Thaddäus Troll Ein schwäbischer Intellektueller

Von Werner Birkenmaier 

Der Journalist Jörg Bischoff hat eine gut recherchierte und reich bebilderte Biografie des bis heute viel geliebten Schriftstellers Thaddäus Troll geschrieben. Rezensent Werner Birkenmaier ist zufrieden.

Hans Bayer (1914-1980) ist als Thaddäus Troll unvergessen. Foto: Zweygarth
Hans Bayer (1914-1980) ist als Thaddäus Troll unvergessen. Foto: Zweygarth

Stuttgart - Wir kennen keine Umfragen, und wahrscheinlich gibt es gar keine, vermuten aber, dass viele ältere Baden-Württemberger den Namen Thaddäus Troll kennen und ihn mit seinem Erfolgsbuch „Deutschland deine Schwaben“ verbinden. Im nächsten Jahr würde Troll hundert Jahre alt, und aus diesem Anlass hat ihm der Journalist und frühere ­StZ-Redakteur Jörg Bischoff eine ­Biografie gewidmet. Es ist ein Buch voller Überraschungen. Der Leser, der den Namen Troll mit Berufsschwabentum verbindet, erfährt, dass der Autor genau dies nie und nimmer anstrebte. Das Volkstümliche war ihm zu nah am Blut-und-Boden-Denken des Hitler-Reiches. Ohnehin sah sich der junge Journalist und Satiriker in der Rolle des „Linksintellektuellen“, ein Begriff, von dem er sagte, man müsse ihn wie einen Orden tragen.

Den politischen Roman schrieb er nie

Weil er als Angehöriger einer Propaganda-Kompanie sich im Krieg antisemitische Ausfälle geleistet hatte – für die er sich später „abgrundtief“ schämte – verharrte er zunächst im Unpolitischen. Zwar versuchte er zeitlebens, einen politischen Roman zu schreiben, hatte aber wohl, wie er einmal auf gut Schwäbisch sagte, „keine Kuddel“ dafür. So widmete er sich der kleinen Form, dem humorvollen Feuilleton. Bischoff merkt dazu an, das Satirisch-Kabarettistische sei Trolls Art von Vergangenheitsbewältigung gewesen. In diesem Zusammenhang zitiert er auch einen erhellenden Satz Trolls: „Der Humorist hat Angst vor allem Möglichen.“ Der Spaß ist, wie man auch von anderen Humoristen weiß, meist teuer erkauft. Troll war keine heitere Seele, sein Urgrund eher düster. Dazu trug seine Veranlagung zu Depressionen bei, die so schlimm wurden, dass er sich 1980 in Stuttgart das Leben nahm.

Eigentlich hießt Troll Hans Bayer

Zwar wurde Troll, der eigentlich Hans Bayer hieß, mit seinen Satiren bekannt, viel Geld verdiente er aber damit nicht. ­Zeitweilig arbeitete er als Kulturkorrespondent für den „Spiegel“, doch an dessen sprachliche Vorgaben konnte er sich nur schwer gewöhnen. Dieses Korsett war ihm zu eng, und zudem stritt man sich über Honorare. Den Umschwung in Trolls Leben bewirkte 1966 der Verleger Albrecht Knaus von Hoffmann und Campe. Der Verlag hatte eine Serie gestartet über die deutschen Volksstämme. Den Vorschlag, über die Schwaben zu schreiben, lehnte Troll zunächst entrüstet ab: „Ich bin doch kein Heimatschriftsteller!“ Aber dann prüfte der gebürtige Cannstatter seine „schwäbische Seele“ (so der Untertitel des Buches) und sagte zu.

In dem Spiegel, den Troll seinen Schwaben vorhielt, wirkten diese in gewisser Weise modern. Zwar registrierte Troll „das Bäuerliche im Schwaben“ als dessen Ursprung, sah es aber nicht mehr als dominant an. Man lebte längst in einer Welt der Technik, zu der erfindungsreiche Schwaben viel beigetragen hatten. In seinem Buch folgte Troll einem gemäßigten Dialekt und erhob sich damit über den Dauerstreit über die schwäbische Phonetik, wie er unter Lokalpatrioten immer noch geführt wird. Jedenfalls war das Buch ein so überraschender Erfolg, dass der Verlag mit dem Drucken nicht mehr nachkam. Es war, schreibt Bischoff, eine Wiedererweckung der Regionalkultur. „Jetzt kann man sich als Schwabe wieder sehen lassen“, schrieb ein Leser.

„Deutschland deine Schwaben“

Fortan war Troll auf das Schwäbische festgelegt. Er schrieb Bücher wie „Kochen mit Thaddäus Troll“, was aber nicht nur ein schwäbisches Kochbuch war, sondern auch Trolls Neigung zur internationalen Küche bewies. Er schrieb ein Buch über die „schwäbische Schimpfwörterei“, in der er eine andere Form der schwäbischen Lyrik sah. Molieres „Der Geizige“ arbeitete er zu dem Schwabendrama „Entaklemmer“ um, das im Württembergischen Staatstheater 50 ausverkaufte Vorstellungen erlebte.

Der finanzielle Erfolg erlaubte es Troll, sich als Funktionär in Schriftstellerverbänden zu betätigen und sich auch politisch zu engagieren. Wie Heinrich Böll und Günter Grass schloss er sich der SPD-Wählerinitiative an und warb für Willy Brandt. Troll stellte sich an die Seite der rebellierenden Jugend und setzte sich zusammen mit Heinrich Böll für Toleranz ein. Das trug ihm den Vorwurf ein, ein „RAF-Sympathisant“ zu sein. Da er Meinungsfreiheit über alles schätzte, empfand er das wohl eher als Auszeichnung. Die gut recherchierte und reich bebilderte Biografie bietet das Bild eines schwäbischen Intellektuellen, der mehr war als nur ein Schwabe.

Jörg Bischoff: Thaddäus Troll.
Eine schwäbische Seele. Silberburg-Verlag, Tübingen, 304 Seiten. 24,90 Euro