Die Roboterjournalisten sind längst unter uns – und sie könnten eine halbe Zeitung vollschreiben. Ein Stuttgarter Unternehmen ist in diesem Geschäft ganz vorne mit dabei.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Vor Jahren stand Saim Alkan mit dem Rücken zur Wand. Sein Geschäftsmodell funktionierte nicht mehr. Die von ihm gegründete Stuttgarter Agentur Aexea lieferte Texte nach Auftrag – für Websites, Kataloge und Onlineshops. Das Problem: die Kunden zahlten immer weniger. Der Agenturgründer hatte die Wahl, die Firma entweder abzuwickeln oder sich etwas Neues zu überlegen.

Saim Alkan überlegte sich etwas Neues: Seine Agentur würde weiterhin Texte schreiben. Diese Arbeit sollte aber fortan ein Computer übernehmen, schneller und günstiger als alle anderen. Die alten und dazu viele neue Mitarbeiter – Programmierer, Sprachwissenschaftler, Computerlinguisten – entwickelten eine Software, die aus Daten Text generiert. Routineaufgaben wie den Wetterbericht, Sport-Ergebnismeldungen, Terminvorschauen, Bilanz- oder Börsenberichte kann der Computer schneller und fehlerfreier erledigen als Menschen, so Alkans Argument.

Viele testen es, keiner redet darüber

In vielen großen deutschen Verlagshäusern habe er bereits vorgesprochen, so der Stuttgarter Unternehmer. Alle würden seine Software gerade testen. „Nur darüber reden will keiner“, sagt der 45-jährige. Roboterjournalismus, wie Alkan die Erzeugnisse seiner Textmaschinen nennt, ist nichts, womit sich Zeitungstitel schmücken. Solange die Verlage seine Roboter trotzdem für sich arbeiten lassen, kann das Alkan herzlich egal sein. Die Stuttgarter Zeitung, das in eigener Sache, lässt keine Texte von Robotern schreiben.

Der Roboterjournalist made in Stuttgart kann immer dann zum Einsatz kommen, wenn Texte anhand von Daten erstellt werden sollen. Die Software zieht sich ihre Informationen aus Datenbanken und wandelt die Daten dann nach festgelegten Mustern in Text um. Die Programmierer können etwa bestimmen, wie der Text aufgebaut sein soll oder ob Bilder, Tweets und andere Zusatzinfos dazukommen.

Wenn etwa der VfB Stuttgart am Samstag gegen Freiburg gewinnt, könnte der Roboter den Spielverlauf anhand der Statistik wiedergeben – Torschüsse, Tore, Ballbesitz, Fouls und ähnliches. Er könnte Bilder vom Spiel oder die bei Nutzern sehr beliebten Twitter-Einschätzungen einbauen und hinzufügen, dass dies erst der siebte Saisonsieg der Stuttgarter war. Außerdem natürlich, wie die Konkurrenz im Abstiegskampf gespielt hat und wie die Chancen für die Partie auf Schalke am folgenden Wochenende stehen. „Wenn der Roboter weiß, dass ich Fan von Martin Harnik bin, könnte er in seinem Bericht sogar einen Schwerpunkt auf diesen Spieler legen“, sagt der Aexea-Chef.

Die Hälfte aller Inhalte könnte vom Roboter kommen

Über die Jahre wurde aus der Stuttgarter Textschmiede ein Softwarehaus mit 42 Mitarbeitern, ein Pionier auf einem weltweiten Markt. Vergangene Woche verkündete Alkan, sein Unternehmen wolle werde der größte Contentlieferant der Welt werden. Aexea baut künftig nicht mehr nur im Kundenauftrag Software, die eine bestimmte Art von Texten liefert. Die Firma verkauft jetzt auch den Zugang zu einer Software, mit der Kunden beliebig viele solcher Textroboter bauen können – für Nachrichtenseiten, Hotelportale, Onlineshops, Staumelder. Sogar der Tonfall der Geschichten lasse sich einstellen, erklärt Alkan: hochseriös für Finanznachrichten, reißerisch für News vom Boulevard.

Mit diesem Schritt treibt Aexea das in der Branche seit Jahren diskutierte Thema Roboterjournalismus voran. Ein viel zitiertes Beispiel sind die automatisch erstellten Online-Erdbebenberichte der kalifornischen „Los Angeles Times“, ein anderes die von einem Roboter anhand von Kennzahlen geschriebenen Geschäftsberichte der Nachrichtenagentur AP. Die Terminvorschauen der Sportagentur SID schreibt bereits eine Software. Der Lieferant: Aexea.

Tausende Artikel in 32 Sprachen

Weltweit gibt es nur eine Handvoll Anbieter für Roboterjournalismus oder – allgemeiner – für automatisierte Texterstellung: die französische Firma Yseop etwa oder die US-Unternehmen Narrative Science und Automated Insights. Letztere wurde im Februar für 80 Millionen Dollar verkauft. Von solchen Beträgen kann Saim Alkan nur träumen. Er sei froh, ein Investment im niedrigen zweistelligen Millionenbereich in Aussicht zu haben.

Was den Unternehmer nicht davon abhält, lautstark die Werbetrommel zu rühren: „Die Hälfte aller Inhalte in Ihrer Zeitung könnte auch unser Roboter schreiben“, sagte er vergangene Woche bei der Fachtagung „Frankfurter Tag des Onlinejournalismus“. Sein Computer mache keine Fehler, schreibe in kürzester Zeit Tausende von Artikeln, könne diese auf einzelne Leser zuschneiden und sie in aktuell 13, künftig 32 Sprachen ausliefern. So könnte etwa in der Schweiz jeder Nutzer in seiner bevorzugten Sprache einen auf seinen Wohnort zugeschnittenen Wetterbericht inklusive Pollen-Vorhersage bekommen.

In der Nacht scheint selten die Sonne

Alkan blickte bei seinem Frankfurter Vortrag in überraschte und ratlose Gesichter: Klar, dass Verlagsmanager einem Unternehmen wie Aexea in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein offenes Ohr schenken. Auch wenn er das dann nicht zu entscheiden hätte: Saim Alkan beschwichtigt fast routinemäßig, dass seine Software in den Redaktionen nicht zum Jobkiller werde. Im Gegenteil. Journalisten würden von Routineaufgaben entlastet und könnten sich auf das konzentrieren, was Computer (noch) nicht leisten: mit Menschen sprechen, hinter die Fassade blicken, Fakten einordnen, eine Meinung haben.

Man teile ja ein gemeinsames Interesse: dass nicht mehr wie am 28. Oktober 2013 in einer Zeitung in Nordrhein-Westfalen der Wetterbericht ankündigt, „in der Nacht scheint nur selten die Sonne“. Seinem Roboterjournalisten, sagt Alkan, wäre dieser Fehler nicht passiert.