Textilproduktion leidet unter Corona Die Schattenseiten von Fast Fashion
In der Corona-Krise haben Modeketten ihre Lieferanten in armen Ländern im Stich gelassen. Die Empörung war groß – Zweifel am System mehren sich.
In der Corona-Krise haben Modeketten ihre Lieferanten in armen Ländern im Stich gelassen. Die Empörung war groß – Zweifel am System mehren sich.
Stuttgart - Seit einigen Wochen produziert jede zweite Textilfabrik in Bangladesch wieder, aber unter Corona-Bedingungen nur mit halber Kraft und halber Auslastung. Wird bald alles so wie früher sein? Wird die Lieferkette wieder fest geschlossen, mit starken Modemarken auf der Einkaufsseite und weltweit 60 Millionen Näherinnen und Nähern auf der anderen Seite in auf den Textilexport fixierten Ländern wie Bangladesch, Indien, Vietnam und China, dem weltweit stärksten Textilexporteur?
Die Modewelt dreht sich immer schneller, bis zu zwölf Kollektionen im Jahr wirft ein Modehaus wie Zara auf den Markt – Fast Fashion heißt das. Die globale produzierte Zahl von Kleidungsstücken hat sich allein von 2000 bis 2015 von 50 Milliarden auf 100 Milliarden erhöht. Ist Kleidung zur Wegwerfware geworden?
„Wir müssen raus aus dem Hamsterrad. Die Coronakrise war ein Weckruf. Sie hat gezeigt, dass es so nicht weiter gehen kann. Man darf nicht die gesamte Verantwortung auf die Lieferanten schieben“, sagt Gisela Burckhardt von der Organisation Femnet, die nach der Katastrophe in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch 2015 das Buch „Todschick“ geschrieben hat. Damals standen die Modekonzerne am Pranger – und dies ist wegen Corona nun wieder der Fall.International hat es Empörung ausgelöst, dass im März zu Beginn der Krise weltweit Aufträge storniert oder bestellte Ware nicht abgenommen worden ist. Laut Internationaler Arbeitsorganisation haben Modeketten und Einzelhändler allein in Bangladesch Bestellungen im Gesamtwert von 3,15 Milliarden US-Dollar storniert oder zurückgestellt, wovon 1136 Fabriken betroffen gewesen seien. Nach einer Studie des Zentrums für weltweite Arbeitsrechte (CGWR) wurde die Liste der größten Auftragsstornierungen bis Mitte März von Primark mit 273 Millionen sowie C&A mit 166 Millionen US-Dollar angeführt, aber auch Inditex, zu der Zara gehört, und H&M stornierten. Millionen von Textilarbeitern in Bangladesch mit Mindestlöhnen von umgerechnet 80 Euro, die mit Zuschlägen auf 110 bis 120 Euro kamen, standen plötzlich ohne Einkünfte da.
Nach Ansicht von Gisela Burckhardt gehört das System auf den Prüfstand. Sie sieht Anzeichen dafür, dass dies bei den Konsumenten verstanden wird. Schon die Fridays-For-Future-Bewegung hat eine Nachhaltigkeitsdebatte ausgelöst – auch im Kleidersektor. Im Corona-Lockdown misteten nun viele Bürger ihre Schränke aus, fragten sich, ob sie wirklich so viel Kleidung benötigen: „Früher bin ich jeden Samstag zum Shoppen ins Zara, im Lockdown habe ich den Kleiderkreisel entdeckt, eine Secondhand-Plattform für Mode“, sagt die 17-jährige Gymnasiastin Tatjana L. aus Stuttgart. Auch Modehäuser denken um. Das sei doch interessant, sagt Gisela Burckhardt, dass Georgio Armani, „das Tempo herunterschalten“ und nur noch zwei Kollektionen im Jahr herausbringen wolle. „Das Ziel muss sein: Weniger produzieren, dafür qualitativ hochwertige Ware und ein höheres Gehalt für Arbeiter“, sagt Burckhardt. Die Arbeitszeit müsse runter, „die arbeiten in Bangladesch mitunter täglich zehn bis zwölf Stunden und das sechs bis sieben Tage in der Woche. Das ist unmenschlich.“
Eine gewisse Zerknirschtheit ist sogar bei den Modeketten spürbar. Auf Anfrage erklärt Primark sein Verhalten im März: „Es handelte sich um eine nie dagewesene und sich schnell verändernde Situation. Wir konnten nicht vorhersehen, dass binnen zwölf Tagen alle unsere Geschäfte in allen Ländern, in denen wir tätig sind, schließen müssen“, so eine Sprecherin. Das habe zu einem Umsatzverlust von 650 Millionen britischen Pfund pro Monat geführt. Da habe man rasch „sehr schwierige Entscheidungen treffen“ müssen, sei aber ständig im Kontakt mit den Zulieferern gewesen und habe Hunderte von Einzelgesprächen geführt. Nach der „anfänglichen Stornierung von Aufträgen“ habe man „Möglichkeiten zur Abmilderung der Folgen“ gefunden, man habe zusätzlich Ware für 370 Millionen Pfund bestellt. Auch habe man einen Hilfsfonds für Beschäftigte in sieben Ländern gegründet und unterstütze den Covid-Aktionsplan der Globalen Textilindustrie. Dass unverkaufte Frühjahrsmode verbrannt oder geschreddert wird, dementieren sowohl Primark als auch H&M. Man verkaufe sie mit Rabatten, lagere sie ein oder gehe damit auf „andere“ Märkte. Eine Sprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie, die rund 135 000 Menschen beschäftigt, sagt, dass die jetzige Lage von allen Beteiligten in der Lieferkette „partnerschaftliches Vorgehen“ verlange. Branchenkenner meinen, dass die Krise einen überfälligen Prozess im Textilsektor beschleunigt habe: Unternehmen mit hoher Kundenbindung erholten sich schneller, sowohl online als auch im stationären Handel. Eine geringere Lagerhaltung und mehr Bestellungen nach Kundenwunsch seien zukunftsfähig. Ein Insider: „Statt immer schnellere Kollektionen wird es mehr Produktion nach Bedarf geben. Fast Fashion wird an Grenzen stoßen.“
Letzte Woche hat der Freistaat Bayern beschlossen, für seine Unternehmen nur noch Textilien aus nachhaltiger Produktion mit Siegeln wie dem „Grünen Knopf“ zu kaufen: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller lobt den Schritt: „Nur so kommt unsere Solidarität bei den Menschen an, die sie dringend benötigen: die Näherinnen und Färber in den Produktionsländern unserer Textilien.“