Textilindustrie in Asien Was können die Verbraucher tun?

Wirtschaft: Thomas Thieme (tht)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Die Verbraucher: Ein Boykott von Produkten einer bestimmten Marke in den westlichen Fußgängerzonen bringt den Näherinnen in den asiatischen Textilfabriken nichts, da sind sich die meisten Experten einig. Ganz im Gegenteil: bleiben die Aufträge aus, verlieren die Arbeiterinnen ihre Jobs und können ihre Familien nicht mehr versorgen, die Kinder nicht mehr zur Schule schicken. „Priorität muss es sein, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, und nicht den Leuten die Arbeit zu nehmen“, sagt Manfred Santen von Greenpeace. „Am meisten ist den Menschen vor Ort geholfen, wenn die Firmen, die dort produzieren, sauber werden.“ Der Chemieexperte der Umweltschutzorganisation spart allerdings nicht mit Kritik an der Entwicklung in der Branche: „Die Textilindustrie vagabundiert. Jetzt treibt sie ihr Unwesen in Asien und irgendwann zieht sie womöglich nach Afrika weiter.“

Größeren Einfluss auf die Handelskonzerne als eine bewusste Kauf- oder eben Kaufverzichtsentscheidung räumt CCC-Experte Hinzmann der „Bekundung des politischen Willens von Verbrauchern“ ein: „Die von weltweit mehr als einer Million Menschen unterzeichnete Protestpetition für die Brandschutzverordnung entfaltet einen enormen Druck auf die Politik, die Rahmenbedingungen zu verändern“, sagt er. Der Anspruch der Verbraucher sei, dass mehr Transparenzpflichten für Unternehmen eingeführt werden und die Sorgfaltspflichten innerhalb der gesamten Zulieferketten eingehalten würden.

Kunden sollten sich fragen, wie viele neue Kleider sie brauchen

Bevor sich Verbraucher damit beschäftigen, wo sie ihre Kleidung einkaufen, sollten sie sich nach Meinung von Sabine Ferenschild fragen, wie viel sie überhaupt brauchen. Die Südwind-Vertreterin ist allerdings überzeugt, dass Konsumenten ihre Macht auch ausüben können, wenn sie weiterhin bei den großen Handelsketten einkaufen. Sie müssten ihr Bewusstsein für die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern nur mit in den Laden hineinnehmen und dort Rechenschaft einfordern: „Die Kunden müssen in einigen Monaten bei den Unternehmen nachfragen, die das Bangladesch-Abkommen unterzeichnet haben, wie weit sie gekommen sind, wie viel Geld sie hineingesteckt haben und wie es bei den Sicherheitsschulungen in den Fabriken vorangeht.“

Die Vorbilder: Ein Name, der immer wieder fällt, wenn es um eine kontinuierliche erfolgreiche Verbesserung der Arbeitsbedingungen geht, ist die Fair Wear Foundation (Organisation für faire Kleidung). An der Initiative mit Sitz in Amsterdam sind mehr als 100 Unternehmen beteiligt, die in Staaten wie Bangladesch, Indien, China oder der Türkei produzieren lassen.

Die Mitglieder verpflichten sich zu unabhängigen Überprüfungen der Produktionsstätten und zur Einführung von existenzsichernden Löhnen. Aus Deutschland sind etwa die Outdoor-Hersteller Deuter, Vaude und Jack Wolfskin sowie der Naturmodehersteller Hessnatur in der Non-Profit-Organisation vertreten. „Initiativen wie die Fair Wear Foundation sind ein Vorbild, aber kein Persilschein“, sagt Berndt Hinzmann, der jedoch den auf die gesamte Lieferkette ausgelegten Ansatz begrüßt.

Kleine Öko-Labels bürgen für die gesamte Lieferkette

Manfred Santen von Greenpeace verweist auf eine Reihe kleiner Ökolabels, bei denen man den Herstellungsprozess bis zu den Baumwollfeldern zurückverfolgen kann. „Bei den großen Textil- und Sportartikelherstellern ist so etwas bis jetzt nicht üblich“, sagt er. Als Nachweise für ökologisch nachhaltige Produktion empfiehlt Sabine Ferenschild das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard) und das IVN-Best-Siegel vom Internationalen Verband der Naturtextilindustrie. Beide stehen für Kleidung aus Naturfasern, die nach maximalen ökologischen Standards hergestellt sind.

„Es ist extrem schwierig zu überblicken, was hinter vielen Qualitätszeichen steckt“, sagt Christian Scheper von der Universität Duisburg-Essen. Oft würden Labels nur auf Momentaufnahmen basieren und daher nicht wirklich zuverlässig sein. Ein Anhaltspunkt bei der Suche im unübersichtlichen Dschungel von Gütesiegeln kann die Transparenz sein: „Die Verbraucher sollten darauf achten, wie viel ein Unternehmen von sich preisgibt, ob es sich beispielsweise von unabhängigen Organisationen überprüfen lässt oder die Inspektionen selber macht“, erklärt der Wissenschaftler.

Unsere Empfehlung für Sie