Manche Eltern üben mit ihren Kindern für Kompass 4, andere lehnen die Tests rundweg ab. Foto: Bert Bostelmann/KNA
Nächste Woche schreiben die Viertklässler Kompass 4. Die Tests können für die Aufnahme am Gymnasium entscheidend sein. Eltern berichten, ob und wie sie ihre Kinder vorbereiten.
Anja Chwastek sieht es locker. Die Tochter schreibt in der kommenden Woche Kompass 4. Am Mittwoch, 19. November, steht der Deutsch-Test an, einen Tag später, am Donnerstag 20. November, dann Mathe. Das Kultusministerium hatte die landesweit einheitlichen Kompetenzmessungen im vergangenen Schuljahr im Zuge der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium eingeführt. Sie sind ein Teil der neuen verbindlichen Grundschulempfehlung und können mit darüber entscheiden, ob ein Kind aufs Gymnasium gehen darf oder nicht.
Entspannt ist Anja Chwastek vor allem deshalb, „weil die Klassenlehrerin einen echt guten Job gemacht und die Kinder bestmöglich vorbereitet hat“. Zudem sei ihre Tochter eine sehr gute Schülerin. „Selbst wenn sie den Kompass-4-Test versemmelt, kann sie trotzdem aufs Gymnasium gehen“, sagt Anja Chwastek. Denn wenn die Lehrkräfte – vor allem auf Grundlage der Noten – zu der Einschätzung kommen, dass ein Kind bereit ist, den direkten Weg zum Abitur anzutreten, ist das Kompass-Ergebnis eigentlich egal.
Anja Chwasteks Tochter mache sich dennoch „den ein oder anderen Gedanken“, erzählt die Mutter aus der Region Stuttgart. „Sie möchte unbedingt aufs Gymnasium. Wir versuchen, sie zu beruhigen und sagen ihr: Du weißt, was du kannst. Mach den Test, so gut es geht.“ Aufgeregt werde ihr Kind wohl trotzdem sein, wenn es in der kommenden Woche darum gehe, die „besondere Klassenarbeit“ zu schreiben.
Aus anderen Familien habe sie aber schon mitbekommen, dass das Thema Kompass 4 in den vergangenen Wochen präsent gewesen sei. „Das hat man schon an den vielen Fragen beim Elternabend gemerkt“, sagt Anja Chwastek. Auch ihre Tochter berichte von Freundinnen, die sich selbst Druck machen würden. Die Mutter kann durchaus verstehen, dass nicht alle Familien so entspannt mit dem Thema Kompass 4 umgehen. „Manche Eltern mit einem anderen Hintergrund mussten sich sehr bemühen, um dort zu stehen, wo sie heute stehen. Sie wünschen sich für ihre Kinder einen einfacheren Weg“, sagt sie.
Auch Stefanie Thiedickes Tochter schreibt nächste Woche Kompass 4. „Wir haben geübt, jeden Tag ein bisschen“, erzählt die Mutter aus Stuttgart. In der Schule seien die Tests aus dem Vorjahr ausgeteilt worden, auch sie selbst habe diese noch einmal ausgedruckt. „Wir sind die Aufgaben durchgegangen und haben sie dann noch mal in leicht abgeänderter Form bearbeitet“, erzählt die Mutter.
So habe sich ihr Kind an die Aufgabenformate gewöhnen können. Im Vergleich zu den Kindern, die den Tests im vergangenen Jahr geschrieben haben, ohne zu wissen, was auf sie zukommt, sei das ein riesen Vorteil. „Damals waren die Kinder und die Eltern wirklich geschockt“, sagt Stefanie Thiedicke. Zudem habe die Klassenlehrerin berichtet, dass das Kultusministerium nach dem Desaster im vergangenen Jahr Kompass 4 noch einmal überarbeitet habe. „Der Test soll jetzt kürzer sein“, sagt die Mutter.
Sie sei aufgeregt, ihre Tochter sei es ebenso, berichtet Stefanie Thiedicke. Stress wolle sie ihrem Kind aber nicht machen. Schließlich sei Kompass nur ein Teil der Grundschulempfehlung, neben der pädagogischen Gesamtwürdigung der Lehrkräfte und dem Elternwillen. Ihr Motto: „Positiv denken und daran glauben, dass das Kind den Test gut schafft!“
Unterschiedliche Meinungen auf dem Instagram-Kanal StZ Familie
„Ich bin komplett unsicher, wie wir damit umgehen sollen“, schreibt hingegen eine Mutter auf dem Instagram-Kanal StZ Familie zu dem Thema und ergänzt: „Letztes Jahr ging ja zumindest der Mathe-Kompass voll in die Hose, und dieses Jahr weiß niemand, was uns erwartet.“ Sie selbst tendiere in Richtung „Ball flach halten“ und wolle ihrem Kind keine Angst machen. „Oder wäre doch üben angesagt?“, wirft sie eine Frage in den Raum, die sich viele Eltern stellen, und fügt gleich an: „Aber ist es dafür nicht schon fast zu spät?“ Ohnehin sei es so ein Krampf, die Kinder schon nach der vierten Klasse nach Gymnasium und Nicht-Gymnasium zu sortieren. In vielen anderen Ländern passiere das frühestens nach der sechsten Klasse.
Viele Kinder und auch manche Eltern empfinden Kompass 4 als Prüfung. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie
Ein anderer Elternteil schreibt auf StZ Familie: „Es hängt rein gar nichts von Kompass ab. Ich mache meinem Kind keinen Druck. Wir lernen auch nicht.“ Das Kind werde sein Bestes geben, dann schaue man, was rauskomme und überlege gemeinsam, welche weiterführende Schule die richtige ist. Dabei gehe es schließlich nicht nur um das Abschneiden bei einer einzelnen Prüfung, sondern auch um Motivation, Eigeninitiative, Berufswunsch, persönliches Lernverhalten und vieles mehr.
In einigen Kommentaren auf @stzfamilie kommt auch zum Ausdruck, dass viele Lehrkräfte mit Kompass 4 nicht glücklich sind. „Nicht nur wir Eltern, sondern auch die Pädagogen sind zwiegespalten“, schreibt eine Mutter. Die Tests seien nicht das entscheidende Kriterium für die Wahl der weiterführenden Schule. „Unsere Lehrer halten eh nicht viel von diesem Test, darum sehen wir es auch ganz entspannt“, heißt es in einem weiteren Kommentar. Und eine andere Mutter schreibt: „Ich finde Kompass 4 muss nicht sein. Gebt den Lehrern ihre Kompetenz zurück. Die wissen ganz genau, was richtig für ein Kind ist.“