12000 Zuschauer sind am Sonntagabend in die ausverkaufte Schleyerhalle gekommen, um das Konzert der britischen Indieband zu erleben.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Stuttgart - Fast zweieinhalb Stunden ist das Konzert am Sonntag schon alt, da intoniert die Band ihr Stück „Friday I’m in Love“. Gleich nach den ersten Tönen brandet ein Riesenapplaus auf. Die Vorschusslorbeeren tönen lauter als bei jedem anderen der dreißig an diesem Abend präsentierten Songs – und das an diesem an Applaus wahrlich nicht armen Abend in der mit 12 000 Zuschauern erwartungsgemäß ausverkauften Arena.

Warum so viel Jubel gerade über dieses Lied? Über die zweite Singleauskoppelung des neunten von dreizehn Alben dieser Band, das dreizehn Jahre nach dem ersten und sechzehn Jahre vor dem bis dato letzten Album erschienen ist und mithin vierundzwanzig Jahre alt ist?

Einerseits mag das ein Rätsel sein, hat The Cure doch auch jede Menge anderer großer Hits im Gepäck. Andererseits kommt noch ein zweites Rätsel hinzu, denn wie bei kaum einer anderen Band hat jeder (und ganz besonders vermutlich jeder Konzertbesucher) seine persönlichen Favoriten unter den Cure-Songs, bei denen wiederum – auch das außergewöhnlich – völlig egal ist, ob ihnen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kommerzieller Erfolg beschieden war oder nicht. Die Frage, welche Lieder dieser Band man ganz besonders mag, ist bei The Cure wesentlich von der Sozialisation der Zuhörer abhängig, von Musikszenen, denen man sich einmal zugeneigt fühlte, von künstlerischen Stilen, die man geschätzt hat, und von gewiss vielen Jugenderinnerungen, die mit bestimmten Cure-Songs für ewig ins Gedächtnis gebrannt sind. Der eine Besucher hätte in der Schleyerhalle vielleicht gerne „Plastic Passion“ und „Jumping Someone Elses Train“ gehört, der andere „10.15 Saturday Night“ und „Siamese Twins“.

Alles auf einmal geht nicht

Alles geht aber nicht, selbst bei dreißig gebotenen Stücken in ausufernden, aber dennoch wie im Flug vergehenden zwei Stunden und vierzig Minuten Konzertdauer. Und so hat sich die Band zwei bemerkenswerte Strategien zurecht gelegt.

Die eine besteht darin, die Setlist um ein Grundkorsett herum allabendlich zu variieren. „Shake Dog Shake“ oder „One Hundred Years“ etwa, zwei große Nummern, wurden auf der Tournee, auch beim vorangegangenen Konzert am Freitag in Basel, schon häufig gespielt, in Stuttgart jedoch nicht; wie umgekehrt in der Schweiz „The Lovecats“ und „Let’s Go To Bed“ nicht auf der Liste standen. Und damit zur zweiten Strategie, der speziellen Konzeption des Stuttgarter Konzerts, das wirklich clever angelegt ist. Die beiden eben genannten Songs leiten nämlich den poppigen Endspurt ein, der mit dem eingangs erwähnten „Friday I’m In Love“, „Boys Don’t Cry“ und „Close To Me“ fortgesetzt wird, ehe zum Grande Finale der poppigste aller Cure-Popsongs erklingt, „Why Can’t I Be You?“.

Das Ganze ist ein grandioses Finish, sechs Riesenhits aneinandergereiht, wuchtig, bombig, famos. Umgekehrt gibt es einige große Verehrer dieser Band, die ihr gerade diese poppigen Nummern fast schon übel nehmen. Die Übelnehmer hingegen werden im mittleren Teil des Konzerts bestens bedient. Da gibt es Stücke wie „Primary“, „A Forest“ und „Disintegration“: Cure-Klassiker, die den Weltschmerz atmen, die für jene Bandphasen stehen, die früher Indie und Wave hießen und heute Gothic oder Alternative genannt werden – quasi die „schwarze Periode“ der Klangmaler. Im ersten Drittel des Konzerts wiederum findet sich das bei The Cure zu Songs geronnene Beste aus beiden Welten, „A Night Like This“ oder „In Between Days“.

Wobei die Unterteilung in Drittel künstlerischer Natur ist. Organisatorisch nämlich ist eine weitere Originalität zu bewundern. Während Rod Stewart am Freitag in der Schleyerhalle komplett auf Zugaben verzichtete, bevorzugt The Cure eine entgegengesetzte Lösung. Nach achtzig Minuten sind sechzehn Songs gespielt – und das Konzert ist vorbei. Natürlich nicht wirklich, jeder im Saal weiß das, denn es folgen nun drei Zugaben mit vierzehn weiteren Songs, insgesamt nochmals achtzig Minuten, fast schon ein zweites Konzert. Bar jeder Logik, aber gerade deshalb cool.

Hallo und farewell

„Hello again“ sagt Robert Smith eingangs, er grüßt damit nicht Howard Carpendale, sondern vermutlich diejenigen, die beim letzten Cure-Konzert in der Schleyerhalle auch schon dabei waren. Es werden viele gewesen sein, denn der Altersdurchschnitt in der Halle bewegt sich – so eng gefasst sieht man das bei Konzerten selten – zwischen fünfundvierzig und fünfzig Jahren; alle Besucher scheinen in verblüffender Eintracht mit der gleichen Musik groß geworden zu sein. Der letzte Auftritt in Stuttgart ist sechzehn Jahre her, das erste der nun insgesamt sechs Schleyerhallenkonzerte hingegen fand 1987 statt, was eigentlich alles sagt über den Ruhm dieser Zeitläufte überdauernden britischen Spitzenband, welche die größte Stuttgarter Halle ausverkauft, obwohl ihr letztes Album acht Jahre alt ist.

„Why Can’t I Be You?“ war übrigens auch das letzte Lied, das vor knapp dreißig Jahren in der Schleyerhalle gespielt wurde. Am Bass agierte damals wie heute Simon Gallup, das neben dem Robert Smith einzig verbliebene Langzeit-Bandmitglied. Ihm zu Ehren, scheint’s, ist der Bass am Sonntag besonders kräftig ausgesteuert, und Gallup macht weidlich Gebrauch von der ihm gewährten Freiheit. Aufgekratzt hüpft er wie ein Flummi über die Bühne, sehr dominant ist sein Spiel. Er drückt den Songs seinen Stempel auf, energisch fast bis zur Schmerzgrenze, die beinahe bei „Disintegration“ erreicht wird, dem letzten Song vor der „Zugabe“.

In der Ruhe liegt die Kraft

Der Bandkopf Robert Smith hingegen ist ein Stoiker, aber ein sympathischer. Kaum verlässt er seinen Platz am Mikro, fast alle Songs interpretiert der noch immer hervorragende Gitarrist originalgetreu. Vor dem finalen Sechserschlag entschuldigt er sich knapp für seine seiner Ansicht nach an diesem Abend schwächelnde Singstimme, kurz hört man sie bei „Lovecats“ und „Let’s Go To Bed“ ein wenig holpern – ansonsten wäre das unbemerkt geblieben. Richtig weit vom Original entfernt spielen sie nur „Boys Don’t Cry“ mit Smith an der Akustikgitarre – gewiss eine der charmantesten Varianten, die man von diesem 38 Jahre alten Song jemals gehört hat. Doch auch der Rest des Retromarathons überzeugt ungemein, egal ob man nun „Friday I’m In Love“ über alle Maßen mag oder einen anderen Lieblingssong hat. Eine wunderbare Zeitreise mit Songs von zehn der dreizehn Alben hat die Band zusammengestellt, bestens aufeinander eingespielt bringen auch die drei Mitmusiker von Gallup und Smith (darunter David Bowies früherer Gitarrist Reeves Gabrels) alles fein auf die Bühne.

Ein zu Recht hochzufriedenes Publikum entlässt Robert Smith schließlich aus seiner gar nicht mehr so düsteren Gedankenwelt in die dunkle Stuttgarter Nacht. „See You Again“, ruft er zum Abschied. Jederzeit gerne, in wie vielen Jahren auch immer.

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