Testlauf in Stuttgart vor dem Neustart der Clubs Geimpft ist das neue Cool

Der österreichische DJ Daniel Kautschitz, aus Wien angereist,  in der Stuttgarter Mica-Bar kurz vor der Rückkehr der Clubs als Tanzorte. Foto: Andreas /ngelhard 11 Bilder
Der österreichische DJ Daniel Kautschitz, aus Wien angereist, in der Stuttgarter Mica-Bar kurz vor der Rückkehr der Clubs als Tanzorte. Foto: Andreas /ngelhard

Endlich wieder tanzen! Stuttgarter Clubs freuen sich auf den Neustart und bereiten sich darauf sorgfältig vor. Im Mica gab’s einen Testlauf mit noch zugebautem Dancefloor. Wie hoch wird der Anteil der Geimpften sein? Sorgt der teure PCR-Test für leere Clubs?

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Aus Wien ist Daniel Kautschitz angereist, um in Stuttgart aufzulegen – Musik noch zum Nichttanzen. „Ich komm’ aus dem Schlaraffenland der Clubs“, sagt der DJ. In Österreich ist bereits erlaubt, worauf sich Partygänger nun in Baden-Württemberg freuen. Der kommende Montag ist ein wichtiger Tag für noch mehr Normalität. Denn dann werden die Inzidenzgrenzen nach 17-monatiger Clubschließung gestrichen. Kehrt die gute alte Nacht mit verschwitzen Shirts, verliebten Blicken und lautem Wum-Bum auf vollen Tanzflächen zurück?

„In Österreich geht’s uns noch besser als euch“, berichtet Kautschitz, „bei uns sind die PCR-Tests kostenlos, die man mit Gurgelrachenwasser macht.“ Am DJ-Pult des Stuttgarter Clubs Mica am Kronprinzplatz gurgelt er zwar nicht, aber testet sehr wohl. Der Wiener Eventmacher testet, ob das Equipment für den Neustart funktioniert. Es klappt wie am Schnürchen! Ist auch alles so neu hier! Ende Januar 2020 war der Keller mit großer Stuttgarter Clubvergangenheit nach aufwendigem und teurem Umbau eröffnet worden. Sechs Wochen später war schon wieder Schluss. Corona sollte für eine sehr lange Pause sorgen.

In diesem Keller spielte im Dezember 1982 Depeche Mode

Die Älteren kennen die Mica-Räume als Aer-Club, die noch Älteren als P-Club und die womöglich Uralten als Oz. 1980 hat Boa-Chef Werner „Sloggi“ Find unter einem brummenden Pub das Oz – man sprach damals von einer Disco, in der DJ Lupus auflegte – eröffnet. Am 7. Dezember 1982 spielte ein britisches Synthie-Pop-Wunder namens Depeche Mode im Oz. Aber das ist sehr lange her. Davon erzählen allenfalls die Großeltern der heutigen Youngster, die den Tanzort früherer Generationen neu erwecken. Mica-Chef Benjamin Rossaro hatte, um den Club fit zu machen für die Zukunft, alles in diesem legendären Keller rausreißen und neu aufbauen lassen. Die Innenarchitekten orientieren sich bei der Einrichtung an die „Subkultur von New York“ sowie an Filme wie „Mad Max“. Ausrangiertes wird neu belebt. Eine riesige LED-Videowand zieht sich durch den Raum.

„Eine echt scharfe Location ist das hier“, lobt der Wiener DJ Daniel Kautschitz. Sein DJ-Kollege Andi Reith, als Anrey ein Star der Szene von Stuttgart wie auch der von München, feiert in dieser noch tanzlosen Nacht den fünften Geburtstag seiner Partyreihe „Youme“. Noch ist der Club eine Bar. Getanzt werden darf nicht. Die Maske darf erst abgenommen werden, wenn man an seinem zugewiesenen Tisch sitzt.

„Echt stark, dass unser Baden-Württemberg Vorreiter ist“

Doch bald kehrt die Freiheit zurück! Von Montag an können die Tische und Stühle vom Dance Floor entfernt werden. Phil Hagebölling, bekannt als Veranstalter des Digital Heroes Festivals in Stuttgart, findet es „echt stark, dass unser Baden-Württemberg Vorreiter ist“. Die Regierung von Winfried Kretschmann (Grüne) geht in Deutschland voran beim Retten des Clublebens, bei dem es auch ums Retten des Jungseins und des Erwachsenwerdens geht.

Bisher durfte allenfalls ein Gast auf zehn Quadratmetern einen Club besuchen, sofern die Inzidenz unter zehn liegt. Das Rechnen mit der Inzidenz ist nun vorbei. Clubs dürfen künftig Gäste ohne Kapazitätsbeschränkung auch zum Tanzen reinlassen, sofern diese geimpft, genesen oder PCR-getestet sind. Die Kosten für den 40 bis 60 Euro teuren PCR-Test müssen die Partygänger selbst übernehmen (in Deutschland sind die österreichischen PCR-Gurgeltests nicht zugelassen).

Bisher können etwa 50 Prozent der Gäste ihren Impfpass vorzeigen

Werden unter diesen Voraussetzungen die Clubs überhaupt voll? „Auf jeden Fall“, sagen die Mica-Macher. Bisher mussten sie schon am Eingang für ihre Bar, die noch kein Club sein durfte, kontrollieren, wer geimpft ist. Bisher seien bereits etwa 50 Prozent der überwiegend jungen Gäste vollständig geimpft. Diese Zahl werde nun deutlich ansteigen, erwartet man im Mica. Doch noch ist vieles unklar. „Keiner kann uns sagen, ob man beim Tanzen Maske tragen muss“, wird beklagt. Mit Spannung erwarten die Clubbetreiber die Details der neuen Corona-Verordnung am Montag.

Bisher schon gehörten Türsteher zu jeder Nachtclubpforte. Das Berufsbild wird nun erweitert. „Streng“ werde man kontrollieren, heißt es hier, „nicht nur, weil wir keinen Ärger mit den Behörden wollen, sondern auch, damit keiner krank wird und alles bei uns safe bleibt“. Der Wiener Daniel Kautschitz, das steht fest, kommt wieder ins Mica. Wenn er das nächstes Mal hier auflegt, darf endlich getanzt werden. Und dann dürfte er sich auch in Stuttgart „wie im Scharaffenland“ fühlen – und dabei die Hingabe an die Musik auch ohne Gurgeln lieben. Geimpft ist das neue Cool.




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