The Black Keys Das neue Album „Let’s Rock“ ist da

Von Björn Springorum 

Die Black Keys waren kurz davor, den Spaß an der Musik zu verlieren. Sie nahmen sich fünf Jahre Zeit – bis sie sich sicher waren, ihn wiedergefunden zu haben. Jetzt haben sie ihn auf ihr neues Album „Let’s Rock“ gepackt und ein archetypisches Nashville-Rock-Werk fabriziert.

Dan Auerbach (re.) und Patrick Carney bilden The Black Keys – hier beim Coachella Music and Arts Festival 2011 Foto: dpa
Dan Auerbach (re.) und Patrick Carney bilden The Black Keys – hier beim Coachella Music and Arts Festival 2011 Foto: dpa

Nashville - Die achte Straße führt von Süden direkt auf die Skyline von Nashville zu. Hinter einem schwarzen, unscheinbaren Gebäude mit der Hausnummer 918 verbirgt sich einer der wichtigsten Orte aus Nashvilles musikalischer Gegenwart: das Easy Eye Sound Studio. Hier hat sich Dan Auerbach, eine Hälfte der Black Keys, das Aufnahmestudio seiner Träume eingerichtet. Von außen nicht einsehbar, von innen ein schummriges Gebäudeensemble, so vollgestopft mit seltenen Gitarren, Verstärkern und sonstigem Equipment, dass man es leicht mit einem Museum verwechseln könnte. Dafür, dass hier eine Rockband von Weltrang zu Hause ist, ist es angenehm chaotisch und unterscheidet sich allerhöchstens bei der Größe und dem Gegenwert der Instrumente von DIY-Bands. Doch am Ende sind die Black Keys eben immer genau das geblieben – eine DIY-Band, die alle Fäden selbst in der Hand hält. Daran ändern auch zahlreiche Grammys und Nummer-eins-Hits nichts.

Dank einer sorgsam kuratierten Hausband aus alten Nashville-Veteranen stattet Dan Auerbach die Künstler seines Labels Easy Eye hier mit einem umwerfenden Sound aus, als Produzent ist er unter anderem für den kratzigen, leiernden Klang von Lana del Reys „Ultraviolence“ verantwortlich. Auch solo ist Auerbach längst eine Hausnummer: 2017 veröffentlichte er mit hochkarätigen Gästen sein leichtfüßiges Folk-Album „Waiting On A Song“. Zwischen 2002 und 2014 waren es aber die Black Keys, in die er seine ganze kreative Kraft legte. Acht Alben später war aus den Black Keys eine der größten Rockbands des Landes geworden. Millionen verkaufter Tonträger, lange Tourneen, Grammys und zahlreiche weitere Ehrungen – Dan Auerbach und sein Bandkollege und ältester Freund, der Schlagzeuger Patrick Carney, waren ganz oben angekommen.

2014 stellten Auerbach und Carney fest: Der Spaß war weg, die Band war zum Unternehmen geworden

Und fühlten sich dennoch nicht wohl. Auf der Europatournee zu ihrem damals neuen Album „Turn Blue“ stellten sie voller Schrecken fest, dass ihre Band, die ihnen immer so viel Spaß gemacht hatte, zu einem Unternehmen geworden war. Spaß war zweitrangig geworden. Die Notbremse zu ziehen und gleich eine mehrjährige Pause einzulegen, war die einzige Option, wenn auch aus musikwirtschaftlicher Sicht eine richtig schlechte. „Ich schlug Millionen Dollar aus“, meint ein sehr lakonischer Dan Auerbach beim Interview in Nashville. Draußen ist es glühend heiß, im gemütlichen Aufenthaltsraum seines Studios surrt der Kühlschrank. Eiswürfel klirren im Glas, es ist schummrig, die Klimaanlage läuft. „Und nicht nur das: Ich wusste, dass das, was ich machen wollte, weitere Hunderttausende kosten würde.“

Das Geld floss in den Kauf, Ausbau und Aufbau seines Studios. Und damit indirekt auch in den Fortbestand der Black Keys. „Eines Tages nahm ich Glen Schwartz auf, einen Gitarristen aus Cleveland, der mich in meiner Jugend mehr geprägt hat als jeder andere. Wenn Glen spielte, hörte ich immer unsere alten Sachen heraus, so sehr hat er mich beeinflusst. Als ich mit ihm arbeitete, spürte ich plötzlich, dass ich wieder ein Black-Keys-Album machen wollte. Nein, musste.“ Schwartz selbst erlebt die Veröffentlichung von „Let’s Go“ nicht mehr. Er verstirbt am 2. November 2018, das Album ist ihm gewidmet. „Das war das einzig Richtige“, meint Auerbach leise. „Er war da, als ich ihn brauchte.“

Beide Musiker haben die Auszeit genutzt

Die Jahre, in denen seine Band auf Eis lag wie der Drink in seiner Hand verstrichen dennoch nicht ungenutzt. Sowohl er als auch Patrick Carney verlustierten sich in diversen Projekten und Kollaborationen, ganz nebenbei lernte Auerbach endlich mal die Stadt und ihre musikalischen Bewohner kennen. „Mal nicht auf Tournee zu sein, gab mir endlich die Möglichkeit, all diese unglaublichen Musikerinnen und Musiker hier in Nashville kennenzulernen“, so der frischgebackene 40-Jährige. „Endlich verbrachte ich mal Zeit in der Stadt, in der ich seit Jahren lebte, die ich aber gar nicht wirklich kannte.“

Er dürfte schnell festgestellt haben, was er alles verpasst hatte, während er sich auf den Erfolg seiner eigenen Band konzentriert hatte. Nashville ist immer noch die „Music City“ Amerikas, am Broadway reiht sich Liveklub an Liveklub. Musik ist hier Währung und Lebensgefühl in Personalunion, vereint von Südstaaten-Lässigkeit und dem Duft von Hot Chicken. „Ich war schon als Kind oft in der Stadt“, erinnert sich Auerbach. „Mein Vater war Antiquitätenhändler, und ich begleitete ihn oft auf seinen Reisen. In Nashville sahen wir uns immer Konzerte im Robert’s an.“ Robert’s Western World ist der wohl ikonischste Honky-Tonk-Schuppen in Downtown Nashville, in dem so gut wie jede Country-Ikone Station gemacht hat: ein kleiner, überwältigender Ort, aus dem Musikgeschichte suppt. „Später“, fährt er fort, „genoss ich jeden Tourstopp, den wir mit den Black Keys in Nashville hatten. Und irgendwann war mir klar, dass es für mich nur einen Ort zum Leben geben konnte.“

Das neue Album klingt konzentrierter, reduzierter – und fast ein bisschen anachronistisch

Den hat er sich jetzt gleich ganz zu eigen gemacht. Die besten Musiker der Stadt gehen ein und aus bei ihm, er lernte viel über sich, über die Black Keys, über das Leben. „Diese Pause hat mich verändert“, sagt er. Sein Kumpel Patrick Carney zog mit. Die beiden gibt es in Sachen Band eh nur im Doppelpack. Keine Egos, keine Alleingänge. „Als wir uns nach all den Jahren wieder im Studio trafen, war es so, als hätten wir erst gestern aufgehört, Musik zu machen. Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber wir sind Freunde, seit wir Kinder sind.“

Die Pause hat der Band gut getan. Auf „Let’s Rock“ lassen sich die beiden von nichts ablenken. Weniger Ausschmückung, weniger Staffage, weniger Protagonisten. Gesang, Gitarre, Schlagzeug, kurze, knackige Rock-Songs zwischen Blues, Garage und Indie. Ziemlich anachronistisch. „Dieses Album ist das Gegenteil von dem, was alle tun“, nickt Auerbach. Es ist ihm anzumerken, dass ihm das gefällt. „Keine Keyboards, keine Synthesizer. Ob wir das bewusst gemacht haben?“ Er überlegt kurz. „Keine Ahnung. Aber es war das Richtige.“ Selbstbewusst ist Auerbach auch nach all den langen Jahren, in denen er mit den Black Keys von der Bildfläche verschwunden war. Erfolg ist nicht mehr so wichtig, wie er den beiden mal war. Oder zumindest bedeutet er heute etwas anderes. „Pat und ich in einem Raum an unseren Instrumenten, darum geht es. Wenn wir dann noch ein Album machen, das uns beiden gefällt, dann ist das ein Erfolg. Der Rest wird sich zeigen.“ Dann steht er auf. „Bock, mal ein paar Gitarren anzuschauen?“ Was für eine Frage!

The Black Keys: Let’s Rock (Nonesuch)