberjesingen.
Davon habe ich oft geträumt, in die Straße meiner Kindheit mit einem Porsche zu fahren. Da steht der Targa jetzt im Hof meiner Eltern. „Ein scharfes Teil“, sagen sie. Nach dem Frühstück fahren wir los. Durch meine Heimatstadt, alles wirkt etwas ferner und kleiner als früher. Der Blick durch den tief liegenden Sportwagen verzerrt ebenso wie die verklärte Erinnerung. Mein Vater findet das Auto toll, freut sich aber mehr, sich mit mir unterhalten zu können. Statussymbole haben ihm noch nie etwas bedeutet, das fand ich schon immer sympathisch.
Ich genieße den Spaziergang mit meinen Eltern durch den Killesbergpark – und freue mich schon wieder auf den Porsche. Ein Hauch von schlechtem Gewissen überkommt mich: Ist dieses Auto wichtiger als die eh schon zu seltenen Besuche bei meinen Eltern? Ich beherrsche meinen Drang, schnell wieder einzusteigen, und warte, bis der Ausflug gemütlich beendet ist.
Am nächsten Tag kurve ich auf die A 8 ab Esslingen. Hier gibt es unbeschränkte Passagen, ich fahre 180 Stundenkilometer und mehr, ohne dass es überhaupt schnell wirkt. Vielleicht kurz anhalten und mit meinem besten Freund Carsten eine WhatsApp schreiben? Er ist gerade in Reutlingen bei einem Freund. Spontan drehe ich um und fahre, natürlich den langen Weg, über die A 8 und die B 27. Dann der erste unwirkliche Moment.
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Ich fahre am Haus der Familie vor, öffne das Fenster, und acht Menschen starren mich an. „Wow, das ist ja mal vielleicht ein geiler Wagen. . . . Ach ja, hallo Rafael!“ So groß ist die Faszination für den Porsche, dass er zuerst begrüßt wird. Das 140 000 Euro teure Gefährt lässt die Augen der Männer leuchten. Es scheint mir eine andere Bedeutung zu geben, die aber nichts mit meiner Person zu tun hat. Die mir schmeichelt, aber auch irgendwie unheimlich ist.
Keine Frage, ich wäre auch freundlich empfangen worden, wenn ich nur so vorbeigekommen wäre. Aber das Leuchten in den Augen wäre nicht so intensiv gewesen. Und auch den leicht neidischen Unterton hätte es nicht gegeben. Carstens Freund scherzt: „Porsche rot und weiß, halber Preis.“
Natürlich unterhalten wir uns über den Beruf, die Familie, das Leben, aber dann geht es doch in den Porsche. Erst sind die Kinder dran, die das „saugeil“ finden und vor Freude quieken, als wir auf der Bundesstraße Gas geben, das Verdeck öffnen. Dann kommt die Erwachsenenrunde.
Carsten quetscht sich auf den winzigen hinteren Notsitz, sein Kumpel sitzt vorne. Im Targa zum Albaufstieg. Dann darf der Nebenmann fahren. „Geiiiiil!“, ruft er und jagt die Drehzahlen nach oben. Endlich wird das Auto so gefahren, wie es gebaut wurde. Ich bekomme ein Gespür für die Kraft und Energie unter dieser Motorhaube. Drei Erwachsene, Mitte 40, freuen sich wie die Kinder. Wir wechseln den Fahrer. Carsten gibt Gas im Tunnel – mit offenem Fenster, um den Sound zu hören. Die Sport-Schaltung und die Sport-plus-Schaltung, bei denen der Wagen schön röhrt, werden nicht mehr abgeschaltet. Wir klopfen dumme Sprüche und ärgern uns über „Langsamfahrer, die die Straße verstopfen“.
Der Rückweg ist lang, aber geht schnell vorbei. Ich surfe auf einem Parkplatz im Internet, wie viel ein gebrauchter 911er kostet und erwische mich auf der Heimfahrt beim Gedanken: „Endlich wieder allein in meinem Porsche.“ Der nächste Tag, freie Bahn auf der A 7. Ich schließe mein iPhone an und höre die Top-Liste meiner Lieblingslieder. Zum ersten Mal gebe ich ordentlich Gas. Ab Tempo 170 macht das Auto erst richtig Spaß, gibt im 4. Gang immer noch Fullspeed, vor allem in den hohen Drehzahlen. Alle werden abgehängt, niemand kann standhalten.
Ab Tempo 200 werden die Hände feucht, die Konzentration, der Herzschlag und der Adrenalinspiegel steigen. Das macht süchtig, wieder und wieder beschleunige ich, dann ist schon Aalen erreicht. Dort besuche ich meinen Freund und Ex-Kollegen Tobias. Das Härtsfeld, Waldhausen, die Hochbrücke – hier habe ich acht Jahre gearbeitet und gelebt. Eine alte Wirkungsstätte, an die ich im Porsche zurückkehre. „Jetzt hast du es geschafft“, denke ich – und hoffe zugleich, dass mich nicht allzu viele Bekannte sehen hier.
Auf der Ostalb habe ich viele geerdete, bescheidene Menschen getroffen, da will ich nicht durch Extravaganz herausstechen. Und doch ertappe mich dabei, wie ich mit einer gewissen Herablassung auf Corsa oder Passat blicke, die so gewöhnlich wirken.
Mein Freund Tobias ist zurückhaltend. Mich in diesem Gefährt zu sehen macht ihn misstrauisch. Dann will er doch einsteigen. Nach dem Frühstück setzt er sich ans Steuer. Sofort verwandelt sich die Reserviertheit in Begeisterung. „Ihr merkt schon, wie wir eins sind, der Wagen und ich?“, fragt er. Lobt die „direkte Lenkung“, die sensationelle Straßenlage und gibt auf der Ebnater Steige Gas, dass mir schwindelig wird.
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Beim Tanken lassen wir uns gerne begaffen. Auf einem Parkplatz beobachte ich, wie sich attraktive junge Frauen nach dem Porsche umdrehen. Surreal. Toby biegt in seine Seitenstraße ab, jagt das Ding in Sekunden auf 150. „Darf ich noch einmal?“, fragt er auf dem Rückweg, lässt es dann aber doch lieber bleiben. Wir verabschieden uns, Toby dreht sich noch zweimal um – um dem roten Targa nachzuschauen, nicht mir! Verändert ein Porsche unsere Freundschaft? Er hat sich ehrlich über meinen Besuch gefreut, und ich auch. Das stand im Mittelpunkt, aber die letzte halbe Stunde mit dem Porsche hat irgendwie eine Bedeutung bekommen, die sie eigentlich nicht haben sollte.
Was macht so ein Luxusauto mit einem? Schafft es mehr Distanz zu den anderen? Würde der Wagen auf lange Sicht mich und meinen Charakter verändern, würden sich meine Werte verschieben? Oder ist mein innerer Kompass sicher genug? Wären ich und meine Frau womöglich bald nicht mehr so auf einer Wellenlänge, wo mich dieser Sportwagen doch schon in dieser kurzen Zeit in einen fieberhaften Euphoriezustand versetzt? Eigentlich absurd und abwegig. Plötzlich vermisse ich meine Familie, meine Freunde, als ich einsam in dem Luxuswagen nach Hause fahre. Ich will nicht, dass dieses Statussymbol mich verändert.
Am nächsten Tag taste mich auf der A 7 an die Höchstgeschwindigkeit heran, auf einer freien abschüssigen Strecke der erste Rekord mit 224 Sachen. Mich umhüllt ein Gefühl von Macht und Stärke, und ich glaube, es mit der ganzen Welt aufnehmen zu können. Naja, Tempo 270 wäre auch möglich, aber darauf verzichte ich dann doch lieber. Ich bemerke, wie viele Kilometer ich schon zurückgelegt habe. Am Ende der drei Tage werden es fast 1500 Kilometer sein. Doch irgendwann kommt der Moment des Abschieds, da kann ich noch so viele Umwege fahren. Es ist vorbei. Ich fahre an Tor 1 in Zuffenhausen heran. Räume alles aus, schaue den Wagen ein letztes Mal an, umrunde ihn, lege die Hand auf die Motorhaube. Auf dem Weg zur S-Bahn rechne ich noch kurz durch, ob ich mir wenigstens einen Boxster leisten könnte – und verwerfe den Gedanken wieder.
Am nächsten Tag fahre ich wieder Golf. Gebe Gas und will beschleunigen, aber der Wagen hat nur 105 PS. Ich mag ihn trotzdem. Praktischer und bequemer. Ich hole meine Frau vom Flughafen ab, die mit Freundinnen in Florenz war. Sie strahlt mich an, und wir umarmen uns, ich fühle mich geborgen und wieder zurück in der realen Welt. Ein Scherz von ihr, und der Porsche ist schon fast vergessen. Das Fieber, es war ein Traum von 72 Stunden. Jetzt beginnt das Leben wieder.