Die 5641 Fans in der ausverkauften Porsche-Arena zählten am Ende des letzten Testspiels des deutschen Handball-Nationalteams die Sekunden herunter. „Drei, zwei, eins . . .“ – und ab geht’s nach Paris. Die Akteure freuten sich nach dem 35:25 nicht nur über die Ovationen des Publikums, sondern auch darüber, dass die Olympischen Spiele endlich losgehen. „Die Vorbereitung war hart“, sagte Kapitän Johannes Golla, „aber sie hat sich gelohnt: Wir sind bereit!“ Das gilt auch für Kai Häfner.
Der Linkshänder vom TVB Stuttgart verbrachte die vergangenen Wochen nicht wie die anderen Nationalspieler in der Trainingshalle, sondern im Urlaub. Er stieß erst am Samstag zum Team, weil der Leipziger Franz Semper mit Schulterproblemen pausieren musste. „Es hat mich gefreut, in der Porsche-Arena dabei zu sein“, sagte Kai Häfner nach dem Auftritt in seinem Wohnzimmer. Ob der Rückraumspieler auch noch auf den Zug nach Paris aufspringen wird, entscheidet sich an diesem Montag. Die Chancen bei Franz Semper stehen angeblich 50:50, sollte er ausfallen, würde Kai Häfner nachrücken. Für den Bundestrainer wäre das kein Problem. „Er hat in den vergangenen vier Jahren bei uns keine Maßnahme verpasst. Es gibt keinen Spieler, der unsere Taktik besser kennt“, sagte Alfred Gislason, „Kai bräuchte keinerlei Anlaufzeit. Wir müssten nur auf seine Fitness achten, es ist nicht ganz einfach, direkt aus dem Urlaub in die Halle und aufs Spielfeld zu kommen.“
Angesichts der Leistung der Mannschaft in den letzten drei Tests wäre dies aber eher eine Marginalie. Auf die starken Leistungen gegen Frankreich (35:30) und Ungarn (33:29) folgte ein aufschlussreicher Sieg gegen
Japan – dieses Team wird am zweiten Spieltag der Olympia-Hautrunde am 29. Juli erneut Gegner der Deutschen sein, dann morgens um 9 Uhr in Paris. „Diese zwei Punkte sind alles andere als sicher für uns“, meinte Alfred Gislason, „die schnellen Japaner spielen ganz anders als europäische Teams. Vor allem gegen die zweite Welle müssen wir dann besser verteidigen.“ Klar ist aber auch: Wollen die deutschen Handballer bei den Sommerspielen weit kommen, ist ein Erfolg gegen die Asiaten Pflicht. Das Duell in der Porsche-Arena nährte den Optimismus – nicht nur für das Wiedersehen mit den Japanern. Der Bundestrainer wechselte viel durch, und trotzdem überzeugte das Team in jeder Phase. Rechtsaußen Tim Hornke und Kreisläufer Justus Fischer, der gleich mehrfach geniale Anspiele von Juri Knorr verwertete, waren mit je sechs Treffern die besten Werfer, doch auch der Rest der Mannschaft zeigte Spielwitz, Tempo und – vor allem in Hälfte eins – eine gute Quote im Abschluss. „Wir haben gegen Japan wertvolle Erkenntnisse gesammelt“, erklärte Kreisläufer Johannes Golla, „dieses Video wird uns in der Vorbereitung auf das Spiel in Paris helfen.“
Davon geht auch Alfred Gislason aus, der am Ende der Trainingszeit die positive Stimmung in der Mannschaft hervorhob. Und die neue Breite im Kader. „Es gibt drei klare Favoriten auf die Medaillen“, sagte der Bundestrainer, doch hinter Frankreich, Dänemark und Schweden sei viel möglich: „Es folgen acht Nationen, die sehr eng beieinander sind. Wir haben mit Abstand den jüngsten Kader, aber wesentlich mehr Alternativen als früher.“ Ob dies im eng getakteten Olympia-Zeitplan, der jeden zweiten Tag ein Spiel vorsieht, ein Plus ist? Wird sich in Paris zeigen. „Die drei Siege zum Abschluss waren jedenfalls sehr wichtig fürs Selbstvertrauen, das hat gut getan“, sagte Torhüter Andreas Wolff. „Aber für den Ernstfall müssen wir schon noch etwas draufpacken.“