Textillaborantin Anne Reissmüller hat ihre Ausbildung bei den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung (DITF) in Denkendorf mit IHK-Auszeichnung abgeschlossen. Von der Faser bis zum Stoff hat sie zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten kennengelernt.

Was hat ein Pilz mit der Qualität eines Stoffs zu tun? Nichts, denn dahinter steckt ein phonetisches Wortspiel. „Pills“ sind kleine Gebilde von Fasern, die sich aus einer Textilfläche gelöst haben und als Knötchen noch daran hängen.

Während ihrer Ausbildung zur Textillaborantin hatte Anne Reissmüller bei den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung (DITF) in Denkendorf des Öfteren mit Pills zu tun. Je weniger Fasern aus einem Stoff ausfransen, desto haltbarer ist er, so eine vereinfachte Folgerung. „Neben der Flächenprüfung“ – dabei werden ganze Stoffstücke untersucht – „befassen wir uns auch mit einzelnen Garnen und etwa deren Reißfestigkeit oder sogar den einzelnen Fasern, aus denen ein Stoff gemacht ist“, sagt Reissmüller über die Dimensionen ihres Berufs. „Wir arbeiten an jeder Stelle der textilen Wertschöpfungskette und setzen unsere Auszubildenden in allen Bereichen von der Prüfung der Fasern bis zum Produkt ein“, erklärt Matthias Schweins, der Leiter des Dienstleistungszentrum Prüftechnologien der DITF. Diese Vielfältigkeit ist es auch, die Reissmüller begeistert: „Von der Automobilindustrie bis zur Medizin deckt meine Arbeit ein riesiges, breit gefächertes Feld ab.“ Vor ihrer Ausbildung sei ihr nicht bewusst gewesen, wo Textilien überall eine Rolle spielen. Viele Anwendungsbereiche stellen besondere Anforderungen an das verwendete Material. „Bei medizinischer Verwendung, etwa als Naht einer Wunde, müssen die Fäden flexibel sein und sich eventuell von selbst im Körper auflösen“, sagt Reissmüller. Der Stoff eines Autositzes dagegen wird ganz anders beansprucht und muss vor allem beständig sein.

Täglich neue Herausforderungen

Geprüft werden die Kriterien auf Anfrage. Entweder gibt ein externer Kunde einen Auftrag, oder Forscherinnen und Forscher der DITF geben Materialien zur Prüfung an das Labor weiter. „Die Arbeit teilt sich etwa in 50 Prozent Neues und 50 Prozent Alltägliches auf“, sagt Matthias Schweins. Wiederkehrend sind etwa Qualitätsprüfungen, individuelle Prüfungen finden dagegen beispielsweise bei Schadensfällen statt.

Je nach Auftrag prüfen Reissmüller und ihre Kollegen dann verschiedene Eigenschaften mit diversen Verfahren: Stofffasern werden mit Mikroskop und anderen Geräten getestet, und bei Flächen wird unter anderem die Haltbarkeit überprüft, indem zwei Stücke eines Stoffes von einer Maschine in kreisförmigen Bewegungen übereinander gerieben werden. „Dabei macht man verschiedene Durchläufe mit jeweils mehreren Proben, um verlässliche Daten zu erhalten“, berichtet Anne Reissmüller. Nach jedem Durchlauf werden die Proben begutachtet und die jeweiligen Werte und Auffälligkeiten protokolliert. Eine Textillaborantin braucht einen geschulten Blick und muss wissen, auf welche Merkmale es zu achten gilt, wenn Garne, Fasern oder Textilflächen per Auge geprüft werden. „Falls Fragen aufkommen, gibt es Kolleginnen mit viel Erfahrung, die gerne helfen“, sagt sie.

Ausgezeichnet und begeistert

Bei anderen Prüfverfahren kann das Gerät automatisiert Ergebnisse ermitteln, etwa wie viel Kraft ein Garn aushält, bevor es reißt. „Viele Aufgabenstellungen sind nicht alltäglich und man muss immer wieder Lösungen für neue Probleme entwickeln“, sagt Reissmüller und drückt so die Faszination aus, die ihr Beruf auf sie ausübt.

Ihr Interesse für Stoffe hatte sie jedoch schon zuvor entdeckt, als sie Modedesign in einer schulischen Ausbildung lernte. „Alles, was mit handwerklicher Arbeit zu tun hatte, hat mir dabei am besten gefallen“, sagt die 28-Jährige. Eine Freundin habe sie dann auf den Ausbildungsplatz bei den DITF hingewiesen. Die Zeit dort hat die junge Frau offensichtlich in dieser Entscheidung bestätigt. Auch für die Forschungsinstitute hat sich die Zusammenarbeit ausgezahlt, wie Matthias Schweins sagt: „Anne ist als hochbegabte und sehr interessierte Auszubildende aufgefallen, ihre Noten sprechen ja für sich.“ Denn von der Industrie- und Handelskammer (IHK) wurde sie bei der Bestenehrung ausgezeichnet. Unter insgesamt 1952 Prüflingen im Kreis Esslingen war sie unter den besten 4,5 Prozent und schaffte es außerdem in den Kreis der Landesbesten.